Doepke, Martin

Pia­no Tales

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Universal Edition, Wien 2020
erschienen in: üben & musizieren 6/2020 , Seite 60

Wer sich an einem gemüt­li­chen Abend am Kla­vier oder Flü­gel ent­span­nen möch­te, kann dazu die bei der Uni­ver­sal Edi­ti­on erschie­ne­nen Pia­no Tales zur Hand neh­men. Die 13 leicht zu spie­len­den Cha­rak­ter­stü­cke des im Bereich Popu­lar­mu­sik an der Rhei­ni­schen Musik­schu­le in Köln Leh­ren­den Mar­tin Doep­ke unter­hal­ten mit viel Wohl­klang und ange­nehm zu hören­den Har­mo­nie­fol­gen. Dass der Kom­po­nist vie­le Jah­re als Key­boar­der und Ham­mond­or­gel­spie­ler tätig war, hat deut­li­che Spu­ren in den der Popu­lar­mu­sik nahe­ste­hen­den Stü­cken hin­ter­las­sen.
Mar­tin Doep­ke war zudem erfolg­reich als Musi­cal­kom­po­nist aktiv. Drei Kla­vier­stü­cke sind Arran­ge­ments aus sei­nem Musi­cal Die Schö­ne und das Biest. Zum einen das vom punk­tier­ten Rhyth­mus des Bas­ses gepräg­te Stim­mungs­bild Das alte Schloss, zudem ein schlich­ter Pas de deux mit reiz­vol­lem Ton­art­wech­sel und die mit Tem­po­än­de­run­gen ver­se­he­ne lyri­sche Pop­bal­la­de Irgend­wann.
Im bewe­gungs­in­ten­si­ven Per­pe­tu­um mobi­le fin­det man in den Sech­zehn­teln in lydi­scher Ton­art durch eini­ge Akzen­te inter­es­san­te Schwer­punkt­ver­schie­bun­gen. Bei Eter­nities gibt es Osti­na­to­fi­gu­ren in der rech­ten Hand, die mit Quint- und Oktav­par­al­le­len der lin­ken Hand unter­legt sind, was dem Gan­zen einen Anklang von bekann­ten Klang­mus­tern der Rock­mu­sik gibt.
Im letz­ten Cha­rak­ter­stück Don’t know how to say erin­nern Grund­ton­art, Akkord­fol­ge und Satz­bild an Yir­u­mas bekann­tes River flows in you. Nur ist die lin­ke Hand hier ein­fa­cher zu spie­len und gemein­sam mit den vie­len sich immer wie­der­ho­len­den Sext­in­ter­val­len der rech­ten Hand kann alles im Tem­po ruba­to aus­ge­führt wer­den.
Im Vor­wort schreibt der Kom­po­nist zu den Pia­no Tales: „Jedes von ihnen erzählt eine klei­ne Geschich­te, das eine roman­tisch ver­spielt, das ande­re eher mys­tisch melan­cho­lisch oder rhyth­misch pul­sie­rend.“ Man­chem könn­te der ein­gangs erwähn­te gemüt­li­che Abend aller­dings etwas zu lang­at­mig wer­den, weil Mar­tin Doep­ke neben der zunächst anspre­chen­den Pri­mär­idee in jedem Stück anschlie­ßend zu wenig musi­ka­lisch Sub­stan­zi­el­les ein­fällt. Die Moti­ve und The­men wer­den in einer etwas stu­pi­den Ein­för­mig­keit stän­dig wie­der­holt. Auf kom­po­si­to­ri­sche Wei­ter­füh­rung in Form von Ver­ar­bei­tung und Varia­ti­on war­tet man zumeist ver­geb­lich. Die­ser Makel trübt das Gesamt­bild der klei­nen Klang­ge­schich­ten.
Der Noten­satz ist gut les­bar. Für Pia­nis­tIn­nen, die nicht expli­zit nach musi­ka­li­schem Tief­gang suchen, sind die Stü­cke eine leich­te, ange­nehm zu spie­len­de Lek­tü­re. Auch Schü­le­rIn­nen der Mit­tel­stu­fe kön­nen die Pia­no Tales pro­blem­los ein­stu­die­ren. Sie bie­ten zudem Anre­gun­gen zum eige­nen Impro­vi­sie­ren oder Kom­po­nie­ren und zum musi­ka­li­schen Ver­fei­nern der vor­ge­ge­be­nen Grund­ideen. Fin­ger­satz­an­ga­ben wären für den Kla­vier­un­ter­richt prak­tisch gewe­sen.
Chris­toph J. Kel­ler