Tschaikowsky, Peter I.

Pez­zo Capric­cio­so op. 62

für Violoncello solo und Orches­ter, Klavierauszug, hg. von Wolfgang Birtel

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Ponticello Edition, Mainz 2017
erschienen in: üben & musizieren 1/2018 , Seite 53

Der Solist als König der Ath­le­ten! So könn­te man, über­spitzt, das Cre­do des Virtuosenzeit­alters im 19. Jahr­hun­dert zusam­men­fas­sen. Tritt ein sol­cher Ath­let vor ein Orches­ter, so gel­ten Auf­merk­sam­keit und Schein­wer­fer­licht ihm allein. Die Büh­ne ist berei­tet zum Zweck der Demons­tra­ti­on tech­ni­scher Über­le­gen­heit eines Ein­zel­nen gegen­über der Mas­se.
Wur­de von kom­po­nie­ren­den Vir­tuo­sen eine sol­che Grund­hal­tung erwar­tet, so betrach­te­te man Kom­po­nis­ten, die in ihren Wer­ken dem vir­tuo­sen Blend­werk auch dann zuar­bei­te­ten, wenn die­ses nicht für die eige­nen Hän­de gedacht war, bis­wei­len kri­ti­scher.
Peter Tschaikows­ky hat in sei­nen Solo­wer­ken – etwa dem 1. Kla­vier­kon­zert und dem Vio­lin­kon­zert – durch­aus unse­rer Ein­gangs­ma­xi­me gehul­digt und wur­de dafür von Kol­le­gen und der Fach­kri­tik geschol­ten.
Ganz so schlimm dürf­te es sei­nem Pez­zo Capric­cio­so op. 62 nicht ergan­gen sein. Das ein­sät­zi­ge Werk für Cel­lo (mit Orches­ter- oder Kla­vier­be­glei­tung) spie­gelt Tschai­kow­skys Ver­gnü­gen an ent­fes­sel­ter Instru­men­tal­bril­lanz wie­der, zeigt jedoch in der Intro­duk­ti­on, die dem vir­tuo­sen Feu­er­werk vor­aus­geht, auch die ande­re, tief ele­gi­sche Sei­te des Kom­po­nis­ten. Inter­es­san­ter­wei­se ent­steht der Hör­ein­druck der Zwei­tei­lung allein dadurch, dass ab Takt 99 die Zwei­und­drei­ßigs­tel­no­te zur prä­gen­den Maß­ein­heit wird. Tschai­kow­skys Ver­merk „Non cam­bia­re il tem­po“ ver­weist aus­drück­lich dar­auf, dass es sich nicht um eine lang­sa­me Ein­lei­tung mit anschlie­ßen­dem Pres­to han­delt.
Das Pez­zo Capric­cio­so ent­stand 1888 und ist dem Cel­lis­ten Ana­to­liy Bran­dukov gewid­met. Die Kla­vier­ver­si­on erleb­te im sel­ben Jahr ihre Pre­mie­re, die Orches­ter­ver­si­on im Jahr 1889. Am Flü­gel und am Diri­gen­ten­pult beglei­te­te jeweils der Kom­po­nist. Ähn­lich wie im Fall der berühm­ten Roko­ko-Varia­tio­nen hat auch hier der Wid­mungs­trä­ger in die Gestal­tung des Solo­parts ein­ge­grif­fen, in dem er ein­zel­ne, sowie­so schon spek­ta­ku­lä­re Pas­sa­gen noch um diver­se „Umdre­hun­gen“ bis hin­auf zum drei­ge­stri­che­nen h (und sogar um einen ein­ge­scho­be­nen Takt) erwei­ter­te. Die­se Ein­grif­fe sind in den Erst­druck ein­ge­gan­gen und wur­den in den gän­gi­gen Aus­ga­ben bis heu­te tra­diert.
Die vor­lie­gen­de, von Wolf­gang Bir­tel edier­te Neu­aus­ga­be macht sicht­bar, was Tschai­kow­sky ist und was Bran­dukov. In der Cel­lo­stim­me und im Kla­vier­aus­zug sind an den ent­spre­chen­den Stel­len bei­de Ver­sio­nen über­einander wie­der­ge­ge­ben. Auch zwei Vari­an­ten im Solo­part, die vom Kom­po­nis­ten stam­men, wur­den in die Aus­ga­be integ­riert, was zur Fol­ge hat, dass uns für ins­ge­samt sie­ben Tak­te des Werks sogar drei ver­schie­de­ne Ver­sio­nen ange­bo­ten wer­den.
Wer eine text­ge­naue, zuver­läs­si­ge Aus­ga­be des Pez­zo Capric­cio­so wünscht, soll­te die­je­ni­ge der Pon­ti­cel­lo Edi­ti­on wäh­len. Zudem dür­fen sich Kam­mer­or­ches­ter freu­en: Wolf­gang Bir­tel hat in die­sem Ver­lag auch eine Bear­bei­tung für Streich­or­ches­ter vor­ge­legt.
Ger­hard Anders