Houben, Eva-Maria

Musi­ka­li­sche Pra­xis als Lebens­form

Sinnfindung und Wirklichkeitserfahrung beim Musizieren

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Transcript, Bielefeld 2018
erschienen in: üben & musizieren 4/2018 , Seite 55

Weg­drü­cken oder anlas­sen, like oder don’t like – so scheint sich mitt­ler­wei­le Musik­kul­tur in wei­ten Tei­len unse­rer Gesell­schaft zu arti­ku­lie­ren. Ganz im Gegen­satz dazu ver­mit­telt schon der Titel die­ser Neu­erschei­nung im dop­pel­ten Sin­ne, dass die Autorin es offen­bar mit die­ser Art des Umgangs mit Musik nicht so hat. Einer­seits geht es statt pas­si­ven Hörens und Kon­su­mie­rens um das Prak­ti­zie­ren von Musik, ande­rer­seits um eine Lebens­form, die durch Musik­ma­chen ganz erfüllt ist.
Dies wird uns in einer gut les­ba­ren Spra­che zunächst in einem theo­re­ti­schen Teil, dann in einem prak­ti­schen Teil ver­mit­telt, der den Vor­gang der Aus­füh­rung durch eine gro­ße Zahl von Wer­ken ins Zen­trum der Betrach­tung rückt. Für das Anlie­gen des Buchs eig­nen sich weder Egge­brechts und Dah­l­haus’ Posi­tio­nen von einem abso­lu­ten Kunst­werk noch die stren­ge Selek­ti­on einer Welt der Lebens­wirk­lich­keit gegen­über einer Gegen­welt der Kunst. Hou­ben wen­det sich kon­se­quent u. a. anglo­ame­ri­ka­ni­schen Posi­tio­nen eines All­an P. Mer­ri­an und John Blacking zu, nach denen der Mensch und sein Poten­zi­al als Teil sozia­ler Wirk­lich­keit exis­tiert und musi­ziert, nicht zuletzt mit und durch sei­ne Kör­per­lich­keit. Sinn ergibt sich nicht durch Ange­bun­den­sein an ein Form­ge­fü­ge (Egge­brecht), son­dern ist an die Begeg­nung mit Men­schen gebun­den. Es kommt auf das Tun, die musi­ka­li­sche Ak­tivität an. „Die Betei­lig­ten üben eine Pra­xis aus, in der sie Sinn erfah­ren und die sie wie­der­ho­len möch­ten.“
Die Bei­spie­le des zwei­ten Teils spre­chen für sich: Hou­ben lädt die Lese­rIn­nen zu neu­en, über­ra­schen­den Sicht­wei­sen auf Spiel­vor­gän­ge und Befind­lich­kei­ten der Spie­le­rIn­nen ein. Die ein­zel­nen Kapi­tel mit zahl­rei­chen Bei­spie­len und immer neu­en Aspek­ten sind nach der Beset­zungs­zahl der Wer­ke ange­ord­net. Die Aus­füh­run­gen zu Cho­pins Pré­lude op. 28,2 a-Moll sind über­schrie­ben mit „Zärt­li­che Ver­bin­dun­gen in ver­stö­ren­dem Kon­text“ – als Aus­druck zar­ter Berüh­rung von Tas­ten und Fin­gern beim Spiel der Melo­die trotz dis­so­nan­z­ent­frem­de­ter Umge­bung. In Lui­gi Nonos …sof­fer­te onde sere­ne… wer­den die Pul­sa­tio­nen zu Lebens­zei­chen, Tas­ten zu Ver­län­ge­run­gen der Fin­ger. Und musi­ziert das Orches­t­re Revo­lu­ti­onn­aire et Roman­tique Beet­ho­vens Fünf­te im Ste­hen, so wird das Spiel zum Kom­mu­ni­ka­ti­ons­vor­gang, zu einer revo­lu­tio­nä­ren Ver­samm­lung im Sin­ne Paul Bek­kers.
Ange­sichts eines kon­su­mis­ti­schen Zeit­geis­tes, der mit­un­ter davon abhält, ein­mal selbst die Gitar­re zum Klin­gen zu brin­gen, ver­tritt die­ses Buch eine Gegen­po­si­ti­on. Ein sehr lesens­wer­tes Buch, das zum Nach-, Neu- und Quer­den­ken anregt und das für das sozia­le Mit­ein­an­der mit und durch Musik mit jeder Denk­fa­ser sei­ner Autorin ein­steht.
Adal­bert Gro­te