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Mahlert, Ulrich

Mäch­te und Ohn­mäch­te

Musizierunterricht als Machtgefüge

Rubrik: Aufsatz
erschienen in: üben & musizieren 1/2021 , Seite 06

Wie alles gemeinsame Handeln geschieht auch Musizierunterricht in einem komplexen Zusammenspiel vielfältiger Machtverhältnisse. Klarheit über die in der Berufspraxis wirksamen Machtfaktoren hilft Musiklehrenden, ihre pädagogische Arbeit verantwortungsvoll zu gestalten.

Men­schen stre­ben nach Macht. Der Wunsch, sich als mäch­tig zu erle­ben, gehört wohl zu den mensch­li­chen Grundbedürfnissen.1 Wer klei­ne Kin­der beim gemein­sa­men Spie­len beob­ach­tet, erlebt fort­wäh­rend, wie stark das Macht­mo­tiv in ihre Aktio­nen hin­ein­wirkt. Alle möch­ten „groß und stark“ sein bzw. wer­den. Die Erwach­se­nen bestär­ken sie in die­sem Wunsch. Sol­ches pri­mä­re Macht­stre­ben ist nichts mora­lisch Ver­werf­li­ches. Die früh sich regen­de Ener­gie, eige­ne Inter­es­sen durch­zu­set­zen, muss aller­dings nach und nach mit sozia­ler Rück­sicht­nah­me und Ver­ant­wor­tung für ande­re ver­bun­den wer­den. Dies bleibt eine indi­vi­du­al­psy­cho­lo­gisch anspruchs­vol­le Auf­ga­be. Nicht immer gelingt sie. Wenn nicht, ver­formt sich Macht­stre­ben zu einer nega­ti­ven Kraft, die ande­ren Men­schen auf Kos­ten eige­ner Anlie­gen scha­det.
Musi­zier­un­ter­richt bie­tet vie­ler­lei Mög­lich­kei­ten, das Stre­ben nach Macht aus­zu­le­ben. Sie kön­nen Nut­zen und Scha­den stif­ten. Macht kann Ohn­macht erzeu­gen, aber auch anspor­nen und bele­ben. Mög­lich ist auch, dass Macht­aus­übung Wider­stand aus­löst, eigen­stän­di­ges Han­deln mobi­li­siert und – ent­ge­gen der Herrsch­be­dürf­tig­keit von Macht­aus­üben­den – Eman­zi­pa­ti­on bewirkt.
Die Erschei­nungs­for­men von Macht betref­fen alle am Unter­richt Betei­lig­ten. Neben per­sön­lich aus­ge­üb­ter und erfah­re­ner Macht gibt es Macht­fak­to­ren, die aus struk­tu­rel­len Gege­ben­hei­ten des Unter­richts und aus Musik selbst resul­tie­ren. Mein Bei­trag soll eini­ge Macht­kon­stel­la­tio­nen beleuch­ten:
– Leh­ren­de üben Macht aus, indem sie Ein­fluss auf ihre Schü­le­rin­nen und Schü­ler neh­men.
– Schü­ler und deren Eltern gewin­nen Macht als zah­len­de „Auf­trag­ge­ber“ von Unter­richt.
– Im Musi­zie­ren kön­nen Men­schen Macht­be­dürf­nis­se gestal­ten.
– Die Ein­bin­dung des Unter­richts in Insti­tu­tio­nen wirkt als struk­tu­rel­le Macht.
– Nicht zuletzt: Auch Musik selbst ist eine Macht und wird als Macht erfah­ren. (Der Phi­lo­soph Georg Picht defi­nier­te Hören als „Wahr­neh­mung von Mächten“.2) Sie wirkt inten­siv auf unser Gefühls­le­ben ein, bewegt und erhebt uns.
Erspü­ren und Reflek­tie­ren von Macht­ver­hält­nis­sen im Musi­zier­un­ter­richt gehö­ren unver­zicht­bar zu den stän­dig zu leis­ten­den Auf­gaben von Leh­ren­den. Gera­de weil Macht­bedürfnisse psy­chisch tief ver­wur­zelt sind, blei­ben sie leicht undurch­schaut und wuchern dif­fus in das Agie­ren hin­ein. Zu einem ethisch fun­dier­ten päd­ago­gi­schen Han­deln gehört die Fähig­keit, mit Macht auf­ge­klärt umzu­ge­hen. Macht­miss­brauch ist eine schwe­re päd­ago­gi­sche Ver­feh­lung. Die Macht­im­pul­se im eige­nen Han­deln frei­zu­le­gen, das Macht­ver­hal­ten päd­ago­gi­scher Part­ner und das eige­ne Reagie­ren dar­auf zu ver­ste­hen, wäre eine tief­grei­fen­de psy­cho­ana­ly­ti­sche Auf­ga­be. Hier kön­nen nur eini­ge zur Selbst­er­kun­dung anre­gen­de Hin­wei­se gege­ben wer­den.

Die Macht der Leh­ren­den

Leh­ren­de „unter­wei­sen“ ihre Schü­le­rin­nen und Schü­ler. Der Wort­be­stand­teil „unter“ zeigt bereits das päd­ago­gi­sche Ver­hält­nis: Leh­rer ste­hen über Schü­lern. Ihr Vor­sprung an Kön­nen, Wis­sen und Erfah­rung sichert ihnen Über­le­gen­heit. Selbst wenn sie sich um Augen­hö­he mit ihren Schü­lern bemü­hen, ist die Dif­fe­renz nicht auf­heb­bar. Die Macht von Leh­ren­den äußert sich im Unter­richt auf vie­ler­lei Wei­se: Sie sagen und zei­gen, wie etwas gespielt und geübt wer­den soll. Sie wäh­len Wer­ke aus, die nach ihrer Ansicht für die jeweils Ler­nen­den geeig­net sind. Sie machen Gebrauch von ihrer künst­le­ri­schen und päd­ago­gi­schen Auto­ri­tät. Sie stel­len Leis­tungs­an­for­de­run­gen. Sie geben Auf­ga­ben – im Unter­richt und für die häus­li­che Arbeit – und über­prü­fen die Resul­ta­te. Sie berüh­ren even­tu­ell ihre Schü­le­rin­nen und Schü­ler kör­per­lich (hof­fent­lich mit deren Ein­ver­ständ­nis und dezent), um ihnen hap­ti­sche Erfah­run­gen des Spiels auf dem Instru­ment zu ver­mit­teln. Sie bewir­ken eine für das Musi­zie­ren erforder­liche kör­per­li­che Dis­zi­pli­nie­rung, die bis zum Drill füh­ren kann. Sie ani­mie­ren das Spiel ihrer Schü­le­rin­nen und Schü­ler mit simul­ta­nen Bewe­gun­gen, suchen diri­gie­rend Ener­gie­strö­me und Span­nungs­ver­läu­fe zu über­tra­gen. Eine gro­ße Rol­le spielt Sug­ges­ti­on: Kör­per­li­ches Agie­ren lenkt unter­schwel­lig, ohne direk­te Anwei­sung; bei­spiel­haf­te Fan­ta­sie­bil­der wir­ken auf die musi­ka­li­sche Vor­stel­lung ein. Sug­ges­ti­ves Len­ken benimmt dem Schü­ler ten­den­zi­ell die Frei­heit einer bewusst getrof­fe­nen eige­nen Ent­schei­dung. Daher sind Sug­ges­ti­on und Mani­pu­la­ti­on kaum von­ein­an­der zu tren­nen. Das gilt auch für die Gestal­tung des Leh­rer-Schü­ler-Ver­hält­nis­ses, die Gesprächs­füh­rung und die Atmo­sphä­re im Unter­richt.
All die­se Hand­lungs­wei­sen von Macht­aus­übung ermög­li­chen Leh­ren­den im Musi­zier­un­ter­richt, die eige­ne Bestim­mungs- und Wir­kungs­kraft zu genie­ßen und dadurch sich selbst groß zu füh­len. Da Kör­per­lich­keit und Emo­tio­na­li­tät unver­zicht­ba­re und macht­vol­le Fak­to­ren des Musi­zie­rens sind, bie­ten sie beson­ders wirk­sa­me Mög­lich­kei­ten der Macht­aus­übung. Ihre Inhal­te und Vor­gän­ge sind kogni­tiv oft kaum zu erfas­sen, wodurch eine Distan­zie­rung des Schü­lers um so schwe­rer fällt. Sub­til prak­ti­ziert, kön­nen sie gera­de­zu künst­le­ri­sche Qua­li­tät anneh­men.
Ein Bei­spiel für sol­ches päd­ago­gi­sche Wir­ken im Unter­richt schil­dert Ketil Bjørn­stad in sei­nem Roman Vin­dings Spiel. Die Kla­vier­leh­re­rin Sel­ma Lyn­ge, die nicht mehr wie frü­her kon­zer­tie­ren kann, übt auf ihre Schü­le­rin Anja eine sug­ges­ti­ve Macht aus, die ihr selbst zum Erle­ben künst­le­risch-päd­ago­gi­scher Gran­dio­si­tät ver­hilft: „,Was, glaubst du, ist Sel­ma Lyn­ges Stra­te­gie?‘ ‚Anja zu ihrer bes­ten Freun­din zu machen. Eine Mut­ter hat Anja schon. Frau Lyn­ges Rol­le muß sein, auf ande­re Wei­se Macht über sie zu gewin­nen als nach dem Mot­to: erfah­re­ne Frau belehrt jun­ges Mäd­chen […]. Du darfst nicht ver­ges­sen, Frau Lyn­ge ist eine ver­dammt gute Päd­ago­gin, sie redet dich in Tran­ce, bringt dich dazu, ihre Prä­mis­sen zu akzep­tie­ren, ohne daß du es selbst rich­tig merkst. Sie möch­te sich selbst durch ihre Schü­ler trans­for­mie­ren. Das gibt ihr die Wür­de zurück. Ein Künst­ler von ihrem Niveau hört nie­mals auf. Sie spielt mit ihren Schü­lern wie frü­her auf der Tastatur.‘“3 Die Schü­le­rin Anja wird also gera­de­zu zu einem Instru­ment, auf dem ihre Leh­re­rin sich selbst ver­wirk­licht und ihre Macht­be­dürf­nis­se aus­lebt.

1 „Das Macht­mo­tiv bezeich­net nach [David] McClel­land das Grund­mo­tiv, das auf die Gefühls­er­fah­rung abzielt, die sich ein­stellt, wenn man Ein­fluss auf ande­re Men­schen hat. Das Macht­mo­tiv ver­kör­pert letzt­lich die Hoff­nung auf Kon­trol­le bzw. auch Furcht vor Kon­troll­ver­lust über ande­re. Das Macht­mo­tiv ist auch ein guter Prä­dik­tor für Prä­fe­ren­zen für Tätig­kei­ten und Situa­tio­nen, in denen Pres­ti­ge und Anse­hen erwor­ben wer­den kön­nen. Das Macht­mo­tiv äußert sich häu­fig in dem Bedürf­nis, sich stark und ein­fluss­reich zu füh­len, macht­mo­ti­vier­te Men­schen genie­ßen es, Über­le­gen­heit zu demons­trie­ren, sei es in einem Streit­ge­spräch oder auch durch kör­per­li­che Prä­senz.“ Wer­ner Stangl: Arti­kel „Macht­mo­tiv“, in: Online Lexi­kon für Psy­cho­lo­gie und Päd­ago­gik, 2020, https://lexikon.stangl.eu/5991/machtmotiv (Stand: 8.12.2020).
2 Georg Picht: Kunst und Mythos, Stutt­gart 1986, S. 463.
3 Ketil Bjørn­stad: Vin­dings Spiel. Roman, Frank­furt am Main 2006, S. 280 f.

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