Busch, Barbara
Partnerschaft auf Distanz?
Elternarbeit im Instrumentalunterricht unter veränderten gesellschaftlichen Vorzeichen
Elternarbeit steht vor der Herausforderung einer pluralisierten familiären Lebensrealität, in der klassische Kommunikationswege zunehmend ins Leere laufen. Dennoch bleibt ein engagiertes Elternhaus als motivierender Strukturgeber für das Gelingen des Instrumentalunterrichts unverzichtbar. Um diese Aufgabe im musikpädagogischen Alltag zu bewältigen, bietet dieser Beitrag Impulse und Materialien, die zur Neugestaltung der Elternarbeit einladen.
Wer heute über Elternarbeit im Kontext des Instrumentalunterrichts nachdenkt, sieht sich einer veränderten sozialen Landschaft gegenüber. In der familiensoziologischen Forschung1 ist längst Konsens, was im pädagogischen Alltag täglich spürbar wird: Nüchtern gilt, dass es weder ‚die‘ Eltern noch ‚die‘ Familie gibt. Die traditionelle Kleinfamilie, die ein spezifisches Klima pflegt und in der es klare Rollenverteilungen gibt, ist nicht mehr vorauszusetzen. Stattdessen zeigt sich in der Terminologie der Familiensoziologie eine enorme Vielfalt familiärer Lebensformen: Unterschieden wird u. a. zwischen Elternfamilie, Kindfamilie, Patchworkfamilie, regelgeleitetem Verhandlungshaushalt oder traditionellem Befehlshaushalt.2
Für Instrumentallehrkräfte bedeutet die veränderte Realität, dass bisherige Kommunikationsformen vielfach nicht mehr greifen. Eltern zu erreichen, ist oft schwierig bis unmöglich. Arbeitszeiten, veränderte Prioritäten und die Reizüberflutung im Familienalltag machen es zunehmend schwieriger, in direkten, persönlichen Kontakt mit Eltern zu kommen. Elternabende werden schlecht besucht, Tür-und-Angel-Gespräche entfallen vielfach durch Ganztagsbetreuungen. Obwohl es heutzutage also durch veränderte gesellschaftliche Strukturen extrem schwierig seien kann, einen guten Kontakt zu Eltern aufzubauen, wäre es ein pädagogischer Fehler, die Zusammenarbeit mit ihnen einfach zu reduzieren oder aufzugeben. Eltern sind keine passiven Statisten. Der Lernerfolg von SchülerInnen bleibt untrennbar an ein motivierendes Elternhaus gebunden, welches als Co-Regulator bzw. als Strukturgeber des häuslichen Übeprozesses unverzichtbar ist.
Elterliche Überzeugungen und Motivation
Die Notwendigkeit, das Elternhaus aktiv einzubinden, ist empirisch eindeutig belegt. Eltern steuern die musikalische Sozialisation ihrer Kinder maßgeblich über ihre eigenen Einstellungen: „Kinder spielen mit höherer Wahrscheinlichkeit ein Instrument, wenn ihre Eltern dem Musizieren einen hohen persönlichkeitsbildenden Wert beimessen und insbesondere, wenn sie davon überzeugt sind, dass ihr Kind dazu in der Lage ist, ein Instrument zu lernen.“3
Diese Erwartungshaltungen und Zuschreibungen übertragen sich direkt auf das Kind. Es bestehen interessante „Zusammenhänge zwischen den elterlichen Überzeugungsfacetten und der Lernmotivation der Kinder“.4 Wenn Eltern Zweifel haben, dass ihr Kind die nötige Begabung besitzt, oder dem Instrumentallernen keinen inhärenten Wert beimessen, dürfte die Frustrationstoleranz des Kindes beim häuslichen Üben abnehmen. „Insbesondere die Überzeugungen zur elterlichen Verantwortlichkeit sowie zur Selbstverantwortung des Kindes in Bezug auf dessen musikalische Ausbildung erweisen sich hierbei als bedeutsam.“5 Elternarbeit muss daher primär an den Einstellungen der Eltern ansetzen: Wir müssen Eltern davon überzeugen, dass ihr Kind es kann und dass ihre logistische und motivationale Unterstützung ein wichtiger Beitrag zur Persönlichkeitsentwicklung ihres Kindes ist.
1 vgl. zur Familie als Gegenstand der Soziologie und zur Pluralisierung der Lebensformen Pfeffer, Simone: „Familie“, in: Kinder erziehen, bilden und betreuen. Lehrbuch für Ausbildung und Studium, Berlin, Düsseldorf 2010, S. 259-280.
2 vgl. Lessing, Wolfgang: „Eltern als Partner? Perspektiven elternpädagogischer Arbeit an Musikschulen in Zeiten von JeKi, Klassenmusizieren und Ganztagsschule“, in: Busch, Barbara (Hg.): Spielraum Instrument. Neue Studientexte zur Instrumentalpädagogik, Augsburg 2014, S. 117-141, hier: S. 121. Lessing stellt in diesem Text u. a. eine dreistufige Typologie von Elternhäusern vor, die eine gute Orientierung für die praktische Arbeit gibt.
3 Bieber, Patrizia/Busch, Barbara,/Golle, Jessika/Göllner, Richard: „Mein Kind kann das. Elterliche Überzeugungen als Türöffner zum Instrumentalspiel“, in: üben & musizieren.research, 2024, 4. Jg., S. 17-41, hier: S. 18, https://uebenundmusizieren.de/artikel/research_2024_bieber-et-al (Stand: 22.6.2026).
4 Bieber, Patrizia/Busch, Barbara/Göllner, Richard: „Erfassung elterlicher Überzeugungen zum Erlernen eines Instruments im Grundschulalter“, in: Diagnostica, 1, 2025, 71. Jg., S. 37-49, hier: S 37, https://doi.org/10.1026/0012-1924/a000340 (Stand: 22.6.2026).
5 ebd.
Lesen Sie weiter in Ausgabe 5/2026.


