© Ji-Youn Song

Song, Ji-Youn

Nichts steht im Weg

Kinder entdecken Musik im Klangraum Flügel

Rubrik: Aufsatz
erschienen in: üben & musizieren 5/2017 , Seite 26

Neue Ansätze in der Klavierpäda­gogik gibt es viele. Aber nur selten beziehen sich diese konsequent auf die zeitgenössische Musik mit den darin sprunghaft erweiterten Spieltechniken und nutzen die damit entstehende Freiheit methodisch als Ausgangspunkt für einen kreativen und experimentierfreudigen Anfangsunterricht. Genau dies tut die hier beschriebene Unterrichts­methode.

Atem­los rennt Anton um den Flü­gel her­um, schlägt hier auf den Deckel, zupft dort eini­ge Sai­ten, schreit in den weit geöff­ne­ten Innen­raum hin­ein, „schleicht“ mit sei­nen Hand­flä­chen über die Tas­ta­tur und lässt plötz­lich eine Metall­ket­te auf die Sai­ten im Inne­ren fal­len. Hoch­kon­zen­triert steht er kurz vor der Urauf­füh­rung sei­ner ers­ten eige­nen Kom­po­si­ti­on beim Schü­ler­vor­spiel und freut sich dar­auf, sein Gespens­ter­haus end­lich einem Publi­kum vor­stel­len zu kön­nen.
Vor kaum zwei Mona­ten, in sei­ner ers­ten Kla­vier­stun­de, stand Anton zum ers­ten Mal vor die­sem Flü­gel. Wir öff­ne­ten ihn und erkun­de­ten nach und nach alle sei­ne Bestand­tei­le, saßen auf dem Boden, steck­ten die Köp­fe in den Innen­raum, zupf­ten hier, klopf­ten dort, drück­ten die Peda­le und staun­ten zusam­men über die­ses fas­zi­nie­ren­de und in sei­nen klang­li­chen Mög­lich­kei­ten bis heu­te noch gar nicht aus­ge­schöpf­te Instru­ment. Und jetzt steht vor Anton die ers­te von ihm selbst ver­fass­te Par­ti­tur! Gra­fisch notiert, für Außen­ste­hen­de kaum mehr als eine abs­trak­te Zeich­nung.
Im Fol­gen­den schil­de­re ich den Ertrag mei­ner über 15-jäh­ri­gen, inten­si­ven und pra­xis­be­zo­ge­nen didak­ti­schen For­schungs­ar­beit. Aus­drück­lich bezie­he ich mich dabei auf die in der zeit­ge­nös­si­schen Musik enorm erwei­ter­ten Spiel­tech­ni­ken und nut­ze die damit ein­her­ge­hen­de Frei­heit metho­disch als Aus­gangs­punkt für einen expe­ri­men­tel­len und krea­ti­ven Anfangs­un­ter­richt. Mei­ne Schü­le­rIn­nen ent­de­cken unge­hin­dert das gro­ße geheim­nis­vol­le Instru­ment Kla­vier und sei­nen fas­zi­nie­ren­den Klang­raum. Sie expe­ri­men­tie­ren mit den unter­schied­lichs­ten Klän­gen, notie­ren gra­fisch ihre Ergeb­nis­se und begin­nen dabei wie von selbst, spie­le­risch zu kom­po­nie­ren. Die Ergeb­nis­se ihrer Erkun­dun­gen am Kla­vier ent­wi­ckeln sie zu eige­nen ori­gi­nel­len Kom­po­si­tio­nen, die sie schon weni­ge Wochen nach Beginn des Unter­richts mit gro­ßer musi­ka­li­scher Span­nung prä­sen­tie­ren. Spon­tan ent­de­cken sie, was es bedeu­tet, span­nungs­voll zu musi­zie­ren.
Vie­le neue Spiel­tech­ni­ken und die mit ihnen arbei­ten­den Kom­po­si­tio­nen fes­seln Kin­der ganz direkt. Im Kla­vier­un­ter­richt dar­an metho­disch gleich zu Beginn anzu­knüp­fen, trägt wesent­lich dazu bei, die ursprüng­li­che Auf­ge­schlos­sen­heit der Kin­der gegen­über zeit­ge­nös­si­scher Musik wach­zu­hal­ten und ver­brei­te­te Vor­ur­tei­le ihr gegen­über gar nicht erst ent­ste­hen zu las­sen. So wünscht sich die heu­te 15-jäh­ri­ge Schü­le­rin, die bei mir im Alter von sechs Jah­ren mit die­ser Metho­de am Kla­vier begon­nen hat, wei­ter­hin die Musik von John Cage oder Györ­gy Kur­tág zu spie­len, wäh­rend eine ande­re, die nach län­ge­rem Unter­richt erst mit 15 Jah­ren zu mir kam, sich schon bei Béla Bar­tók ver­wei­gert.
Schon weni­ge Wochen expe­ri­men­tel­len Anfangs­un­ter­richts rei­chen aus, um auf Dau­er an zeit­ge­nös­si­scher Musik inter­es­siert zu blei­ben und sich immer wie­der expli­zit die­se Lite­ra­tur zu wün­schen. Ide­al ist dabei die sechs­jäh­ri­ge Anfän­ge­rin, der bild­haf­tes Den­ken und die Bewe­gun­gen ihrer Fan­ta­sie mehr bedeu­ten als alle geschrie­be­nen Töne oder Wor­te. Sie hat die größ­te Auf­ge­schlos­sen­heit gegen­über geräusch­haf­ten, ato­na­len Klang­kom­po­si­tio­nen und fin­det auch ganz unbe­fan­gen Zugän­ge zum gra­fi­schen Notie­ren.

Der Flü­gel als Expe­ri­men­tier­feld

Das eigent­li­che Expe­ri­men­tier­feld für mei­nen Anfangs­un­ter­richt ist der Flü­gel bzw. das Kla­vier selbst mit all sei­nen ver­schie­de­nen Bestand­tei­len: Sai­ten, guss­ei­ser­ner Rah­men, Peda­le, Reso­nanz­bo­den, Stimm­wir­bel, Holz­rah­men und natür­lich die vie­len schwar­zen und wei­ßen Tas­ten. Alle die­se ver­schie­de­nen Tei­le kön­nen zum Klin­gen gebracht wer­den bzw. brin­gen etwas zum Klin­gen. Sie wer­den im Unter­richt ohne jedes Tabu genutzt. Um die­se Pha­se des Erkun­dens und Expe­ri­men­tie­rens zu struk­tu­rie­ren, behan­deln wir zunächst das Flü­ge­lin­ne­re (Metall) im Zusam­men­hang mit dem Flü­gel­kor­pus (Holz) und dann in einem zwei­ten Schritt die Tas­ta­tur. Sobald die­se Erkun­dun­gen abge­schlos­sen sind und die Ent­wick­lung einer eige­nen Kom­po­si­ti­on fort­schrei­tet, kön­nen die bei­den Berei­che auch ver­bun­den wer­den.
Zum Unter­richt in die­ser Anfangs­pha­se gehö­ren ein Mal­block, Mal­stif­te und ein Haus­auf­ga­ben­heft für kla­re Anwei­sun­gen, die dabei hel­fen, die im Unter­richt gemach­ten Expe­ri­men­te zu Hau­se zu wie­der­ho­len und auch die Eltern an den Ent­wick­lun­gen die­ser ers­ten Stun­den teil­ha­ben zu las­sen.
Ent­schei­dend für alles Expe­ri­men­tie­ren und Kom­po­nie­ren ist die Hal­tung der Leh­ren­den. Sie müs­sen spür­bar machen, dass hier mit Ernst und Anspruch gear­bei­tet wird. Noch vor ihrem Bemü­hen, etwas zu ver­mit­teln, ist also „ein inter­es­sier­tes, auf­mun­tern­des, dabei abwar­ten­des Ver­hal­ten ohne Ein­mi­schung in Absicht und Tun des Schü­lers“ gefor­dert. „Bes­ten­falls gilt es, Denk­an­stö­ße zu geben in Form von auf­for­dern­den Ges­ten und, wenn nötig, den Schü­ler in eine moti­vie­ren­de Anreiz­si­tua­ti­on zu ver­set­zen, die ihm den Beginn erleich­tert, ihn ,krea­tiv‘ […] wer­den lässt.“1

Hin­ein ins Flü­ge­lin­ne­re

In der ers­ten Stun­de lade ich die Schü­le­rIn­nen dazu ein, das Inne­re des Instru­ments ent­spre­chend ihrer jewei­li­gen Neu­gier zu erkun­den und mit ihm zu expe­ri­men­tie­ren. Han­delt es sich um einen Flü­gel, öff­ne ich den Deckel und ent­fer­ne den Noten­stän­der; geht es um ein Kla­vier, öff­ne ich die Wand unter und über der Tas­ta­tur. Ist die Schü­le­rin noch zu klein, um selbst in den Flü­gel hin­ein­zu­schau­en, stel­le ich ihr einen Hocker zur Ver­fü­gung. Beim Kla­vier dage­gen sit­zen wir sehr bald gemein­sam vor den Sai­ten auf dem Boden.

1 Peter Heil­but: Impro­vi­sie­ren im Kla­vier­un­ter­richt. Wege zum akti­ven Hören, Flo­ri­an Noe­tzel, Wilhelms­haven 51988, S. 78.

Hör­bei­spie­le
„Gespens­ter­haus“ von Anton

 

Dunk­ler Schat­ten“ von Phil

 

Dra­ma­ti­sche Nacht im Zoo“ von Len­nert

 

Lesen Sie wei­ter in Aus­ga­be 5/2017.

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