Führe, Uli

My Tremb­ling Heart

26 Chorlieder für 4 gemischte Stimmen

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Fidula, Boppard 2015
erschienen in: üben & musizieren 3/2016 , Seite 52

Die neue Chor­lied-Samm­lung My Tremb­ling Heart des bekann­ten badi­schen Kom­po­nis­ten, Chor­lei­ters, Lie­der­ma­chers und Kaba­ret­tis­ten Uli Füh­re rich­tet sich an auf­ge­schlos­se­ne Lai­en­chö­re vom Gesangs­ver­ein über den Kir­chen- bis zum Jugend­chor. Sie ent­hält 26 vier­stim­mi­ge Chor­sät­ze unter­schied­li­chen Inhalts und unter­schied­li­cher Atmo­sphä­re, und der Ver­lag kann sie mit Recht als „Chor­lie­der für alle Fäl­le“ bewer­ben. Die Mehr­zahl der Sät­ze rech­net mit der klas­si­schen Beset­zung aus je zwei Frau­en- und Män­ner­stim­men, in drei­en steht eine Män­ner­stim­me drei Frau­en­stim­men gegen­über, ein­mal gibt es bei­de Mög­lich­kei­ten, ein Satz ist drei­stim­mig. Akkord­sym­bo­le gestat­ten eine Inst­rumentalbegleitung, doch not­wen­dig ist sie nicht; denn der Klang run­det sich auch in a-cap­pel­la-Beset­zung, ohne siche­re Ensem­bles zu über­for­dern.
Die ver­ton­ten Gedich­te zei­gen ein wei­tes Spek­trum. In der ers­ten Lied-Grup­pe, 14 Neu­ver­to­nun­gen, steht der umstrit­te­ne kon­ser­va­ti­ve Dich­ter Rudolf Bin­ding (1867–1938) neben dem 1848er-Revo­lu­tio­när Georg Her­wegh (1817–1873), dem unglück­li­chen Humo­ris­ten Joa­chim Rin­gel­natz (1883–1934) und der mit 18 Jah­ren in einem Zwangs­arbeitslager ver­stor­be­nen jun­gen jüdi­schen Dich­te­rin Sel­ma Meer­baum-Eisin­ger (1924–1942). Die berühm­ten Autoren Hein­rich Hei­ne, Rai­ner Maria Ril­ke und Gün­ter Eich sind ver­tre­ten, aber auch der Hin­ter­zar­te­ner evan­ge­li­sche Pfar­rer Hell­muth Wolff. Von Edgar All­an Poes Gedicht To the River lei­tet sich der Titel des Ban­des her. Alle Tex­te tra­gen gut die Musik und arti­ku­lie­ren eine beacht­li­che Band­brei­te von Stim­mungen: Natur­er­fah­rung und Gesell­schafts­kri­tik, Ein­sam­keit und Lie­bes­sehn­sucht, Abschied und Hoff­nung.
In sei­nen Lied­sät­zen ver­bin­det Füh­re die ver­schie­dens­ten Sti­le gut: Unver­krampft mischen sich roman­ti­sches Chor­lied und pro­tes­tan­ti­sche Kirchenchortradi­tion, Fol­kor­e­be­we­gung und Lie­der­ma­cher-Idi­om, Pop­song und neu­es geist­li­ches Lied, fein dosiert nach Lied­at­mo­sphä­re und Text­nu­an­cen. Sogar Bin­dings Gedich­te, denen der heroi­sche Ton­fall der Zwi­schen­kriegs­zeit anhaf­tet, ver­lie­ren dank leicht­fü­ßi­ger Gitar­ren­har­mo­nik und auf­ge­lo­cker­ter Rhyth­mik ihre Schwe­re. Der rau­nen­de exis­ten­zia­lis­ti­sche Unter­ton rückt plötz­lich in ein freund­li­ches Licht und man ent­deckt in der Ver­to­nung eine anrüh­ren­de mensch­li­che Erfah­rung.
Über­haupt blei­ben Füh­res Lie­der anschluss­fä­hig zu ver­schie­de­nen musi­ka­li­schen Milieus und arbei­ten damit der weit ver­brei­te­ten Ten­denz ent­ge­gen, sich in eine kul­tu­rel­le Nische zu ver­krie­chen.
Fünf fein­sin­ni­ge Volksliedbearbei­tungen bil­den die zwei­te Grup­pe. Hier ist beson­ders mer­kens­wert der Satz zu Mädel, ruck, ruck, ruck, des­sen wit­zi­ge Rock’ n’Roll-Einleitung den Vor­gang der Annä­he­rung gleich per Syn­ko­pe abbil­det. Sie­ben eng­lisch­spra­chi­ge Lie­der, dar­un­ter drei Spi­ri­tu­als, run­den den Band ab. Der Kom­po­si­ti­ons­stil ist hier etwas kon­ven­tio­nel­ler, aber immer noch klang- und wir­kungs­voll.
Andre­as Hauff