© Theda Weber-Lucks

Weber-Lucks, Theda

Neue Musik an der Musik­schu­le?

Plädoyer für eine experimentelle Musikpraxis von Anfang an

Rubrik: Aufsatz
erschienen in: üben & musizieren 5/2017 , Seite 20

Langgezogene Melodien, gespielt von zwei Sopranblockflöten mit leisen, fast gehauchten Trillern und reizvollen harmonischen Rei­bun­gen, erklingen im Raum. In Phasen der Stille werden Klangstäbe angeschlagen, die sich mit den Flötenklängen mischen. – Camilla und Mats spielen zusammen "Wüstentraum": ein frei improvisiertes Stück, das durch Trillereffekte mit Viertel- und Halbtonschwebungen einen orientalischen Anstrich erhält.

Seit 2014 wird an der Leo Kes­ten­berg Musik­schu­le in Ber­lin (Tem­pel­hof-Schö­ne­berg) im Rah­men der Fach­grup­pe „Neue Musik. Neue Ton- und Klang­kunst“ ein neu­es Unter­richts- und Ver­an­stal­tungs­kon­zept unter mei­ner Lei­tung ange­bo­ten. Zunächst geht es dabei um Erfah­run­gen mit zeit­ge­nös­si­scher Musik, mit Klang­kunst (Radio­kunst), Per­for­mance­kunst und expe­ri­men­tel­lem Musik­thea­ter. Ange­spro­chen sind musi­ka­lisch Inter­es­sier­te aller Alters­grup­pen, Zuhö­rer und Musi­zie­ren­de egal wel­chen Niveaus, die Kom­po­si­ti­on, Inter­pre­ta­ti­on, Impro­vi­sa­ti­on und Klang­ex­pe­ri­ment in Form von Work­shops, Kur­sen, Pro­jekt­wo­chen, Klas­sen­un­ter­richt und Ein­zel­stun­den ken­nen­ler­nen kön­nen. Wer in den instru­men­ta­len Ein­zel­un­ter­richt mit der Aus­rich­tung „Expe­ri­men­tel­les Musi­zie­ren“ kommt, erhält neben dem Instru­men­tal­un­ter­richt auch eine spie­le­ri­sche Ein­füh­rung in Impro­vi­sa­ti­on und Kom­po­si­ti­on.
Camil­la und Mats, acht und neun Jah­re alt, wer­den von mir auf die­se Wei­se seit etwa zwei Jah­ren auf der Block­flö­te als Haupt­instrument unter­rich­tet. Neben dem Ler­nen und Spie­len von Noten und Lie­dern erhiel­ten sie von Anfang an expe­ri­men­tel­len Impro­vi­sa­ti­ons- und Kom­po­si­ti­ons­un­ter­richt, bestehend aus zunächst sehr ein­fa­chen Übun­gen mit aus­ge­wähl­tem Ton­ma­te­ri­al, die zugleich auf das aktu­el­le Lern­ziel (eigen­stän­di­ges, aus­drucks­vol­les Spiel, Spiel­tech­nik, Noten- und Reper­toire­kennt­nis) zuge­schnit­ten sind. Zusam­men mit den Schü­le­rIn­nen ent­ste­hen immer wie­der neue Spie­le, die alter­nie­rend auf der Flö­te, aber auch am Kla­vier, mit Stim­me oder auf Per­kus­si­ons­in­stru­men­ten gespielt und beglei­tet wer­den kön­nen.
Ich selbst ver­spür­te als Zwan­zig­jäh­ri­ge oft Hilf­lo­sig­keit, wenn um mich her­um Jazz­mu­si­ke­rIn­nen impro­vi­sier­ten nach Kon­zep­ten, die mir unbe­kannt und rät­sel­haft waren. Das ­Gefühl der Unfä­hig­keit, mich nach 14 Jah­ren Musik­un­ter­richt dort ein­zu­klin­ken, die dar­aus resul­tie­ren­de, vie­le Jah­re fort­be­stehen­de Scheu, es auch nur zu ver­su­chen, sowie das Gefühl der Abhän­gig­keit vom Noten­spiel wur­den für mich zur Moti­va­ti­on, einen ande­ren Weg des Unter­rich­tens zu suchen und zu gehen. Ich wün­sche mei­nen Schü­le­rIn­nen, dass sie ihr Instru­ment angst­frei und wie selbst­ver­ständ­lich spie­len, dass sie wis­sen, dass zu jeder Form des Musik­ma­chens auch Kon­ven­tio­nen, gemein­sa­me Abspra­chen gehö­ren, die sich erler­nen und manch­mal auch erra­ten las­sen. Ein Weg dort­hin liegt in der expe­ri­men­tel­len Impro­vi­sa­ti­on nach immer wie­der ande­ren Regeln und Kon­zep­ten.

Kei­ne Musik ohne Expe­ri­men­tie­ren

Manch­mal kommt Mats in die Stun­de, setzt sich hin, holt sei­ne Flö­te raus und spielt drauf los; klar, dass er damit einen „emo­tio­na­len Druck“ aus­agiert. Er ver­schmilzt dabei förm­lich mit sei­nem Instru­ment. Ich höre ihm zu und möch­te sein Spiel auf­grei­fen. Doch wie gehe ich damit um? Wie hal­te ich den Moment sei­nes Eins­seins mit dem Klang und dem Instru­ment offen? Wie wecke ich von hier aus­ge­hend sei­ne Lust auf neue Klang­erlebnisse und füh­re ihn musi­ka­lisch wei­ter? Wie las­sen sich die Mög­lich­kei­ten expe­ri­men­tel­len Musi­zie­rens von Anfang an mit dem tra­di­tio­nel­len Instru­men­tal­un­ter­richt ver­bin­den und pro­duk­tiv auf­ein­an­der bezie­hen?
Eine ers­te Ant­wort liegt auf der Hand: Leben­dig erzeug­te Musik braucht Expe­ri­men­tier­freu­de und Lust zur Impro­vi­sa­ti­on. Das Kom­po­nie­ren lebt davon, auch die Inter­pre­ta­ti­on. Es weckt die musi­ka­li­sche Krea­ti­vi­tät, berei­chert die Hör­erfah­rung und das eige­ne Spiel, wenn
a prio­ri frei mit einem gege­be­nen Klang­ma­te­ri­al gespielt, geforscht und expe­ri­men­tiert wer­den kann. Even­tu­ell wird eine so ent­ste­hen­de Impro­vi­sa­ti­on zum flüch­ti­gen Moment, der z. B. das Gespür für tona­le oder rhyth­mi­sche Gestal­ten, form­bil­den­de Ele­men­te und har­mo­ni­sche Ver­hält­nis­se ver­fei­nern kann. Even­tu­ell wird sie als Aus­gangs­punkt einer Kom­po­si­ti­on gra­fisch oder mit Noten fixiert für wei­te­re Aus­ar­bei­tun­gen bereit­ge­stellt. Die­sen Weg mit den Schü­le­rIn­nen Schritt für Schritt immer wie­der neu und anders zu voll­zie­hen, bedeu­tet per se, ihre musi­ka­li­sche Neu­gier zu wecken, nach­hal­tig zu stimu­lieren und ein ver­tief­tes Musik­ver­ste­hen zu beför­dern.
Bei Mats ging es im wei­te­ren Unter­richts­ver­lauf dar­um, ein­zel­ne Ele­men­te sei­nes Spiels bewuss­ter zu machen, ohne ihn aus sei­ner Grund­stim­mung aus­zu­he­beln, etwa durch die Erwei­te­rung zum Duo auf der Basis von Imi­ta­ti­on und Varia­ti­on, durch das anschlie­ßen­de gemein­same Betrach­ten und Ana­ly­sie­ren des ver­wen­de­ten Klang­ma­te­ri­als (Ska­len, rhyth­mi­sche Wer­te) und das Her­aus­su­chen und Spie­len ähn­li­cher Stü­cke aus der uns vor­lie­gen­den Musik­li­te­ra­tur.

Erfah­run­gen aus der Pra­xis

Im Fol­gen­den ein paar exem­pla­ri­sche Übun­gen und Erfah­run­gen aus mei­ner Arbeit, die zei­gen, wie die Berei­che des expe­ri­men­tel­len und tra­di­tio­nel­len Unter­rich­tens sinn­voll für­ein­an­der auf­ge­schlos­sen und in Bezie­hung gesetzt wer­den kön­nen.

Ein Ton ist ein Ton ist ein Ton ist ein Ton
Die tra­di­tio­nel­le Gehör­bil­dung trai­niert die Wahr­neh­mung von Ton­hö­hen­un­ter­schie­den und Zusam­men­klän­gen und drückt dies in Zah­len­ver­hält­nis­sen aus (Prim, Sekun­de, Terz etc.) oder im Sin­ne der funk­tio­na­len Har­mo­nik (Toni­ka, Domi­nan­te, Sub­do­mi­nan­te etc.). Die expe­ri­men­tel­le Musik im Ver­ständ­nis von Cage, Schne­bel, Kagel u. a. jedoch lehrt zu lau­schen. Höre dir selbst und den ande­ren zu. Ein Ton ist nicht nur ein Ton, er ist viel mehr als das. „Ein Ton ist ein Ton ist ein Ton ist ein Ton“: In Anspie­lung auf ein Gedicht von Ger­tru­de Stein1 wird durch die vier­ma­li­ge Selbst­re­fe­renz des Bezeich­ne­ten („Ton“) ein Oszil­lie­ren zwi­schen Sub­jekt und Objekt in Gang gesetzt, wodurch das Zei­chen­haf­te und Kon­stru­ier­te von Spra­che her­vor­tritt. Durch den dabei voll­zo­ge­nen Per­spek­tiv­wech­sel löst sich das Bezeich­ne­te als Ima­go oder Vor­ge­stell­tes von sei­nem Zei­chen ab und das gera­de­zu absurd Affir­ma­ti­ve der Aus­sa­ge (im Fal­le Ger­tru­de Steins: „Rose is a rose is a rose is a rose“) erscheint in Fra­ge gestellt: Was ist wirk­lich eine Rose, was ein Ton? Wer weiß das schon?
Streng genom­men ist ein Ton ledig­lich in sei­ner Höhe, also sei­ner Fre­quenz fixiert, nicht jedoch in sei­ner Laut­stär­ke (Ampli­tu­de), sei­ner Dau­er, sei­ner Klang­far­be, sei­ner Tex­tur, sei­ner Dyna­mik. Hier liegt eine gan­ze Welt geräusch­haf­ter, schril­ler, rau­er oder hei­se­rer, klang­vol­ler, wei­cher, schwin­gen­der oder glän­zen­der Vibra­tio­nen. Je dif­fe­ren­zier­ter die hören­de Wahr­neh­mung des Musi­zie­ren­den aus­ge­bil­det ist, umso wei­ter kann er in die inne­re Welt des Klangs ein­stei­gen und umso inten­si­ver wird er auch die Klang­welt ande­rer wahr­neh­men und sich auf sie ein­las­sen kön­nen. Indi­sche Ragas arbei­ten damit seit Urzei­ten, Die­ter Schne­bels ers­te Kom­po­si­ti­on bestand dar­in, die Gren­zen des Tons aus­zu­wei­ten und sein Innen­le­ben zu ent­fal­ten.

1 „Rose is a rose is a rose is a rose“ ist eine Phra­se aus dem Gedicht Sacred Emi­ly (1922) von Ger­tru­de Stein, ein Schlüs­sel­ge­dicht der Avant­gar­de.

Lesen Sie wei­ter in Aus­ga­be 5/2017.