Schäffler, Philipp

Musik­schu­le 2.1

Instrumentalunterricht im digitalen Zeitalter

Rubrik: musikschule )) DIREKT
erschienen in: üben & musizieren 1/2016 , musikschule )) DIREKT, Seite 04

Versetzen wir uns in das Jahr 2050: Wissenschaftler gehen davon aus, dass bis dahin Supercomputer durch die Auswertung riesiger Datenmengen die mensch­lichen Fähigkeiten in fast allen Bereichen übertroffen haben werden.1 Wie sehen in dieser gewissermaßen absehbaren Zukunft die Musikschulen aus?

Sze­na­rio 1: Die tra­di­tio­nel­le Musik­schu­le hat sich auf­ge­löst. Instru­men­te wer­den jetzt online unter­rich­tet. Der Preis­markt ist von den Online-Musik­schu­len hart umkämpft, man ver­sucht, sich mit Qua­li­tät und berühm­tem Lehr­per­so­nal von den un­gezählten Instru­men­tal­päd­ago­gIn­nen abzu­gren­zen, die ihre Tuto­ri­als kos­ten­los bei You­Tube hoch­la­den.

Sze­na­rio 2: Nicht nur die Musik­schu­le ist aus der Kul­tur­land­schaft ver­schwun­den, auch der tra­di­tio­nel­le Leh­rer ist bei Wei­tem nicht mehr so gefragt wie frü­her. Denn die Apps für Instru­men­te las­sen sich so intui­tiv bedie­nen, dass Maria Montes­soris Dik­tum „Hilf mir, es selbst zu tun“ gänz­lich erfüllt ist.

Sze­na­rio 3: Die Musik­schu­len bestehen wei­ter­hin, aber die tra­di­tio­nel­len, rea­len Instru­men­te sind mehr oder weni­ger ver­drängt. Nun erschließt man sich auf zahl­rei­chen neu­en, vir­tu­el­len Instru­men­ten uner­hör­te Klang­wel­ten, bei­spiels­wei­se mit dem „iPad Aero­string“ oder der „Goog­le Back­pipe­harp“. Die Spiel­ober­flä­chen der Tablets sind wei­ter­ent­wi­ckelt und reagie­ren hoch­sen­si­bel auf Fin­ger­druck, Atem­füh­rung, Hal­tung und Bewe­gung. Nicht nur das Übever­hal­ten und der Lern­fort­schritt wer­den auf dem Tablet doku­men­tiert, son­dern die gefor­der­ten Etü­den wer­den indi­vi­du­ell auf den Schü­ler abge­stimmt, um spie­le­risch das nächs­te Level zu errei­chen. Dar­über hin­aus ist das neue „All­round-Musik­in­stru­ment“ ver­gleichs­wei­se bil­lig und passt in jede Tasche. Galt frü­her die Orgel als Köni­gin der Instru­men­te, lässt das Tablet 2050 die ver­schie­de­nen Regis­ter der Orgel und damit die Mög­lich­keit, ande­re Instru­men­te zu imi­tie­ren, „alt“ aus­se­hen. Auf dem Com­pu­ter, dem Tablet oder dem Smart­pho­ne kön­nen per Knopf­druck alle Instru­men­te in allen nur erdenk­li­chen Spiel­wei­sen abge­ru­fen wer­den, die dank ver­bes­ser­ter Sampling­raten nicht mehr vom Ori­gi­nal zu unter­schei­den sind.

Sze­na­rio 4: Die Musik­schu­len funk­tio­nie­ren immer noch so wie im Jahr 2015. Das Smart­pho­ne wird ger­ne als Metro­nom, Noten­buch, Auf­nah­me- und Stimm­ge­rät ver­wen­det, aber ansons­ten ist die Musik­schu­le nach wie vor ein Ort, an dem man unter pro­fes­sio­nel­ler Anlei­tung ein tra­di­tio­nel­les, rea­les Instru­ment erlernt. Das Tablet hat sich im Instru­men­ten­ka­rus­sell nicht durch­set­zen kön­nen und ist in ande­ren Berei­chen prä­sent, aber nicht im Inst­rumentalunterricht.

Das Gedan­ken­spiel lie­ße sich mit gro­ßer Freu­de wei­ter­trei­ben, und ver­mut­lich wird die Zukunft eine Mischung aus den ange­deu­te­ten Sze­na­ri­en brin­gen, die ja teil­wei­se schon ein­ge­tre­ten sind.

Musik­in­stru­men­te sind idea­le Übungs­me­di­en

Die Fra­ge, wel­chen Ein­fluss die digi­ta­le Revo­lu­ti­on auf den Instru­men­tal­un­ter­richt haben wird, führt zu sehr grund­sätz­li­chen Fra­gen, deren Beant­wor­tung einer phi­lo­so­phi­schen Posi­tio­nie­rung gleich­kommt, näm­lich wie der Mensch in der Welt ist und wie und ob die digi­ta­len Medi­en die Beschrei­bung des Men­schen ver­än­dern wer­den. Greift man den Ansatz des Phi­lo­so­phen Peter Slo­ter­di­jk auf, braucht man sich um die Zukunft des Instrumental­unterrichts kei­ne Sor­gen zu machen. In sei­ner Anthro­po­lo­gie ver­steht er den Men­schen als ein „üben­des Wesen“ und defi­niert Übung als „jede Ope­ra­ti­on, durch wel­che die Qua­li­fi­ka­ti­on des Han­deln­den zur nächs­ten Aus­füh­rung der glei­chen Ope­ration erhal­ten oder ver­bes­sert wird, sei die als Übung dekla­riert oder nicht“.2 Sein Übungs­be­griff bezieht sich dem­nach auf jeg­li­che Form des Lebens; und doch geht er nicht zufäl­lig einer­seits auf die Päd­ago­gik, ande­rer­seits auf den Instru­men­tal­vir­tuo­sen ein. Letz­te­rer ist ein Vor­bild, da er durch ste­ti­ge Wie­der­ho­lung und Anlei­tung eines „Trai­ners“ sich ein artis­ti­sches Wis­sen bzw. Kön­nen ange­eig­net hat.
Ent­schei­dend ist, dass Slo­ter­di­jk zwi­schen einer akti­ven und einer pas­si­ven Wie­der­ho­lung unter­schei­det. Und ein Musikinst­rument scheint für ihn in beson­de­rem Maße geeig­net, eine Wie­der­ho­lung bewusst zu gestal­ten und nicht gesche­hen zu las­sen. Kurz: Musik­in­stru­men­te haben sich in allen Kul­tu­ren und Zei­ten als idea­le Übungs­me­di­en bewährt – und so wird es auch in Zukunft blei­ben.

Grund­stock an musi­ka­li­schen Erfah­run­gen sam­meln

Ist ein Tablet aber ein gleich­wer­ti­ger Ersatz für ein rea­les Musik­in­stru­ment? Durch die Mul­ti­funk­tio­na­li­tät eines Tablets ist zunächst die Gefahr der Ablen­kung wesent­lich höher, als wenn sich der Inter­pret auf ein Instru­ment allein konzent­riert. Dar­über hin­aus ist ein Musik­in­stru­ment mit sei­nem Kör­per und sei­nen spür­ba­ren Schwin­gun­gen nicht durch ein Tablet zu erset­zen. Der sel­be Klang kann zwar mit einem Tablet erzeugt wer­den, aber die Reso­nanz zwi­schen Spie­ler und Instru­ment ist eine ande­re.
Aller­dings ist eine Aus­wei­tung der Übungs­zone mit Hil­fe eines Tablets mög­lich. Am Bei­spiel einer E-Gitar­re lässt sich dies schon heu­te auf­zei­gen. Mit Hil­fe einer ent­spre­chen­den App kann der Spie­ler auf eine Viel­zahl von Ver­stär­kern und Effekt­ge­rä­ten zurück­grei­fen, was im Rea­len bereits aus finan­zi­el­len Grün­den kaum mög­lich wäre. Der Spie­ler kann sich dem­nach einen noch nie dage­we­se­nen Klang bau­en, der sein Spiel befeuert.3 Dabei ist er vor eine ganz neue Her­aus­for­de­rung gestellt, bei der eine Lehr­kraft Hil­fe­stel­lung leis­ten kann: Aus einer Viel­zahl von Mög­lich­kei­ten muss aus­ge­wählt wer­den, da der Gitar­rist eben nicht mehr auf den einen Ver­stär­ker aus dem Pro­be­raum ange­wie­sen ist, son­dern qua­si gren­zen­los aus­wäh­len kann.
Doch wie kommt ein Schü­ler über­haupt zu einer klang­li­chen Vor­stel­lung, bevor die­se mit­tels digi­ta­ler Tech­nik rea­li­siert oder erwei­tert wird? In der Regel durch Erler­nen eines rea­len Musik­in­stru­ments und damit ver­bun­den durch ste­ti­ges und lang­sa­mes Üben, durch Wie­der­ho­len, durch Hören, durch Rück­mel­dung und durch Pro­bie­ren. Hier gibt es kei­ne Abkür­zung, auch wenn dies ger­ne von App-Her­stel­lern sug­ge­riert wird.4 Erst wenn ein gewis­ser Grund­stock an musi­ka­li­scher Erfah­rung gesam­melt wur­de, kann die neue Tech­nik sinn­voll ein­ge­setzt wer­den, die dann Mit­tel zum Zweck und nicht blo­ße Spie­le­rei wird.
Ob sich die Musik­schu­len die­sem neu­en, durch eine hohe Medi­en­kom­pe­tenz gepräg­ten Auf­ga­ben­feld öff­nen, wird sich zei­gen. Eine Insti­tu­tio­na­li­sie­rung von App-Instru­men­ten ist ohne­hin schwe­rer, da hier eine ste­ti­ge Ent­wick­lung herrscht und das Spie­len mit Sounds und Klang­far­ben sowie die Erschaf­fung neu­er Hyper­in­stru­men­te im hohen Maße indi­vi­du­ell und schwer lehr­bar ist.

Instru­men­tal­un­ter­richt als Refu­gi­um

Die Digi­ta­li­sie­rung dringt in fast alle Lebens­be­rei­che ein. Die Rede ist von einer Revo­lu­ti­on, von einem his­to­ri­schen Umbruch, der ger­ne mit der Indus­tria­li­sie­rung des 19. Jahr­hun­derts ver­gli­chen wird.5 Die Digi­ta­li­sie­rung hat die Musik­welt nach­hal­tig ver­än­dert. Die Art und Wei­se, Musik zu hören, zu kau­fen, zu tei­len, zu reflek­tie­ren, zu kom­po­nie­ren und zu machen, hat sich seit dem Über­gang von der ana­lo­gen in die digi­ta­le Sphä­re rasant ent­wi­ckelt.
Vie­les ist ein­fa­cher gewor­den, man den­ke nur an Noten­pro­gram­me, die einem das Ergeb­nis sofort vor­spie­len kön­nen. Digi­ta­le Musik­in­stru­men­te wer­den auf eine rie­si­ge Daten­bank zurück­grei­fen und dem Inter­pre­ten bestimm­te Ent­schei­dun­gen bezüg­lich Klang­far­be, Form­ver­lauf, Dyna­mik, Rhyth­mik, Melo­die­ver­lauf, Har­mo­nik und vie­les mehr in Echt­zeit abneh­men kön­nen. Vir­tu­el­le Orches­ter wer­den schnel­ler und vor allem bil­li­ger Kom­po­si­tio­nen zur pro­fes­sio­nel­len Auf­füh­rung brin­gen.
Und den­noch: Ist das Spie­len eines rea­len Musik­in­stru­ments nicht einer der weni­gen Berei­che, in denen der Mensch kei­nen Super­com­pu­ter benö­tigt, des­sen Fähig­kei­ten, Wis­sen, Schnel­lig­keit und Prä­zi­si­on die des Men­schen bei Wei­tem über­steigt? Der Instru­men­tal­un­ter­richt wür­de dann ein Re­fugium, an dem man sich nicht von Algo­rith­men die Ent­schei­dung abneh­men lässt, wo es nicht dar­um geht, schnell und ohne Umwe­ge zum Ziel zu gelan­gen, son­dern viel­mehr selbst­be­stimmt zu han­deln und sich dabei als füh­len­der, den­ken­der und letzt­lich frei­er Mensch zu erfah­ren.

1 sie­he z. B. „Digi­ta­le Demo­kra­tie statt Daten­dik­ta­tur“ vom 12.11.2015, www.spektrum.de/news/ wie-algo­rith­men-und-big-data-unse­re-zukunft-bestim­men­/1375933 (Stand: 2.12.2015). Eine ähn-­li­che Zukunfts­vi­si­on brei­tet der ehe­ma­li­ge Guar­­di­an-Jour­na­list Mar­tin Wal­ker in sei­nem zwi­schen Fakt und Fik­ti­on lie­gen­den Buch Ger­ma­ny 2064 aus. Inter­es­sant ist, dass dort der Musik bei der Erfor­schung der Künst­li­chen Intel­li­genz ein zen­tra­ler Stel­len­wert ein­ge­räumt wird. Mar­tin Wal­ker: Ger­ma­ny 2064, Zürich 2015, S. 123.
2 Peter Slo­ter­di­jk: Du musst dein Leben ändern. Über Anthro­po­tech­nik, Frank­furt am Main 2009, S. 14.
3 Der­zeit lässt sich dies auch gut am Kla­vier be­obachten, des­sen Klang­welt und Spiel­tech­nik mit­tels digi­ta­ler Tech­nik erwei­tert wird. Exem­pla­risch genannt sei­en das Duo Grand­bro­thers und Nils Frahm.
4 Ähn­lich opti­mis­tisch berich­tet Marc Godau vom Digi­En­sem­ble Ber­lin von Erfah­run­gen mit iPad-Pro­jek­ten an Schu­len. Inter­es­sant wäre es aller­dings zu erfah­ren, ob die Schü­ler über den ers­ten Zugang zum Musik­ma­chen mit dem iPad dabei geblie­ben sind oder nicht. (www.koerber-stiftung.de/mediathek/player/wie-neue-medien-die-musikwelt-veraendern, Minu­te 56 ff.) Das Video ist der Mit­schnitt einer Tagung vom Okto­ber 2015 der Kör­ber­stif­tung zum The­ma „Wie die Neu­en Medi­en die Musik ver­än­dern“ und gibt einen sehr guten Über- und Ein­blick in die The­ma­tik. Nach mei­ner Erfah­rung ver­liert das Arbei­ten mit Tablets für Schü­ler schnell an Reiz, wenn es eben kein Kom­mu­ni­ka­ti­ons-, son­dern
ein Arbeits­mit­tel wird. Es ist dann nicht mehr der anpas­sungs­fä­hi­ge Glücks­spiel­au­to­mat, der das Han­dy eigent­lich so attrak­tiv macht.
5 exem­pla­risch und aktu­ell: Jörg Drä­ger und Ralph Mül­ler-Eis­elf: Die digi­ta­le Bil­dungs­re­vo­lu­ti­on. Der radi­ka­le Wan­del des Ler­nens und wie wir ihn ge­stalten kön­nen, Mün­chen 2015. Die Autoren be­haupten, dass im Bereich des Ler­nens „kein Stein auf dem ande­ren“ (S. 155 ff.) bleibt. Ihre streit­ba­ren The­sen der Demo­kra­ti­sie­rung und Indi­vi­dua­li­sie­rung von Bil­dung ver­kau­fen sie aller­dings ganz kon­ser­va­tiv in Buch­form.