Diendorfer, Christian

Pia­no Comics

17 leichte Stücke, Band 1 und 2, mit CD

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Helbling, Innsbruck 2016
erschienen in: üben & musizieren 1/2018 , Seite 58

Der öster­rei­chi­sche Kom­po­nist Chris­ti­an Dien­dor­fer arbei­tet im Schwer­punkt mit Klang­in­stal­la­tio­nen und in Pro­jek­ten. Hier legt er in tra­di­tio­nel­ler Nota­ti­on zwei kur­ze Kla­vier­samm­lun­gen vor. Die bei­den Hef­te sind für Kla­vier­ler­nen­de des zwei­ten und drit­ten Unter­richts­jahrs gedacht. Für die­se Zuord­nung erschei­nen jedoch eini­ge der Stü­cke zu schwer.
Eine spe­zi­fi­sche Adres­sie­rung wird nicht vor­ge­nom­men, die Hef­te rich­ten sich nur zum Teil an Jugend­li­che. Mit Kla­vier­mi­nia­tu­ren an heu­ti­ge Rea­li­tä­ten von Jugend­li­chen anzu­knüp­fen, ist schwie­rig; Titel wie Das alte ­Karus­sell ver­wei­sen bereits auf längst Ver­gan­ge­nes. Obwohl ver­ein­zelt Vor­bil­der durch­schei­nen (wie Satie, Bar­tók, Corea), sind Dien­dor­fers Stü­cke eigen­stän­dig in Aus­prä­gung und Klang­lich­keit.
Bewor­ben wer­den die Hef­te als Her­an­füh­rung an „neue Klang­wel­ten der soge­nann­ten erns­ten Musik, ohne popu­lä­re Strö­mun­gen aus­zu­neh­men“. So frag­wür­dig die Unter­schei­dung von E- und U- Musik ist: Hier han­delt es sich um aus­kom­po­nier­te Stü­cke, Maß­ga­ben für Pop­aus­ga­ben wie Akkord­be­zeich­nun­gen oder Impro­vi­sa­ti­ons­hin­wei­se fin­den kei­ne Anwen­dung. Es soll pro Stück ein spe­zi­fi­scher kla­vier­tech­ni­scher Aspekt in den Fokus gestellt sein; wel­cher das ist, wird nicht ver­ra­ten, dies wäre The­ma des Kla­vier­un­ter­richts.
Im ers­ten Band tau­chen als tech­ni­sche Übun­gen z. B. Stütz­fin­ger, Arpeg­gi­en oder Simul­ta­ni­tät ver­schie­de­ner Anschlags­ar­ten auf. Dabei geht Dien­dor­fer nicht didak­tisch redu­zie­rend vor, sei­ne Stü­cke set­zen von vorn­her­ein lega­to, stac­ca­to, Hand­span­nen bis zu einer Okta­ve, Akkord­spiel und dyna­mi­sche Dif­fe­ren­zie­rungs­mög­lich­kei­ten vor­aus. Sie sind nicht immer vor­teil­haft zu grei­fen. Die Stü­cke sind tonal gehal­ten, oft sehr frei, mit Freu­de an Dis­so­nan­zen, spe­zi­fi­schen Ska­len wie Ganz­ton­lei­tern, auch fixen Inter­vall­kon­struk­tio­nen. Osti­nato­bil­dun­gen fin­den häu­fig Anwen­dung, die For­men sind frei asso­zia­tiv, zuwei­len fast improvi­satorisch oder auch tra­di­tio­nel­ler gebun­den wie in drei­tei­li­gen Lied­for­men.
Eini­ge Titel eröff­nen Mög­lich­kei­ten zu Asso­zia­tio­nen, die dem Spiel dien­lich sein kön­nen (z. B. Chap­lin tanzt, Der Kara­wa­nen­zug, Traum­stück), ande­re ver­wei­sen auf Gat­tun­gen (Quin­tentan­go, Cho­ral). Anklän­ge an Stumm­film­mu­sik (Encore) fin­den sich eben­so wie an Galopp (Spie­le­rei), Charles­ton (Blue Comic) oder Rock ’n’ Roll (Sha­kin’, Sha­kin’). Die weni­gen Anga­ben zu Fin­ger­sät­zen sind prak­ti­ka­bel, das Noten­bild ist klar und über­sicht­lich gestal­tet, gute Ein­spie­lun­gen auf CD erleich­tern das Hör­ver­ständ­nis und den Zugang zum eige­nen Spiel.
„Komisch“, wie der Titel Comics nahe­le­gen könn­te, sind nicht alle Stü­cke, eini­ge sind nach­denk­lich oder schroff. Dien­dor­fer gelingt es mit sei­nen Pia­no Comics, beim Spiel wie auch beim Hören die Fan­ta­sie viel­fäl­tig anzu­re­gen.
Chris­ti­an Kunt­ze-Kra­kau