© spaskov_www.stock.adobe.com

Müller-Spitzer, Carolin

Musi­ker – Musi­ke­rin – Musiker*innen?

Linguistisches Hintergrundwissen zum Thema geschlechtergerechte Sprache

Rubrik: Aufsatz
erschienen in: üben & musizieren 2/2022 , Seite 06

Blindvorspiele können zu einer höheren Frauenquote in Orchestern führen, weil der visuelle Eindruck ungewollt doch eine Rolle bei der Beurtei­lung der musikalischen Qualität spielt.1 Aber wie ist es mit der Sprache? Ist das sogenannte generische Maskulinum wirklich die neutrale Folie, um alle Menschen gleichermaßen gut anzusprechen? Oder spricht doch vieles für eine weitergehende geschlechter­gerechte Sprache? Was weiß die sprachwissenschaftliche Forschung dazu?

Um das The­ma Gen­dern oder geschlech­ter­ge­rech­te Spra­che hat sich eine hit­zi­ge gesell­schaft­li­che Debat­te ent­wi­ckelt. Aller­dings erschöpft sich die Dis­kus­si­on leicht in Pro- und Kon­tra-Posi­tio­nen, dabei gibt es eine gan­ze Band­brei­te von Aspek­ten rund um das The­ma „geschlech­ter­ge­rech­te Spra­che“ zu betrach­ten, die eine dif­fe­ren­zier­te­re Dis­kus­si­on ermög­li­chen kön­nen. Ziel die­ses Bei­trags ist es, eini­ge die­ser Aspek­te knapp und mög­lichst ver­ständ­lich in die Debat­te einzubringen.2

Genus und Sexus

Das Deut­sche hat bekannt­lich drei gram­ma­ti­sche Gene­ra: Mas­ku­li­num, Femi­ni­num und Neu­trum. Das Genus­sys­tem im Deut­schen wird daher auch den geschlechts­spe­zi­fi­schen Genus­sys­te­men zugeordnet.3 Ande­re Spra­chen, z. B. die meis­ten roma­ni­schen Spra­chen wie Fran­zö­sisch oder Spa­nisch, unter­schei­den zwei Gene­ra. Genau­so gibt es Spra­chen wie das Fin­ni­sche oder Tür­ki­sche, die gar kein Genus­sys­tem auf­wei­sen. Das Genus­sys­tem im Deut­schen folgt bestimm­ten Regu­la­ri­tä­ten, die – ver­ein­facht gesagt – teil­wei­se aus der Mor­pho­lo­gie (Wort­ge­stalt) und teil­wei­se aus der Seman­tik (Wort­be­deu­tung) abzu­lei­ten sind. Bei­spiels­wei­se sind alle Ver­nied­li­chun­gen (sog. Dimi­nu­ti­va) Neut­rum, z. B. der Mann/das Männ­chen, die Frau/ das Frau­chen. Dies ist ein Bei­spiel für eine mor­pho­lo­gi­sche Regel.
Im Bereich der natür­li­chen Per­so­nen ist es in der Regel so, dass männ­li­che Per­so­nen auch mit einem mas­ku­li­nen Nomen bezeich­net wer­den, anders­her­um ist eine Per­so­nen­be­zeich­nung für eine weib­li­che Per­son in der Regel ein Femi­ni­num (der Mann, der Vater, der Arzt vs. die Frau, die Mut­ter, die Ärz­tin). Dies sind Regeln, die mit der Bedeu­tung der Wör­ter zusam­men­hän­gen. Dass die­se Genus-Sexus-Kon­gru­enz, das heißt die Ver­wen­dung des gram­ma­ti­schen Geschlechts zur Kenn­zeich­nung der Geschlechts­iden­ti­tät der bezeich­ne­ten Per­son, (nur) bei Per­so­nen­be­zeich­nun­gen in vie­len geschlechts­spe­zi­fi­schen Spra­chen vor­zu­fin­den ist, liegt ver­mut­lich dar­an, dass Men­schen sich nun ein­mal für das Geschlecht ihrer Mit­men­schen interessieren.4 Bei Per­so­nen­be­zeich­nun­gen gibt es dem­nach oft­mals eine Ver­bin­dung von Genus und Sexus.5

Das soge­nann­te gene­rische Maskulinum

Dreh- und Angel­punkt der Aus­ein­an­der­set­zung um geschlech­ter­ge­rech­te Spra­che ist das soge­nann­te gene­ri­sche oder geschlechts­über­grei­fen­de Mas­ku­li­num. Dies bezeich­net den Sprach­ge­brauch, dass mas­ku­li­ne Bezeich­nun­gen für alle Per­so­nen gel­ten, das heißt dass z. B. Schü­ler eine neu­tra­le Bezeich­nung für Schüler*innen jeg­li­chen Geschlechts sei.6 Ein häu­fig genann­tes Schlag­wort dabei lau­tet: Genus ist nicht gleich Sexus. Dass damit der Kern des Pro­blems bei Per­so­nen­be­zeich­nun­gen nicht getrof­fen wird, wur­de bereits deut­lich gemacht. Außer­dem ist es nicht so, dass das soge­nann­te gene­ri­sche Mas­ku­li­num schon immer die Stan­dard­ver­wen­dung war. So fasst z. B. Johann Chris­toph Gott­sched in sei­ner Grund­le­gung einer deut­schen Sprach­kunst aus dem Jahr 1748 zusam­men, dass „Wör­ter, die männ­li­che Namen, Ämter, Wür­den oder Ver­rich­tun­gen bedeu­ten, […] auch männ­li­ches Geschlechts“ sind, dass aber „Namen und Benen­nun­gen, Ämter und Titel, Wür­den und Ver­rich­tun­gen des Frau­en­vol­kes […] weib­li­ches Geschlech­tes“ sind, z. B. „Kai­se­rin, Köni­ginn, Her­zo­ginn […] Feld­mar­schal­linn, Obers­tinn, Haupt­män­nin, Hof­rät­hinn, Doctorinn“.7
Auch das heu­te viel dis­ku­tier­te Wort „Stu­die­ren­de“ ist schon viel län­ger im deut­schen Sprach­ge­brauch vor­han­den, als vie­le den­ken (vgl. Abb. 1 und 2).

Trotz­dem wird das gene­ri­sche Mas­ku­li­num ins­be­son­de­re von Gegner*innen der geschlech­ter­ge­rech­ten Spra­che als der natür­li­che­re Sprach­ge­brauch dargestellt.8 Dabei sind es zunächst ein­mal die eta­blier­ten gewohn­ten For­men, kei­ne durch das Sprach­sys­tem vor­ge­ge­be­nen Regeln. In frü­he­ren Zei­ten stell­te sich die Fra­ge auch gar nicht: Im öffent­li­chen Raum, in Bür­ger­ver­samm­lun­gen, in poli­ti­schen Dis­kus­sio­nen wur­den vor allem Män­ner adres­siert. Ende des 19. Jahr­hun­derts, als Frau­en lang­sam in gesell­schaft­li­che Rol­len gelang­ten, die davor nur Män­nern vor­be­hal­ten waren, wur­de beson­de­rer Wert dar­auf gelegt, sie auch expli­zit mit einer weib­li­chen Form zu bezeich­nen (wie z. B. Leh­re­rin), um sie deut­li­cher von Män­nern abzu­gren­zen. Erst in der Nach­kriegs­zeit, als Frau­en in immer mehr Berei­chen eine Rol­le spiel­ten, wur­de das Mit­mei­nen, das heißt die gram­ma­tisch männ­li­che Bezeich­nung für alle, unter der sich Frau­en dann mit­ge­meint füh­len sol­len, der übli­che Sprachgebrauch.9

Empi­ri­sche Studien

Die femi­nis­ti­sche Linguistik10 kri­ti­siert schon seit den 1970er Jah­ren die­sen Sprach­ge­brauch. Die Schwie­rig­keit ist aller­dings, dass Sprach­ver­ste­hen, also die men­ta­len Pro­zes­se, wenn sprach­li­cher Input ver­ar­bei­tet wird, in der Regel kein bewuss­ter Pro­zess ist. Wenn mir jemand sagt: „Bei uns in der Nach­bar­schaft wird eine klei­ne Kat­ze ver­misst“, mache ich mir in der Regel kei­ne expli­zi­ten Gedan­ken, an wel­che Art von Kat­ze ich dabei den­ke: an eine schwar­ze, eine geti­ger­te, eine mit kur­zem oder lan­gem Fell? Genau­so den­ke ich nicht expli­zit dar­über nach, ob ich in dem Satz: „Die Musi­ker haben in der Coro­na-Kri­se beson­ders schwie­ri­ge Arbeits­be­din­gun­gen“ nur an männ­li­che oder an alle Musi­ker*innen den­ke. Des­halb ist die expli­zi­te Fra­ge an Frau­en nach dem „Mit­mei­nen“ (wenn z. B. Musi­ke­rin­nen gefragt wer­den: „Füh­len Sie sich mit­ge­meint, wenn Sie als ,Musi­ker‘ ange­spro­chen wer­den?“) nicht unbe­dingt ein viel­ver­spre­chen­der Aus­gangs­punkt, von dem aus man unter­su­chen kann, ob das gene­ri­sche Mas­ku­li­num auch wirk­lich das ihm nach­ge­sag­te geschlechts­über­grei­fen­de Poten­zi­al hat. Es gibt geschick­ter auf­ge­bau­te empi­ri­sche Stu­di­en, in denen man ver­sucht, einen Blick auf die Ver­ar­bei­tung geschlechts­über­grei­fen­der Mas­ku­li­na zu gewinnen.
Zahl­rei­che sol­cher empi­ri­schen Stu­di­en wei­sen dar­auf hin, dass gram­ma­tisch mas­ku­li­ne Per­so­nen­be­zeich­nun­gen im Sprach­ver­ständ­nis oft nicht neu­tral ver­stan­den, son­dern eher auf männ­li­che Per­so­nen bezo­gen wer­den. Bei­spiel: In einer Stu­die wur­de die­se For­schungs­fra­ge über Satz­fort­set­zun­gen untersucht.11 Die Proband*innen beka­men ver­schie­de­ne Sät­ze, in denen eine Per­so­nen­be­zeich­nung im gene­ri­schen Mas­ku­li­num for­mu­liert war, z. B.: „Die Sozi­al­ar­bei­ter lie­fen durch den Bahn­hof.“ Im Anschluss beka­men sie einen zwei­ten Satz, bei dem sie ange­ben soll­ten, ob der zwei­te Satz eine sinn­vol­le Fort­set­zung des ers­ten ist, z. B.: „Wegen der schö­nen Wet­ter­pro­gno­se tru­gen meh­re­re der Frau­en kei­ne Jacke.“ Gemes­sen wur­de dann die Zeit, bevor die Proband*innen „ja“ drück­ten. Es zeig­te sich in die­ser Stu­die, dass in der deutsch­spra­chi­gen Ver­si­on des Expe­ri­ments unab­hän­gig von der ste­reo­ty­pen Berufs­vor­stel­lung (z. B. Kos­me­tik und Kran­ken­pfle­ge eher weib­lich) die Proband*innen für die Satz­fort­set­zun­gen mit weib­li­chen Per­so­nen län­ger brauch­ten als für die, in die Män­ner ein­ge­setzt wurden.
Im Eng­li­schen dage­gen zeig­te sich nur ein Effekt der ste­reo­ty­pen Vor­stel­lun­gen über Beru­fe, das heißt dass die Ver­suchs­per­so­nen län­ger für die Beant­wor­tung der Fra­ge brauch­ten, wenn das Geschlecht im zwei­ten Satz nicht der ste­reo­ty­pen Vor­stel­lung des im ers­ten Satz genann­ten Berufs ent­sprach. Dies bringt die Autor*innen der Stu­die zu dem Schluss, dass Per­so­nen­be­zeich­nun­gen im gene­ri­schen Mas­ku­li­num im Deut­schen auch im Plu­ral nicht geschlechts­über­grei­fend inter­pre­tiert wer­den, son­dern dass das gram­ma­ti­sche Geschlecht die ste­reo­ty­pe Vor­stel­lung über­la­gert. Ähn­li­che Erklä­rungs­an­sät­ze ver­fol­gen eine Viel­zahl ande­rer Studien.12

1 vgl. Iris Boh­net: What works, Mün­chen 2017, S. 9 f. und Clau­dia Goldin/Cecilia Rou­se: „Orches­tra­ting Impar­tia­li­ty: The Impact of ‚Blind‘ Audi­tions on Fema­le Musi­ci­ans“, in: Ame­ri­can Eco­no­mic Review, Band 90, Nr. 4 (2000), S. 715–741, https://doi.org/10.1257/ aer.90.4.715 (Stand: 23.2.2022).
2 Ein ver­gleich­ba­rer Bei­trag zum The­ma ist in der Zeit­schrift Sprach­re­port, Jg. 37, Heft 2 (2021) sowie in Der Deutsch­un­ter­richt, Jg. 73, Heft 3 (2021) erschienen.
3 Gre­vil­le G. Cor­bett: „Sex-based and non-sex-based gen­der sys­tems“, in: Mat­thew S. Dryer/Martin Has­pel­math (Hg.): The world atlas of lan­guage struc­tures online, Leip­zig 2013, https://wals.info/chapter/31 (Stand: 23.2.2022).
4 vgl. ebd.
5 vgl. z. B. Andre­as Klein: „Wohin mit Epi­ko­i­na? – Über­le­gun­gen zur Gram­ma­tik und Prag­ma­tik geschlechts­indefiniter Per­so­nen­be­zeich­nun­gen“, in: Gabrie­le Diewald/Damaris Nüb­ling (Hg.): Genus, Sexus, Gen­der – Neue For­schun­gen und empi­ri­sche Stu­di­en zu Geschlecht im Deut­schen, Ber­lin (erscheint 2022).
6 vgl. z. B. Peter Eisen­berg: „Die Ver­mei­dung sprach­li­cher Dis­kri­mi­nie­rung im Deut­schen“, in: Mut­ter­spra­che, Jg. 130, Heft 1 (2020), S. 3–16 und Peter Eisen­berg: „Gen­der-Spra­che im Duden: Unter dem Muff von hun­dert Jah­ren“, in: Frank­fur­ter All­ge­mei­ne Zei­tung, 8.1.2021.
7 Johann Chris­toph Gott­sched: Grund­le­gung einer deut­schen Sprach­kunst, Leip­zig 1748, S. 161 und S. 167 (Her­vor­heb. im Orig.), http://mdz-nbn-resolving.de/ urn:nbn:de: bvb:12-bsb10583647‑6 (Stand: 23.2.2022); vgl. auch Ursu­la Doleschal: „Das gene­ri­sche Mas­ku­li­num im Deut­schen. Ein his­to­ri­scher Spa­zier­gang durch die deut­sche Gram­ma­tik­schrei­bung von der Renais­sance bis zur Post­mo­der­ne“, in: Lin­gu­is­tik Online, Band 11, Nr. 2 (2002), S. 39–69, https://doi.org/10.13092/lo.11.915 (Stand: 23.2.2022).
8 Bern­ward Lohei­de: „Kri­tik an Gen­der-Spra­che: Aben­teu­er­li­che Duden-Krea­tio­nen“, in: Der Spie­gel, 14.2.2021, www.spiegel.de/kultur/kritik-an-gender-sprache-abenteuerliche-duden-kreationen-a-846e042d-dfa9-4077-a16d-9adb2f258322 (Stand: 23.2.2022).
9 vgl. Doleschal 2002.
10 vgl. Lui­se F. Pusch: Das Deut­sche als Män­ner­spra­che, Frank­furt am Main 1984 oder Sen­ta Trö­mel-Plötz: Vater­spra­che, Mut­ter­land: Beob­ach­tun­gen zu Spra­che und Poli­tik. 2., über­ar­bei­te­te Auf­la­ge, Mün­chen 1993.
11 vgl. Pas­cal Mark Gygax/Ute Gabriel/Oriane Sarrasin/Jane Oakhill/Alan Garn­ham: „Gene­ri­cal­ly inten­ded, but spe­ci­fi­cal­ly inter­pre­ted: when beau­ti­ci­ans, musi­ci­ans and mecha­nics are all men“, in: Lan­guage and Cogni­ti­ve Pro­ces­ses, Band 23, Nr. 3 (2008), S. 464–485.
12 vgl. Hel­ga Kotthoff/Damaris Nüb­ling: Genderlinguis­tik: Eine Ein­füh­rung in Spra­che, Gespräch und Geschlecht, Tübin­gen 2018, S. 91–127.

Lesen Sie wei­ter in Aus­ga­be 2/2022.