Behschnitt, Rüdiger

Mei­ne App

„Beethoven 9“ – Hörgenuss pur rund um Beethovens 9. Symphonie

Rubrik: musikschule )) DIREKT
erschienen in: üben & musizieren 1/2014 , musikschule )) DIREKT, Seite 12

Um es vor­weg zu neh­men: Die­se App ist ihr Geld (iPad: 12,99 Euro, iPho­ne: 6,99 Euro) mehr als wert! Denn für die­ses Geld erhält man vier her­vor­ra­gen­de Ein­spie­lun­gen von Beet­ho­vens 9. Sym­pho­nie aus dem Archiv der Deut­schen Gram­mo­phon: von Ferenc Fric­say mit den Ber­li­ner Phil­har­mo­ni­kern (1958), Her­bert von Kara­jan (eben­falls mit den Ber­li­ner Phil­har­mo­ni­kern, 1962), Leo­nard Bern­stein mit den Wie­ner Phil­har­mo­ni­kern (1979) und John Eli­ot Gar­di­ner mit dem Orches­t­re Révo­lu­ti­onn­aire et Roman­tique (1992). Die Bern­stein-Auf­nah­me ist auch als Film vor­han­den, was bei einem so cha­ris­ma­ti­schen Diri­gen­ten wie Leo­nard Bern­stein ein zusätz­li­ches, beson­de­res Ver­gnü­gen berei­tet. Allein die Ges­tik und Mimik die­ses Diri­gen­ten ver­fol­gen zu kön­nen, lohnt bereits die Anschaf­fung die­ser App.
Natür­lich kön­nen die Laut­spre­cher eines iPad oder gar iPho­ne kei­ne HiFi-Qua­li­tät erzeu­gen, doch bei der Ver­wen­dung von qua­li­ta­tiv hoch­wer­ti­gen Kopf­hö­rern kann sich der Klang gegen­über einer ein­fa­che­ren Ste­reo­an­la­ge klar behaup­ten.
Doch eine App bie­tet nicht nur die Mög­lich­keit des Hörens, son­dern auch des Sehens. Hier kann man aus meh­re­ren Modi wäh­len. Am nahe­lie­gends­ten ist das Ver­fol­gen der syn­chro­ni­sier­ten Par­ti­tur, wobei sowohl die voll­stän­di­ge Par­ti­tur gewählt wer­den kann als auch eine kura­tier­te Fas­sung, die nur die jeweils the­ma­tisch wich­tigs­ten Stim­men anzeigt. Als drit­te Mög­lich­keit kann man auch Beet­ho­vens Manu­skript von 1825 mit­le­sen. Klei­ner Nach­teil: Selbst wenn man das iPad hoch­kant hält, passt nicht die gesam­te Par­ti­tur ins Blick­fens­ter, sodass man je nach Inter­es­se hin und her scrol­len muss.
Wer kei­ne Noten lesen kann oder möch­te, wird sich viel­leicht für eine gra­fi­sche Nota­ti­on ent­schei­den oder, so der Her­stel­ler, „in die hyp­no­ti­sie­ren­de gra­fi­sche BeatMap (Über­sicht) des Orches­ters ein­tau­chen“ – eine auf Dau­er eher lang­wei­len­de Spie­le­rei. Doch ange­sichts der Fül­le an hoch­wer­ti­gen Infor­ma­tio­nen ist solch Gemä­kel an eini­gen weni­gen ver­zicht­ba­ren Fea­tures ganz unan­ge­bracht.
Wei­te­re Funk­tio­nen sind kur­ze erläu­tern­de Kom­men­ta­re, die ober­halb der Par­ti­tur mit­lau­fen (Erläu­te­run­gen wie „Ein Dra­che von einem d-moll-Akkord, der mit sei­nem rhyth­mi­schen Schwanz peitscht“ mögen nicht jeder­manns Geschmack tref­fen), sowie ein aus­führ­li­cher Exper­ten­kom­men­tar, der zur Par­ti­tur hin­zu­ge­schal­tet wer­den kann. Auch hier wur­de an alles gedacht: Weil die­ser Kom­men­tar zu lang ist, als dass man ihn wäh­rend des Hörens mit­le­sen könn­te, gibt es den „Abschnitt-für-Abschnitt-Modus“, mit Hil­fe des­sen man selbst ent­schei­den kann, wann der nächs­te musi­ka­li­sche Abschnitt erklin­gen soll. Ein wun­der­ba­res Instru­ment für eine ein­ge­hen­de Ana­ly­se die­ser Sym­pho­nie.
Der eigent­li­che Clou jedoch: Wäh­rend des Hörens kann man naht­los und ohne Ver­lust einer ein­zi­gen Note zwi­schen den vier Ein­spie­lun­gen hin und her sprin­gen! Eine klei­ne tech­ni­sche Meis­ter­leis­tung, die ver­tie­fen­de Ein­bli­cke in die Inter­pre­ta­tio­nen erlaubt. Wie klingt die Stel­le bei Kara­jan im Ver­gleich zu Bern­stein? Was bewirkt die tie­fe­re Orches­ter­stim­mung bei Gar­diner, der auf his­to­ri­schen Instru­men­ten spie­len lässt? Wie ver­än­dert sich Beet­ho­vens Stück bei unter­schied­li­chen Tem­pi (Fric­say braucht für den ers­ten Satz 16:39 Minu­ten, wohin­ge­gen Gar­di­ner nur 13:00 Minu­ten benö­tigt…)?
Doch auch das ist noch nicht alles: Im ­Bereich „Die Sto­ry“ bie­tet der bri­ti­sche ­Pia­nist und Musik­wis­sen­schaft­ler David Owen Nor­ris einen kur­zen Blick auf Beet­ho­vens Leben sowie Fak­ten und Hin­ter­grün­de zur Ent­ste­hung der 9. Sym­pho­nie. Er gibt Hör­emp­feh­lun­gen (mit direkt anzu­wäh­len­den Hör­bei­spie­len) und Hin­wei­se zu den vier Inter­pre­ta­tio­nen. Im Bereich „Ein­bli­cke“ schließ­lich erläu­tern in 13 fil­mi­schen Inter­views Leo­nard Bern­stein, John Eli­ot Gar­di­ner, Gus­ta­vo Duda­mel, eini­ge Musi­ker der Ber­li­ner Phil­har­mo­ni­ker und ande­re ihren Zugang und ihre Gedan­ken zu Beet­ho­ven und sei­ner 9. Sym­pho­nie. – Die­se App ist eine wah­re Schatz­kis­te, die allen, die sich für Beet­ho­ven und sei­ne 9. Sym­pho­nie inter­es­sie­ren, vie­le Stun­den Hör­ge­nuss, Infor­ma­ti­on und Unter­hal­tung bie­tet!