Müller, Kerith
Musizieren mit Handicap
Wie Menschen mit körperlichen Beeinträchtigungen ein Instrument erlernen können
Menschen mit angeborenen Fehlbildungen der Gliedmaßen (Dysmelien) oder Amputationen sind in Musik(hoch)schulen oder im professionellen Musikbereich nur selten anzutreffen. Dabei können insbesondere Menschen mit Handicap vom Instrumentalspiel profitieren.
Durch aktives Musizieren erleben Menschen mit Handicap soziale Integration, Selbstwirksamkeit und kulturelle Teilhabe. Ganz nebenbei fördert das Instrumentalspiel auch die sensomotorische Entwicklung und Koordination. Die intrinsische Motivation spielt hierbei eine bedeutende Rolle, die beim Erlernen eines Instruments sicherlich anders zu bewerten ist als bei verordneten Therapien. So kann das Erlernen eines Instruments möglicherweise sogar einen Beitrag zur Akzeptanz des Handicaps leisten.
Vereine wie die Selbsthilfegruppe AHOI1 unterstützen bei der Aufklärung und bei individuellen Lösungen für Betroffene. Die Orthopädie-Technik-Firma Pohlig hat sich bereits seit mehreren Jahren auf Musizierprothesen spezialisiert.2 Um als MusikpädagogIn kreativ und vorbehaltslos mit SchülerInnen mit körperlichen Behinderungen umgehen zu können, gibt dieser Artikel einen systematischen Überblick darüber, welche Instrumente je nach Handicap ohne Einschränkungen zu spielen sind und welche Hilfsmittel und Anpassungen es bereits gibt.
Der Artikel erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit – Handicaps sind so individuell wie die Menschen selbst. Ebenso wenig soll die Exklusivität der Spielbarkeit der Instrumente betont werden. Im Gegenteil: Einzelne Beispiele beweisen immer wieder, dass innovative Lösungen von Betroffenen und ihren Lehrkräften nahezu alles ermöglichen. Daher sollte auch mit Handicap die Wahl des Instruments immer zuerst nach der Neigung von SchülerInnen getroffen werden. Erst im zweiten Schritt sollten realistische Optionen geprüft werden.
Mögliche Anpassungen im Instrumentalspiel
Da Handicaps sehr individuell und Instrumente sehr unterschiedlich sind, lassen sich kaum Pauschallösungen finden. Dennoch lassen sich vier Kategorien definieren:
1. Eine naheliegende Lösung sind Anpassungen am Instrument. Diese werden für die einzelnen Instrumentenfamilien weiter unten detailliert aufgeführt. Ein simples Mittel ist z. B. die Spiegelung der Bauweise, die bei fast allen Instrumenten funktioniert und nicht nur für Menschen mit Handicap sinnvoll ist.3
2. Für manche Instrumente kann man Kompositionen mit angepassten Fingersätzen versehen oder durch Arrangements ersetzen.
3. Der Einsatz von Prothesen, Hilfsmitteln und speziellen Musizierhilfen kann im Einzelfall sehr hilfreich sein. Allerdings sind z. B. Prothesen optisch und bei Alltagsfunktionen sinnvoll, können jedoch die menschliche Hand in ihrer Funktionalität und Komplexität beim Instrumentalspiel nicht ersetzen. Eine individuelle, fest sitzende und auf das jeweilige Instrument spezialisierte Musizierhilfe kann daher weit sinnvoller sein.
4. Bei einigen Instrumenten sind Spieltechniken möglich, bei denen die unteren Extremitäten Aufgaben der oberen Extremitäten übernehmen. Umgekehrt können instrumentenspezifische Funktionen, die von den Beinen/Füßen übernommen werden, unter Umständen auch von Händen, Armen oder sogar dem Gesicht kompensiert werden.
1 Verein für Menschen mit Arm- und Handfehlbildungen, www.ahoi-ev.org/musikinstrumente-spielen-mit-dysmelie (Stand: 4.5.2026).
2 www.pohlig.net/musikcamp (Stand: 4.5.2026).
3 vgl. Mengler, Walter: Musizieren mit links. Linkshändiges Instrumentalspiel in Theorie und Praxis, Mainz 2010; Kirchner, Laila: „Linkshänderunterricht in der Musikschule. Welche Linkshänderinstrumente gibt es und wie häufig werden sie unterrichtet?“, in: üben & musizieren, 2/2026, S. 34-37.
Lesen Sie weiter in Ausgabe 3/2026.


