Herbst, Sebastian

Noten-Strea­ming als Zukunfts­mo­dell?

Der Kommentar

Rubrik: Kommentar
erschienen in: üben & musizieren 2/2020 , Seite 37

Noten kopie­ren: ein bekann­tes und viel dis­ku­tier­tes The­ma in der Musik­schu­le. Die Arbeit mit gut edi­tier­tem Noten­ma­te­ri­al in gebun­de­ner Aus­ga­be bringt vie­le Vor­tei­le und selbst­ver­ständ­lich möch­te nie­mand die an der Publi­ka­ti­on Betei­lig­ten um ihren Ver­dienst brin­gen. Aber Lisa möch­te doch nur die eine Sona­te und Lara nur den einen Song ihrer Lieb­lings­band spie­len. Ein­zel­aus­ga­ben sind oft nicht ver­füg­bar und die Gesamt­aus­ga­be kön­nen sich ihre Eltern nicht leis­ten. Kopie­ren oder Nicht-Kopie­ren ist nun die Fra­ge. Um Leh­re­rIn­nen Rechts­si­cher­heit zu bie­ten, ver­län­ger­ten der Ver­band deut­scher Musik­schu­len (VdM) sowie der Bun­des­ver­band der Frei­en Musik­schu­len (bdfm) jüngst die Rah­men­pau­schal­ver­trä­ge mit der GEMA und der VG Musik­edi­ti­on zum Kopie­ren geschütz­ter Wer­ke für Unter­richt und Auf­füh­run­gen bis 31. Dezem­ber 2023.
Inter­es­san­ter­wei­se bin ich zeit­gleich zu die­sen Pres­se­mit­tei­lun­gen immer häu­fi­ger auf Wer­bung von Noten-Strea­ming-Diens­ten gesto­ßen. Wäre das nicht toll, alle Noten immer und über­all ver­füg­bar zu haben? Ähn­lich den Musik-Strea­ming-Diens­ten könn­te man für eine eher gerin­ge monat­liche Gebühr auf alle Noten zugrei­fen, ein­fach mal 15 Tak­te eines Stücks anspie­len, dar­aus sei­ne per­sön­li­che PLAY­list erstel­len und die­se mit ande­ren tei­len. Es ist anzu­neh­men, dass die künf­ti­gen Dis­kus­sio­nen über Noten-Strea­ming ähn­lich kri­tisch geführt wer­den wie im Fal­le von Musik-Strea­ming. Man­che wer­den eine Gefahr in der quan­ti­ta­tiv nicht zu bewäl­ti­gen­den Fül­le sehen und den Kauf eines gebun­de­nen Noten­buchs auf­grund beson­de­rer ästhe­ti­scher Erfah­run­gen sowie emo­tio­na­ler Ver­bun­den­heit bewer­ben. Und auch hier wird sich die Fra­ge stel­len, wer auf wel­che Wei­se wie viel Geld am Noten-Strea­ming ver­dient.
Die Ent­wick­lung von Noten-Strea­ming-Diens­ten scheint jeden­falls den Puls der Zeit zu tref­fen. Die Jim-Stu­die (Jugend, Infor­ma­ti­on, Medi­en), die den Medi­en­um­gang 12- bis 19-Jäh­ri­ger unter­sucht, hält eini­ge Ergeb­nis­se zur Nut­zung von Strea­ming-Diens­ten bereit. Da die Ergeb­nis­se von 2019 bis zum Redak­ti­ons­schluss noch nicht vor­la­gen, bezie­he ich mich im Fol­gen­den auf den Ergeb­nis­be­richt für das Jahr 2018. In jeder vier­ten Fami­lie gehö­ren 2018 Strea­ming-Boxen zum Medi­en­re­per­toire und in zwei von drei Haus­hal­ten haben Jugend­li­che die Mög­lich­keit, über einen Musik-Strea­ming-Dienst Musik zu hören. Zudem befin­den sich die Musik-Strea­ming-Diens­te mit 62 Pro­zent regel­mä­ßi­ger Nut­zung erst­mals auf Platz 1 der Musik­nut­zungs­op­tio­nen und stei­gen damit um zehn Pro­zent­punk­te im Ver­gleich zum Vor­jahr. Dabei zeigt sich, dass die Bedeu­tung der Strea­ming-Diens­te mit dem Alter der Jugend­li­chen zunimmt. Zudem gehö­ren Jugend­li­che mit einem for­mal höhe­ren Bil­dungs­ni­veau häu­fi­ger zu den Nut­zern von Strea­ming-Diens­ten. Jugend­li­che mit for­mal nied­ri­gem Bil­dungs­ni­veau nut­zen eher kos­ten­lo­se Optio­nen wie You­Tube. Für 2019 ist anzu­neh­men, dass Strea­ming-Diens­te wei­ter­hin an Bedeu­tung gewon­nen haben.
Es ist klar, dass wirt­schaft­lich ori­en­tier­te Noten-Strea­ming-Diens­te zunächst Ange­bo­te für Instru­men­te bereit­hal­ten, die auf einen ent­spre­chend gro­ßen Markt tref­fen. Über Wer­bung in sozia­len Netz­wer­ken bin ich daher auf einen medi­al gut auf­be­rei­te­ten und einem Musik-Strea­ming-Dienst visu­ell und preis­lich sehr ähn­li­chen Strea­ming-Dienst für Kla­vier­no­ten gesto­ßen. Im Abon­ne­ment für monat­lich ca. zehn Euro erhält man Zugang zu einer viel­sei­ti­gen Noten­bi­blio­thek (z. B. Klas­sik, Film­mu­sik, Pop & Rock, Jazz, Musi­cal, Latin) samt diver­ser Play­lists. Es ist mög­lich, eige­ne Play­lists zu erstel­len, zudem sind zwei Aus­dru­cke pro Monat im Preis ent­hal­ten.
Etwas Beson­de­res ist der päd­ago­gi­sche Anspruch, den die Betrei­be­rIn­nen ver­fol­gen möch­ten. Zu den Titeln wer­den Video-Mate­ri­al und Klang­bei­spie­le bereit­ge­stellt, dar­über hin­aus wer­den mir täg­lich neue Emp­feh­lun­gen ver­spro­chen, die mich zum Üben moti­vie­ren sol­len und dabei, so die Ankün­di­gung, mein indi­vi­du­el­les Spiel­pro­fil berück­sich­ti­gen. Dazu wur­den in Anleh­nung an Com­pu­ter­spie­le für alle Titel Schwie­rig­keits­gra­de von Level 1 bis Level 100 fest­ge­legt (Anfän­ger, ambi­tio­niert, fort­ge­schrit­ten, vir­tu­os).
Es lässt sich natür­lich kri­tisch fra­gen, nach wel­chen Kri­te­ri­en die Stü­cke auf einer so extrem dif­fe­ren­zier­ten hun­dert­stu­fi­gen Ska­la zuge­ord­net wer­den: Wie kommt es, dass das „Star Wars“-Thema von John Wil­liams dem Level 49 und der Song Alo­ne, Pt. II von Alan Wal­ker und Ava Max dem Level 50 ent­spricht? Es stellt sich aber auch die Fra­ge, ob Noten-Strea­ming-Diens­te das über­haupt leis­ten sol­len bzw. kön­nen oder ob dazu die indi­vi­du­ell an den Schü­le­rIn­nen ori­en­tier­te Arbeit von Musikschul­lehrenden not­wen­dig ist. Schließ­lich ver­fü­gen Musik-Strea­ming-Diens­te auch nicht über ein didak­tisch auf­be­rei­te­tes Fea­ture zum Musik­hö­ren.