Göllner, Michael

Per­spek­ti­ven von Leh­ren­den und ­Schü­le­rIn­nen auf Blä­ser­klas­sen­un­ter­richt

Eine qualitative Interviewstudie

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Waxmann, Münster 2017
erschienen in: üben & musizieren 5/2017 , Seite 54

Vie­le Musi­ke­rin­nen und Musi­ker schlie­ßen ihr Stu­di­um inzwi­schen auch mit einer wis­sen­schaft­li­chen Qua­li­fi­ka­ti­on ab. Die Emanzipa­tion der Musik­päd­ago­gik als eige­nes Fach hat in den ver­gan­ge­nen Jah­ren dazu geführt, dass Päd­ago­gIn­nen hier nun auch ohne Umweg zum Bei­spiel über die Musik­wis­sen­schaft direkt wis­sen­schaft­lich arbei­ten und pro­mo­vie­ren kön­nen. Dies ist der­zeit vor allem in der Schul­mu­sik der Fall, Instru­men­tal­päd­ago­gIn­nen schei­nen die­se Mög­lich­keit der­zeit noch weni­ger zu nut­zen.
Die hier vor­ge­stell­ten Arbei­ten zu Blä­ser­klas­sen sind eben­falls schul­mu­si­ka­lisch geprägt, obwohl bei­de AutorIn­nen selbst Blä­ser sind und zusätz­lich über einen instru­men­tal­päd­ago­gi­schen Stu­di­en­ab­schluss ver­fü­gen. Beson­ders deut­lich wird die schul­päd­ago­gi­sche Per­spek­ti­ve in den ein­lei­ten­den Kapi­teln bei­der Arbei­ten, in denen das jewei­li­ge The­ma in den Kon­text ver­schie­de­ner wis­sen­schaft­li­cher Dis­kur­se und For­schungs­er­geb­nis­se an­derer Wis­sen­schaft­le­rIn­nen ein­ge­ord­net wird.
Es geht um die Fra­ge, ob Blä­ser­klas­sen­un­ter­richt all­ge­mein­bil­dend sein kann oder wel­che Legi­timationen für die­se Unter­richts­form in der Schu­le exis­tie­ren. Wie gut die  instru­men­ta­le Ausbil­dung in Blä­ser­klas­sen sein kann oder soll, spielt (wohl auch wegen der feh­len­den wis­sen­schaft­li­chen Vor­ar­bei­ten) nur am Ran­de eine Rol­le.
Car­men Heß unter­sucht die ver­füg­ba­ren Tex­te zu ver­schie­de­nen Blä­ser­klas­sen­an­sät­zen mit einem „text­kri­tisch-ana­ly­ti­schen Ansatz“. Dabei nimmt sie so Unter­schied­li­ches in den Blick wie die YAMA­HA-Blä­ser­klas­se (dazu unten mehr), das Buch Neue Mu­sik im Musik­un­ter­richt mit Blas­in­stru­men­ten von Tha­de Buch­born (Det­mold 2011), einen nicht publi­zier­ten Ansatz der Rhei­ni­schen Musik­schu­le in Köln und wei­te­re. Sie ent­wi­ckelt ein Ana­ly­se­mo­dell mit den fünf Zen­tral­ka­te­go­ri­en „Musik­ler­nen“, „Ler­nen“, „Bil­dung“, „,Guter‘ Musik­un­ter­richt“ und „(Essen­ti­el­le) Umgangs­wei­sen mit Musik“. Inner­halb die­ser Dimen­sio­nen ­unter­sucht Heß die text­li­chen Grund­la­gen der ver­schie­de­nen Blä­ser­klas­sen­an­sät­ze höchst dif­ferenziert. Dabei geht es ihr weni­ger um eine Unter­su­chung der kon­kre­ten Ansät­ze, son­dern um die Ent­wick­lung eines systema­tischen Ana­ly­se­mo­dells der didak­ti­schen Prä­mis­sen von Blä­ser­klas­sen, die sie am Ende der Arbeit auch in drei Pro­to­ty­pen kon­kre­ti­siert.
Micha­el Göll­ner nutzt einen qua­li­ta­ti­ven For­schungs­an­satz, indem er Schü­le­rIn­nen, Musik­schul­lehr­kräf­te und Schul­mu­si­ker von drei kon­kre­ten Blä­ser­klas­sen zu ihren jewei­li­gen Sicht­wei­sen auf den Unter­richt befragt. Die ent­stan­de­nen Leit­fadeninterviews tran­skri­biert und ana­ly­siert er, um am Ende den Blä­ser­klas­sen­un­ter­richt als ein „Vexier­bild“ zu cha­rak­te­ri­sie­ren. Der­sel­be Unter­richt kann danach von den ver­schie­de­nen Betei­lig­ten abhän­gig von ihrem Stand­punkt höchst unter­schied­lich wahr­ge­nom­men wer­den.
Göll­ners Arbeit ori­en­tiert sich an der For­schungs­me­tho­dik der Groun­ded Theo­ry. Sein pro­zess­haf­ter Ansatz, zu dem auch ein For­schungs­ta­ge­buch gehört, macht den Text auch für Nicht­wis­sen­schaft­ler gut les­bar. Die vie­len kon­tras­tie­ren­den wört­li­chen Zita­te, die den­sel­ben Blä­ser­klas­sen­un­ter­richt aus der Per­spek­ti­ve unter­schied­li­cher Be­teiligter dar­stel­len, sind hoch­interessant.
Inner­halb der Arbeit wid­met sich Göll­ner auch dem Kon­zept der Com­mu­nities of Prac­tice (CoP), das als „musi­ka­li­sche Pra­xis­ge­mein­schaft“ auch in der deutsch­sprachigen Instru­men­tal­päd­ago­gik aktu­ell dis­ku­tiert wird. Die­ser Abschnitt ist lesens­wert, weil er neben den Vor­tei­len die­ser Sicht­wei­se auf Bläserklassen­unterricht auch die „blin­den Fle­cken der theo­re­ti­schen ‚Lin­se‘ der CoP“ the­ma­ti­siert.
Kri­tisch anzu­mer­ken bleibt, dass  in bei­den Arbei­ten die Mar­ke­ting­stra­te­gie des Instru­men­ten­her­stel­lers YAMAHA ver­fan­gen hat. Die­ser hat die deut­sche Über­set­zung des ame­ri­ka­ni­schen Lehr­werks Essen­ti­al Ele­ments ange­sto­ßen und finan­ziert, wes­we­gen das Fir­men­lo­go nun gut sicht­bar auf den Titel­sei­ten der Unter­richts­ma­te­ria­li­en zu sehen ist. Dabei wäre ins­be­son­de­re im Ansatz von Car­men Heß eine Unter­su­chung des ame­ri­ka­ni­schen Ori­gi­nals gut mög­lich gewe­sen, schließ­lich sind zahl­rei­che Quel­len wie Lehr­plä­ne, didak­ti­sche Tex­te und Erleb­nis­be­rich­te aus den USA online ver­füg­bar.
Auch Micha­el Göll­ner wid­met sich in sei­ner Ein­ord­nung der For­schungs­land­schaft zum Musik­klas­sen­un­ter­richt nicht den US-ame­ri­ka­ni­schen Band Clas­ses („Class“ muss hier mit „Unter­richt“ über­setzt wer­den, es ist dort in der Regel ein Wahl­fach und kei­ne Schul­klas­se). Dabei rich­tet sich eine sei­ner beforsch­ten Klas­sen expli­zit an der Theo­rie des Ame­ri­ka­ners Edwin E. Gor­don aus; das in die­ser Klas­se ver­wen­de­te Unter­richts­werk Jump Right In kann durch­aus als ­Gegen­ent­wurf zur tra­di­tio­nel­len Metho­dik in ame­ri­ka­ni­schen School Bands gese­hen wer­den.
Jörg Som­mer­feld