Bartók, Béla

Mikro­kos­mos

16 Stücke für Gitarre, bearbeitet von Siegfried Steinkogler

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Universal Edition, Wien 2019
erschienen in: üben & musizieren 2/2020 , Seite 60

Zumin­dest die ers­ten der ins­ge­samt sechs Hef­te des Mikro­kos­mos von Béla Bar­tók lie­gen irgend­wann auf den Kla­vier­pul­ten. Die ins­ge­samt 153 Kla­vier­stü­cke mit gra­du­ell zuneh­men­den Schwie­rig­kei­ten gehö­ren zu den berühm­tes­ten Samm­lun­gen von didak­ti­schen Kla­vier­stü­cken. Sie ent­spran­gen Bar­tóks Idee, ei­ne eige­ne Kla­vier­schu­le zu schrei­ben, und spie­geln die Klang­welt des unga­ri­schen Kom­po­nis­ten.
Bei der Zusam­men­stel­lung der Kom­po­si­tio­nen waren ihm mög­lichst naht­lo­se Über­gän­ge von der einen zur nächs­ten Auf­ga­ben­stel­lung wich­tig. So ent­stand ein Kos­mos im Klei­nen von Stü­cken in vie­len ver­schie­de­nen, doch stets bar­tók­ty­pi­schen Sti­len. Die letz­ten bei­den Bän­de ver­ei­nen Übe­ma­te­ri­al für ange­hen­de Pro­fis. Bar­tók selbst spiel­te ger­ne bei sei­nen Kon­zer­ten aus sei­nem Mikro­kos­mos.
Um auch Gitar­ris­tIn­nen die­sen Mikro­kos­mos zu eröff­nen, hat Sieg­fried Stein­kog­ler aus den Hef­ten drei bis fünf ins­ge­samt 16 Stü­cke für Gitar­re solo bear­bei­tet und in einer schö­nen, ein­wand­frei­en Aus­ga­be bei der Uni­ver­sal Edi­ti­on vor­ge­legt. Die kur­zen Kom­po­si­tio­nen sind mal lyrisch-nost­al­gisch wie das Not­tur­no Nr. 97, mal basie­ren sie auf bul­ga­ri­scher und unga­ri­scher Volks­mu­sik und kom­men wie in den Num­mern 113 und 115 in raschem Tem­po in unge­ra­den Tak­ten (7/8, 5/8) daher. Fast schon wie für Gitar­re kom­po­niert klingt und spielt sich das letz­te hei­te­re, fast sorg­los klin­gen­de Stück der Samm­lung, „Hans­wurst“ (im Ori­gi­nal „Ham­pel­mann“), mit sei­nem auf­wärts­sprin­gen­den Drei­klangsmo­tiv.
Das Spie­len die­ser Gitar­ren­be­ar­bei­tun­gen erfor­dert eine sehr sau­be­re Tech­nik und ist für recht fort­ge­schrit­te­ne Gitar­ris­tIn­nen gedacht. Stein­kog­lers Bear­bei­tun­gen sind sehr nah am Ori­gi­nal­text, er bleibt stets in der Ori­gi­nal­ton­art (auch wenn Bar­tók selbst durch­aus Tran­skrip­tio­nen zuließ) und ent­schei­det sich im Zwei­fels­fall immer für die kla­vier­ge­treue Vari­an­te, nicht für die ein­fa­che­re. So müs­sen man­che kniff­li­gen Fin­ger­sät­ze bewäl­tigt wer­den.
Zu Bar­tóks päd­ago­gi­schem Kon­zept gehört, den Stü­cken tech­ni­sche Hin­wei­se oder Anmer­kun­gen bei­zu­ge­ben, die inter­pre­ta­to­ri­sche Hil­fe­stel­lun­gen geben kön­nen: „Erin­nert an Cho­pin“ oder „Cha­rak­ter wie in Schu­manns Musik“ ord­net die Stü­cke gleich rich­tig ein. Stein­kog­ler führt die für Gitar­ris­tIn­nen und die vor­lie­gen­de Aus­wahl rele­van­ten Hin­wei­se Bar­tóks in sei­nem Vor­wort auf und gibt zudem gute Inter­pre­ta­ti­ons­hin­wei­se und Tipps.
Die Stü­cke schei­nen in der Gitar­ren­be­ar­bei­tung an Schwie­rig­keit ordent­lich zuzu­le­gen. So dürf­ten die Oktav­par­al­le­len und chro­ma­ti­schen Pas­sa­gen in der Chro­ma­ti­schen Inven­ti­on Nr. 92 für Kla­vier bes­ser zu bewäl­ti­gen sein. Dies mag dem Erfolg der vor­lie­gen­den Aus­ga­be etwas im Wege ste­hen. Doch es bie­tet sich hier auf jeden Fall die Chan­ce, end­lich auch Bar­tóks Musik in guter Bear­bei­tung auf der Gitar­re zu spie­len – Grund genug, die­se Aus­wahl für Fort­ge­schrit­te­ne sehr zu emp­feh­len.
Uwe Sand­voß