Oberhaus, Lars / Christoph Stange (Hg.)

Musik und Kör­per

Interdisziplinäre Dialoge zum körperlichen Erleben und Verstehen von Musik

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: transcript, Bielefeld 2017
erschienen in: üben & musizieren 1/2018 , Seite 50

Nach lan­gen Jah­ren der wis­sen­schaft­li­chen Absti­nenz ist die Fra­ge nach dem Ver­hält­nis von Musik und Kör­per wie­der ver­stärkt in den Fokus getre­ten. Das zeigt sich an einer Viel­zahl von Kon­gres­sen und Ring­vor­le­sun­gen, die zu ­die­sem The­ma in jün­ge­rer Zeit statt­ge­fun­den haben, sowie an einer zuneh­men­den Zahl ein­schlä­gi­ger Publi­ka­tio­nen. Aller­dings wäre es eine Über­trei­bung, von Kon­junk­tur oder Mode zu reden, denn rein quan­ti­ta­tiv ist das The­ma „Kör­per“, wie die Her­aus­ge­ber des vor­lie­gen­den Ban­des zu Recht beto­nen, im musik­be­zo­ge­nen Schrift­tum  noch immer ein eher „rand­stän­di­ges“ Phä­no­men.
Dass man viel­leicht doch von einer Wen­de spre­chen kann, hat mit den gewal­ti­gen Ent­wick­lun­gen in jenen Wis­sen­schaf­ten zu tun, auf die Musik­wis­sen­schaft und Musik­päd­ago­gik zwangs­läu­fig rekur­rie­ren müs­sen, sobald sie den Kör­per the­ma­ti­sie­ren. Hier sind ins­be­son­de­re die Ent­wick­lun­gen in den neue­ren Kogni­ti­ons­wis­sen­schaf­ten zu nen­nen, aber natür­lich auch Erkennt­nis­se aus der Neu­ro­bio­lo­gie.
Die vor­lie­gen­de Text­samm­lung ist aus einer inter­dis­zi­pli­nä­ren Tagung her­vor­ge­gan­gen, die von Lars Ober­haus und Chris­toph Stan­ge unter dem Titel „Musik erle­ben und ver­ste­hen mit dem Kör­per“ initi­iert wur­de und im März 2016 in Han­se-Wis­sen­schafts­kol­leg Del­men­horst statt­fand. Der Band umfasst Bei­trä­ge aus den Berei­chen Musik­päd­ago­gik, Musik­wis­sen­schaft, all­ge­mei­ne Päd­ago­gik, Musik­psy­cho­lo­gie und Tanz­wis­sen­schaf­ten – nicht jedoch, was bei die­sem The­ma immer­hin auf­fal­lend ist, aus der Musik­phy­sio­lo­gie. Und auch der Bereich der musi­ka­li­schen Per­form­anz­for­schung ist, mit Aus­nah­me viel­leicht des Bei­trags von Julia von Has­sel­bach (der jedoch einen stark instru­men­tal­päd­ago­gi­schen Fokus hat) nicht ver­tre­ten.
Dass sowohl die Tagung selbst als auch die aus ihr her­vor­ge­gan­ge­nen Tex­te inter­dis­zi­pli­när aus­ge­legt sind, ist eng mit dem Gegen­stand ver­bun­den. Davon legen nicht nur die unter­schied­li­chen Dis­zi­pli­nen, denen die AutorIn­nen ange­hö­ren, ein bered­tes Zeug­nis ab, son­dern vor allem auch die Tex­te selbst. Ein Blick in die Lite­ra­tur­ver­zeich­nis­se zeigt, dass vie­le Bei­trä­ge sehr bewusst den geschütz­ten Rah­men „ihres“ Fachs ver­las­sen und nach Bezugs­punk­ten in der Phi­lo­so­phie, den Kogni­ti­ons­wis­sen­schaf­ten und den For­schun­gen zum The­ma „Embo­di­ment“ Aus­schau hal­ten.
Als häu­fig gewähl­te Refe­renz­punk­te fun­gie­ren hier zum einen die Kogni­ti­ons­wis­sen­schaf­ten, inner­halb derer es seit län­ge­rer Zeit Ten­den­zen gibt, den Kör­per nicht mehr nur als Gegen­stand der Kogni­ti­on zu begrei­fen, son­dern als ein im wei­tes­ten Sin­ne „intel­li­gi­bles“ Phä­no­men, das beim Zustan­de­kom­men von Kog­nition eine nicht weg­zu­den­ken­de Rol­le spielt. Aller­dings wird eine ver­glei­chen­de Lek­tü­re der unter­schied­li­chen Tex­te rela­tiv schnell bemer­ken, dass auch unter die­sem Para­dig­ma recht unter­schied­li­che Vor­stel­lun­gen dar­über bestehen, wie die­se Rol­le im Ein­zel­nen aus­sieht.
Wäh­rend die Bei­trä­ge von Jin Hyuan Kim und Lars Ober­haus davon aus­ge­hen, dass Kogni­ti­on grund­sätz­lich als „embo­di­ed“ oder „situa­ted cogni­ti­on“ ver­stan­den wer­den muss, so argu­men­tiert Wil­fried Gruhn aus der Per­spek­ti­ve des lern­theo­re­ti­schen Ansat­zes von Hans Aeb­li, der im Anschluss an Pia­get zwar eben­falls davon aus­ging, dass das Den­ken eine Funk­ti­on des Tuns ist, es aber letzt­lich doch als Ziel von Kogni­ti­on bestimm­te, „die Struk­tur eines erwor­be­nen, d. h. gelern­ten Hand­lungs­ab­laufs zu sichern“. Das ist weni­ger radi­kal als der unter Rück­griff auf Hum­ber­to Matu­rana und Fran­cis­co Vare­la unter­nom­me­ne Defi­ni­ti­ons­ver­such von Lars Ober­haus, der Kogni­ti­on als eine „ver­kör­per­lich­te Inter­ak­ti­on eines Indi­vi­du­ums mit sei­ner Umwelt“ kenn­zeich­net, „die ihren Platz nicht aus­schließ­lich im Gehirn hat“.
Als ein ande­rer, eben­falls häu­fig gewähl­ter Bezugs­punkt fun­giert die Phä­no­me­no­lo­gie des Lei­bes von Mau­rice Mer­leau-Pon­ty sowie die neue­ren phä­no­me­no­lo­gi­schen Ansät­ze von Bern­hard Wal­den­fels. Auch hier las­sen die Bei­trä­ge durch­aus unterschied­liche Les­ar­ten erken­nen, z. B. hin­sicht­lich der für Wal­den­fels so wich­ti­gen Dimen­si­on der „Fremd­heit“ des eige­nen Kör­pers bzw. der Gleich­zei­tig­keit von Kör­per­be­zug und -ent­zug. Hier kom­men Frau­ke Heß, Chris­toph Stan­ge und Wolf­gang Rüdi­ger zu durch­aus unter­schied­li­chen Inter­pre­ta­tio­nen, die man ger­ne wei­ter ver­fol­gen wür­de.
Genau in die­sem sich hin­ter den ein­zel­nen Bei­trä­gen eröff­nen­den Dis­kurs liegt die Stär­ke des vor­lie­gen­den Ban­des. Die Tex­te, obschon unab­hän­gig von­ein­an­der ent­stan­den, offen­ba­ren ein hohes Maß an gemein­sa­men Zugän­gen, wodurch sie sich bis­wei­len gegen­sei­tig zu kom­men­tie­ren schei­nen, was die Lek­tü­re zu einem unge­mein fes­seln­den Unter­fan­gen wer­den lässt. So lie­ße sich die von Frau­ke Heß mit­ge­teil­te Fra­ge einer Tän­ze­rin, wie­so „die Musik­päd­ago­gik davon aus­ge­he, dass Schü­le­rin­nen und Schü­ler über ein der­ar­tig aus­dif­fe­ren­zier­tes Bewe­gungs­re­per­toire ver­fü­gen, dass Bewe­gung und Tanz auto­ma­tisch in den Dienst prä­sen­ti­schen Musik­erlebens gestellt wer­den kön­nen“, direkt mit dem Bei­trag von Peter Röb­ke kon­fron­tie­ren, der im Anschluss an Roland Bar­t­hes die Fra­ge stellt, ob sich im Sin­gen eines Lai­en nicht „der Leib in all sei­ner unver­füg­ba­ren und unkon­trol­lier­ba­ren Fül­le“ aus­spricht, wäh­rend im Gesang eines Pro­fis der „Zuge­winn in der tech­ni­schen Umset­zung musi­ka­li­scher Vor­stel­lun­gen […] zugleich ein Minus an per­sön­li­chem Sinn und leib­li­cher Prä­senz“ beinhal­ten kann.
Wobei frei­lich zu fra­gen wäre, ob für die Arbeit an einer der­art rück­halt­lo­sen „art brut“ die Ins­titutionen Schu­le und Musik­schu­le wirk­lich die geeig­ne­ten Orte sind… Aber genau zu der­ar­ti­gen Fra­gen ani­miert der Band: Er doku­men­tiert nicht nur eine Dis­kus­si­on, son­dern regt einen zukünf­ti­gen Aus­tausch an. Es bleibt zu wün­schen, dass das in ihm lie­gen­de dis­kur­si­ve Poten­zial von sei­nen hof­fent­lich zahl­rei­chen Lese­rin­nen und Lesern auf­ge­grif­fen und wei­ter­ge­trie­ben wird.
Wolf­gang Les­sing