Herbst, Sebastian

Online­un­ter­richt: Anlass zur Sprach­re­fle­xi­on

Der Kommentar

Rubrik: Kommentar
erschienen in: üben & musizieren 3/2020 , Seite 35

Online­un­ter­richt ist Teil unse­res Coro­na-All­tags gewor­den. Die Grün­de dafür sind viel­fäl­tig: Musik und Musi­zie­ren gibt uns und unse­ren Schü­le­rIn­nen Kraft in schwe­ren Situa­tio­nen. Wir wol­len den Kon­takt zu unse­ren Schü­le­rIn­nen nicht ver­lie­ren und ihnen ein Stück All­tag ermög­li­chen. Und vie­le von uns müss­ten ohne die Mög­lich­keit des Online­un­ter­richts um ihre Exis­tenz ban­gen.
Die plötz­li­che Not­wen­dig­keit digi­ta­ler Alter­na­ti­ven lässt uns Chan­cen und Gren­zen des Online­un­ter­richts erfah­ren und zeigt uns, wie fle­xi­bel wir uns auf ver­än­der­te Situa­tio­nen ein­stel­len kön­nen – ins­be­son­de­re dank der Leh­ren­den, Eltern und Schü­le­rIn­nen, die sich Tag für Tag die­ser ver­än­der­ten und unge­wohn­ten Situa­ti­on stel­len, ihre Erfah­run­gen tei­len und häu­fig eige­nes tech­ni­sches Equip­ment für den Unter­richt bereit­stel­len. Es ist erstaun­lich, in welch kur­zer Zeit sich vie­le Musik­schu­len und Leh­ren­de auf digi­ta­le Lehr-Lern-For­ma­te ein­ge­stellt haben und wie vie­le Erfah­rungs­wer­te schon auf diver­sen Inter­net­sei­ten geteilt wur­den. Dazu gehö­ren z. B. Fra­gen zur tech­ni­schen Aus­stat­tung, zur Soft­ware, zum Daten­schutz sowie zum Umgang mit Ver­trä­gen.
Online­un­ter­richt gibt aber auch Anlass zur Refle­xi­on über Spra­che: Begrü­ßen, Quat­schen, Fra­gen, Erklä­ren, Zei­gen, Dis­ku­tie­ren, Tan­zen, Sin­gen und Instru­men­tal­spiel sind nun irgend­wie anders. Gewohn­te Kom­mu­ni­ka­ti­ons­struk­tu­ren wer­den infra­ge gestellt und geben uns Anlass zur Refle­xi­on von Rou­ti­nen, deren Ergeb­nis­se wir auch nach der Wie­der­auf­nah­me der Prä­senz­leh­re nicht ver­ges­sen soll­ten. Dies möch­te ich an vier Bei­spie­len ver­deut­li­chen:
Wir bemü­hen uns um eine mög­lichst stö­rungs­ar­me Kom­mu­ni­ka­ti­on: „Hal­lo Nele, siehst und hörst du mich?“ So haben wir unse­re Schü­le­rIn­nen bis jetzt wahr­schein­lich sel­ten begrüßt. Bevor wir uns im Online­un­ter­richt der Bezie­hungs­ebe­ne oder der musi­ka­li­schen Arbeit zuwen­den, stel­len wir sicher, dass die Kom­mu­ni­ka­ti­on mög­lichst stö­rungs­arm funk­tio­nie­ren kann. Sicher wer­den wir unse­re Schü­le­rIn­nen in der Musik­schu­le dem­nächst wie­der mit herz­li­che­ren Wor­ten begrü­ßen. Das Bemü­hen um eine stö­rungs­ar­me Kommunika­tion kön­nen wir aber bei­be­hal­ten: „Siehst du mein Spiel oder steht der Noten­stän­der im Weg?“ „Hörst du das so wie ich oder wie klingt es für dich?“
Wir begeg­nen uns wert­schät­zend: „Nein, nein, schau mal her. Ich zeig’s dir kurz.“ Leh­ren­de unter­bre­chen das Spiel von Schü­le­rIn­nen nicht sel­ten durch Wor­te oder eige­nes Spiel. Wenn im Unter­richt das­sel­be Instru­ment genutzt wird, grei­fen Leh­ren­de teil­wei­se regel­recht ®ein. Online­un­ter­richt unter­drückt das reflex­ar­ti­ge Ein­grei­fen und Unter­bre­chen der Leh­ren­den, nicht zuletzt durch die nicht zu ver­mei­den­de Latenz­zeit. Dau­er­haf­tes Ein­grei­fen – wenn auch nur ver­bal – wür­de eine Kom­mu­ni­ka­ti­on online unmög­lich machen. Der Umkehr­schluss: Wir ver­ein­ba­ren, wer wann spielt oder spricht, Schü­le­rIn­nen bekom­men ihre Spiel-, Rede- und Denk­zeit, wir las­sen sie aus­spie­len und aus­spre­chen, sich kor­ri­gie­ren – und ganz wich­tig: Wir hören ihnen zu.
Wir bemü­hen uns um Prä­zi­si­on: „Spiel mal von da noch­mal!“ Mal eben etwas zei­gen, ein­krei­sen, vor­ma­chen ist online zwar mög­lich, jedoch weni­ger intui­tiv. Schnell ist klar, dass Abspra­chen, Erläu­te­run­gen, Beschrei­bun­gen und Auf­ga­ben­stel­lun­gen prä­zi­se zu erfol­gen haben. Ande­rer­seits sind Nach­fra­gen und Miss­ver­ständ­nis­se vor­pro­gram­miert. Wir mer­ken online schnell, ob unse­re Schü­le­rIn­nen uns oder wir sie rich­tig ver­stan­den haben. Wir for­mu­lie­ren bewuss­ter, fra­gen nach, sichern uns ab, ver­mei­den aus­schwei­fen­de Mono­lo­ge. „Spiel von da noch­mal!“ kann nütz­lich sein, ande­re Gesprächs­tech­ni­ken jedoch auch.
Wir tre­ten in den Dia­log: „Hier nimmst du den drit­ten Fin­ger, den schreib ich dir dahin. Ach so, und die­se Stel­le übst du noch­mal ganz beson­ders. Die krei­se ich dir mal ein, ne? Die spielst du dann so wie ein ­Löwe – ich schreib dir Löwe hin.“ Schnell neigt man dazu, eine Notiz in die Noten der Schü­le­rIn­nen zu schrei­ben, ohne Raum für Fra­gen und Dis­kus­si­on zu geben. Aber für wen ist sie eigent­lich gedacht? Auch wenn digi­tal geteil­te Bild­schir­me das Spei­chern und Dru­cken gemein­sa­mer Ein­tra­gun­gen erlau­ben, bit­ten wir online die Schü­le­rIn­nen eher, Ein­tra­gun­gen selbst vor­zu­neh­men. Das erfor­dert wei­te­re Abspra­chen und gegen­sei­ti­ge Ver­ge­wis­se­rung, sorgt aber auch dafür, dass die Ein­tra­gun­gen aus der Per­spek­ti­ve der Schü­le­rIn­nen bewuss­ter erfol­gen, Fra­gen gestellt, Unklar­hei­ten bespro­chen und dis­ku­tiert sowie Miss­ver­ständ­nis­se ver­mie­den wer­den kön­nen. Wir tre­ten in einen Dia­log, in dem Schü­le­rIn­nen und Leh­ren­de gemein­sam Ver­ant­wor­tung über­neh­men, Ide­en ein­brin­gen, dis­ku­tie­ren und die für das Üben nütz­li­chen Ein­tra­gun­gen durch die Schü­le­rIn­nen selbst erfol­gen.
Hof­fen wir, dass wir bald wie­der gemein­sam vor Ort musi­zie­ren kön­nen. Las­sen Sie uns aber wei­ter­hin sprach­be­wusst unter­rich­ten.

Lesen Sie wei­te­re Bei­trä­ge in Aus­ga­be 3/2020.