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Göllner, Michael

Per­spek­ti­ven eröff­nen

Forschende Blicke auf musikpädagogische Praxis im IGP-Studium

Rubrik: Aufsatz
erschienen in: üben & musizieren 5/2020 , Seite 09

„Inklusion“, „Teilhabe“ und spätes­tens seit der Covid 19-Pandemie auch „Digitalisierung“: Die „großen“ Begriffe, mit denen die Instrumental­pädagogik konfrontiert wird, scheinen immer dichter aufeinander zu folgen. Das wäre nicht weiter schlimm, stünden solche Begriffe nicht für gesellschaftliche und bildungspolitische Veränderungen, aufgrund derer sich die Bedingungen und Zielsetzungen der Musikschul­arbeit in den vergangenen beiden Jahrzehnten massiv verändert haben.1

Ange­sichts der damit ver­bun­de­nen Her­aus­for­de­run­gen wird es für Leh­ren­de zuneh­mend wich­tig, „Wis­sen auf sich ver­än­dern­de und in hohem Maße unge­wis­se Situa­tio­nen zu bezie­hen – also die Fähig­keit, die­ses Wis­sen in Pro­blem­si­tua­tio­nen immer wie­der kri­tisch zu über­prü­fen und krea­tiv weiterzuent­wickeln“.2 Im Zusam­men­hang mit dem Hoch­schul­stu­di­um und der Pro­fes­sio­na­li­sie­rung ange­hen­der Instru­men­tal­päd­ago­gIn­nen wird ent­spre­chend ein höhe­rer Stel­len­wert von Refle­xi­on gefor­dert, der vor allem mit zwei Aspek­ten in Ver­bin­dung gebracht wird: einer engen Ver­knüp­fung von Theo­rie und Praxis3 sowie der Ent­wick­lung einer Hal­tung, die idea­ler­wei­se „bereits im Stu­di­um ein for­schen­des, poten­zi­ell auf das gesam­te Berufs­le­ben sich erstre­cken­des Lernen“4 ermög­licht. Wie ein sol­ches for­schen­des Ler­nen kon­kret rea­li­siert wer­den könn­te, wur­de bis­lang aber wenig dis­ku­tiert. Bil­det ein künst­le­risch-päd­ago­gi­sches Stu­di­um über­haupt den geeig­ne­ten Rah­men, um for­schen­de Per­spek­ti­ven auf musik­päd­ago­gi­sche Pra­xis zu ent­wi­ckeln?

For­schen­des Ler­nen in der Musik­päd­ago­gik

Der hoch­schul­di­dak­ti­sche Ansatz des for­schen­den Ler­nens ist nicht neu, wird aber seit eini­ger Zeit beson­ders inten­siv im Bereich der Leh­rer­bil­dung ver­han­delt. Kurz gesagt beruht das Kon­zept auf der Idee, Stu­die­ren­de nicht bloß mit den Ergeb­nis­sen wis­sen­schaft­li­cher For­schung zu kon­fron­tie­ren, son­dern ihnen die Gele­gen­heit zu geben, For­schung ganz oder zumin­dest par­ti­ell „(mit)zugestalten, [zu] erfah­ren und [zu] reflektieren“.5 Dabei geht es weni­ger dar­um, wis­sen­schaft­li­che Erkennt­nis­se zu gene­rie­ren oder den Umgang mit For­schungs­me­tho­den zu erler­nen. Ange­strebt wird viel­mehr, durch „das eige­ne Suchen und Fin­den, Prob­lematisieren und Ein­se­hen, ‚Stau­nen‘ und Erfin­den, Unter­su­chen und Mitteilen“6 neue und unge­wohn­te Blick­win­kel auf (ver­meint­lich) ver­trau­te Pra­xis-Kon­tex­te zu eröffnen.7

Bil­det ein künst­le­risch-­päd­ago­gi­sches Stu­di­um über­haupt den geeig­ne­ten Rah­men, um for­schen­de Per­spek­ti­ven auf musik­päd­ago­gi­sche Pra­xis zu ent­wi­ckeln?

Denn die Chan­cen ste­hen gut, dass dabei Anläs­se zur Refle­xi­on der eige­nen didak­ti­schen Über­zeu­gun­gen und Prä­gun­gen entstehen.8 Idea­ler­wei­se, so die Hoff­nung, bahnt sich sogar eine for­schen­de Hal­tung an, die es im spä­te­ren Berufs­le­ben erleich­tert, sich reflek­tiert und pro­fes­sio­nal auf wech­seln­de Lehr-Lern-Kon­tex­te ein­zu­las­sen und die eige­ne Per­spek­ti­ve eben­so zu reflek­tie­ren wie die jewei­li­gen Rah­men­be­din­gun­gen und Anfor­de­run­gen.
In der Musik­päd­ago­gik wird for­schen­des Ler­nen beson­ders im Zusam­men­hang mit „Praxiserkundungen“9 und mit dem Pra­xis­se­mes­ter für das Schul­fach Musik diskutiert.10 Im Kern geht es dabei dar­um, Stu­die­ren­den die Mög­lich­keit zu eröff­nen, eige­ne Fra­ge­stel­lun­gen zu ent­wi­ckeln, die sie mit Blick auf ihre spä­te­re Berufs­tä­tig­keit inter­es­sant fin­den und denen sie in Form klei­ne­rer For­schungs­pro­jek­te nach­ge­hen kön­nen. Die­se Pro­jek­te fin­den in einem unter­stüt­zen­den Rah­men statt und ori­en­tie­ren sich an wissenschaft­lichen Ver­fah­ren.
Auf die Dis­kus­si­on des Für und Wider eines sol­chen Pra­xis­se­mes­ters ver­zich­te ich an die­ser Stelle.11 Inter­es­sant ist aber, dass die ein­gangs genann­ten drei Aspek­te – die Anbah­nung von Refle­xi­ons­kom­pe­tenz, die Ver­knüp­fung von Theo­rie und Pra­xis sowie die Ent­wick­lung einer for­schen­den Grund­hal­tung – zen­tra­le Ori­en­tie­run­gen einer sol­chen Art for­schen­den Ler­nens dar­stel­len. Ich hal­te es dar­um für loh­nens­wert, über For­ma­te nach­zu­den­ken, die im Rah­men instru­men­tal­päd­ago­gi­scher Stu­di­en­gän­ge gut funk­tio­nie­ren – sei es im Zusam­men­hang mit Musik­schul­prak­ti­ka, als Pro­jekt­pha­sen in ein­zel­nen Lehr­ver­an­stal­tun­gen oder im Kon­text von Qualifikationsarbeiten.12 Dabei liegt es natür­lich nahe, zunächst an die Beob­ach­tung oder die Video­gra­fie von Unter­richt zu den­ken. Dass es statt­des­sen im Fol­gen­den um Inter­views mit Leh­ren­den und Schü­le­rIn­nen geht, hängt damit zusam­men, dass die­se in der qua­li­ta­ti­ven musik­päd­ago­gi­schen Forschung13 eine wich­ti­ge Rol­le spie­len, als metho­di­sche Werk­zeu­ge stu­den­ti­scher Pra­xis­for­schung in der IGP aber sel­ten the­ma­ti­siert wer­den.

1 vgl. Ivo Ignatz Berg: „Üben, Musi­zie­ren und Koope­rie­ren. Zum Berufs­bild und Selbst­ver­ständ­nis von Leh­ren­den der Instru­men­tal­päd­ago­gik“, in: Wolf­gang Rüdi­ger (Hg.): Instru­men­tal­päd­ago­gik – wie und wozu? Ent­wick­lungs­stand und Per­spek­ti­ven, Mainz 2018, S. 51–67.
2 Hans-Chris­toph Kol­ler: Grund­be­grif­fe, Theo­ri­en und Metho­den der Erzie­hungs­wis­sen­schaft. Eine Ein­füh­rung, Stutt­gart 72014, S. 13.
3 Dass eine gegen­sätz­li­che Auf­fas­sung von „Theo­rie“ und „Pra­xis“ nicht unpro­ble­ma­tisch ist, erläu­tert Sil­ke Kru­se-Weber näher in: „Instru­men­tal­päd­ago­gik im Span­nungs­feld zwi­schen Theo­rie und Pra­xis. Kol­la­bo­ra­ti­ve Refle­xi­on von Leh­ren­den im Musik(hoch)schulkontext“, in: Wolf­gang Rüdi­ger (Hg.): Instru­men­tal­päd­ago­gik – wie und wozu? Ent­wick­lungs­stand und Per­spek­ti­ven, Mainz 2018, S. 117–149.
4 Berg, S. 64; vgl. auch Rine­ke Smilde/Peter Alheit: „Bio­gra­phi­sches Ler­nen in der pro­fes­sio­nel­len Musi­ker­aus­bil­dung. Aspek­te lebens­lan­gen Ler­nens in Musik“, in: Wil­fried Gruhn/Peter Röb­ke: Musik­ler­nen. Bedin­gun­gen – Hand­lungs­fel­der – Posi­tio­nen, Inns­bruck 2018, S. 269–291.
5 Lud­wig Huber: „War­um For­schen­des Ler­nen nötig und mög­lich ist“, in: Lud­wig Huber/Julia Hellmer/Friederike Schnei­der (Hg.): For­schen­des Ler­nen im Stu­di­um. Aktu­el­le Kon­zep­te und Erfah­run­gen, Bie­le­feld 2009, S. 9–35, hier: S. 11.
6 ebd., S.13.
7 Die Fra­ge, wel­che For­men und Ansprü­che dabei jeweils ange­mes­sen sind, wird kon­tro­vers dis­ku­tiert (vgl. ebd.).
8 Die For­schung zum Leh­rer­be­ruf spricht in die­sem Zusam­men­hang von sub­jek­ti­ven Theo­ri­en; vgl. Anne Nies­sen: „Musiklehrer/innen als lebens­lan­ge Ler­ner. Theo­rie und Pra­xis von Pra­xis­er­kun­dun­gen in der Musik­leh­rer­aus­bil­dung“, in: Bernd Clausen/Christian Rolle/Anne Nies­sen (Hg.): Musik­päd­ago­gik vor neu­en Her­aus­for­de­run­gen. Bei­trä­ge und Berich­te 2005 bis 2007, Bie­le­feld 2008, S. 95–110.
9 ebd.
10 Einen detail­lier­ten Über­blick über die Kon­zep­ti­on des Pra­xis­se­mes­ters sowie Ein­bli­cke in exem­pla­ri­sche Stu­di­en­pro­jek­te bie­tet der Band von Kers­tin Heberle/ Ulri­ke Kranefeld/Annette Zie­gen­mey­er (Hg.): Stu­di­en­pro­jek­te im Pra­xis­se­mes­ter. Grund­la­gen und Bei­spie­le For­schen­den Ler­nens in der Musiklehrer_innenbildung in Nord­rhein-West­fa­len, Müns­ter 2019.
11 Ers­te Ide­en für den IGP-Bereich hat Sebas­ti­an Herbst vor­ge­stellt: „Koope­ra­ti­on üben. Zur Idee eines Praxis­semesters für IGP-Stu­die­ren­de“, in: musik­schu­le )) ­DIREKT, Sup­ple­ment der Zeit­schrift üben & musi­zie­ren 5/2017, S. 2–3.
12 Dass „For­schung“ in der Instru­men­tal­päd­ago­gik ein wei­tes Feld umfasst und mit Kon­zep­ten wie dem for­schen­den Üben auch Naht­stel­len zu künst­le­ri­schen Tätig­kei­ten auf­weist, stel­len Sil­ke-Kru­se Weber und Chris­tina Marin detail­liert dar: „Instru­men­tal­päd­ago­gik als Wis­sen­schafts­dis­zi­plin – Rah­men­be­din­gun­gen und Ent­wick­lungs­ten­den­zen“, in: Bernd Clausen/Alexander J. Cvetko/Stefan Hör­mann et al.: Grund­la­gen­tex­te wis­sen­schaft­li­cher Musik­päd­ago­gik. Begrif­fe, Posi­tio­nen, ­Per­spek­ti­ven im sys­te­ma­ti­schen Fokus, Müns­ter 2016, S. 165–167.
13 Das Stich­wort „qua­li­ta­tiv“ signa­li­siert, dass es dabei um empi­ri­sches Mate­ri­al geht, das erst inter­pre­ta­tiv zugäng­lich gemacht wer­den muss. Aus Platz­grün­den kann weder die­se Art For­schung noch das For­schungs­in­stru­ment Inter­view detail­liert dar­ge­stellt wer­den. Ein Über­blick fin­det sich bei Anne Nies­sen: „Mög­lich­kei­ten von Inter­views in musik­päd­ago­gi­scher For­schung“, in: Maria Lui­se Schulten/Kai Ste­fan Loth­we­sen (Hg.): Metho­den empi­ri­scher For­schung in der Musik­päd­ago­gik. ­Eine anwen­dungs­be­zo­ge­ne Ein­füh­rung, Müns­ter 2017, S. 103–109.

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