Sibelius, Jean

Lyrische Stücke / Finnische Volks­lieder

op. 74 für Klavier, hg. von Kari Kilpeläinen /(JS 81) für Klavier, hg. von Anna Pulkkis

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Breitkopf & Härtel, Wiesbaden 2025
erschienen in: üben & musizieren 3/2026 , Seite 62

Werke aus dem umfangreichen Klavierschaffen von Jean Sibe­lius sind hierzulande immer noch selten zu hören. Die vorliegenden Sammlungen bieten eine gute Gelegenheit, etwas davon kennenzulernen. Besonders die Volkslieder (komponiert 1903) sind von moderatem Schwierigkeitsgrad und nur eine bis drei Seiten lang, also auch für SpielerInnen aus dem Mittelstufenbereich zu bewältigen. Die Ausgabe bietet den Urtext der Gesamtausgabe. Beide Hefte enthalten ein kurzes Vorwort auf Deutsch und Englisch über die jeweilige Entstehungsgeschichte der Stücke. Die editorischen Kommentare gibt es nur auf Englisch.
Während es von einigen der Volkslieder Autografe gibt, fehlen diese bei den Lyrischen Stü­cken vollständig. Der Herausgeber begründet deshalb dort nur seine von ihm vorgenommenen Angleichungen, wenn es an verschiedenen Stellen im jewei­ligen Stück unterschiedliche Schreibweisen für ansonsten gleichartige Musik im Erstdruck gegeben hat.
Die Stücke haben überwiegend einen verhaltenen, „nordischen“ Charakter. Nur im Stück „Auf dem Tanzvergnügen“ geht es lebhafter zu, dort gibt es auch mal einige Oktavpassagen mit abwechselnden Händen. Das Tempo ist aber auch hier nur Allegretto.
In den Volksliedern liegt die Melodie häufig in einer tieferen Stimme. Manchmal wechseln sich Sopran und die tiefere Stimme strophen-, phrasen- oder sogar taktweise wie in einem Dialog ab. Die Begleitung erscheint hier mit nachschlagenden Akkorden, Orgelpunkten und Ostinatofiguren. Im vierten Lied gibt es einige virtuos wirkende Passagen mit abwechselnden Händen, sie sehen aber schwerer aus als sie sind. Ursprünglich waren die Stücke für Streichorchester geplant. Das erklärt vielleicht den „geschichteten“ Klaviersatz in fünf der sechs Stücke.
Das Notenbild ist in beiden Heften sehr angenehm zu lesen. Der Komponist macht genaue Angaben zur Dynamik und Artikulation – besonders zur Deklamation der Melodie. In den Volksliedern gibt es diesbezüglich manchmal neue Nuancen bei Wiederholungen, was vielleicht mit dem zugrunde liegenden Text zu tun hat, der aber nicht enthalten ist.
Interessanterweise bezeichnet Sibelius bei den Volksliedern durchgängig das Pedal. In den Lyrischen Stücken fehlt es vollständig, vielleicht weil der Klaviersatz hier relativ konventionell ist und geübte Pianistinnen oder Pianisten, die man für diese etwas schwereren Stücke braucht, das selbst herausfinden können. Fingersätze gibt es in keinem der beiden Hefte.
Die beiden Sammlungen sind gut geeignet, dem romantischen Klavierrepertoire noch eine spezielle Farbe hinzuzufügen.
Linde Großmann

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