Krämer, Thomas

Prak­ti­sche ­Har­mo­nie­übun­gen

Themen – Aufgaben – Lösungen

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Breitkopf & Härtel, Wiesbaden 2019
erschienen in: üben & musizieren 5/2020 , Seite 60

1991 erschien die Har­mo­nie­leh­re im Selbst­stu­di­um von Tho­mas Krä­mer. Der Autor ergänzt nun das Buch fast drei Jahr­zehn­te spä­ter durch eine Samm­lung von Übun­gen und Lösungs­vor­schlä­gen zu den Auf­ga­ben sei­ner Har­mo­nie­leh­re. Seit­dem haben sich in der Didak­tik der Musik­theo­rie und des Ton­sat­zes unter­schied­li­che Ansät­ze eta­bliert, die von didak­ti­scher Reduk­ti­on mit regel­ge­lei­te­ten Ton­satz­übun­gen über Stil­ko­pi­en reprä­sen­ta­ti­ver Wer­ke bis zu Spe­zi­al­be­rei­chen wie Jazz­har­mo­nie­leh­re oder Arran­gier­leh­ren für Bands rei­chen. Im Buch von 1991 ver­folg­te der Autor ein­deu­tig den Weg der didak­ti­schen Reduk­ti­on und geht ihn auch im vor­lie­gen­den Band wei­ter.
Das Buch, das sich eng an die Ver­öf­fent­li­chung von 1991 anlehnt, ist etwa zur Hälf­te in einen Auf­ga­ben- und einen Lösungs­teil geglie­dert. Das Selbststu­dium steht im Vor­der­grund, und in äußerst klein­schrit­ti­gem Vor­gehen wer­den ele­men­ta­re Satz­tech­nik und ein­fa­che har­mo­ni­sche Fort­schrei­tun­gen geübt. Der vier­stim­mi­ge (Chor-)Satz ist in wei­ten Tei­len des Buchs Arbeits­werk­zeug der Übun­gen, und die weit ver­brei­te­te Funk­tionschiffrierung in der Tra­di­ti­on von Wil­helm Maler wird durch­ge­hend ver­wen­det. Das Lern­tem­po ist bewusst zurück­hal­tend: Lan­ge ver­weilt der Autor bei der Dur-Kadenz, dann kom­men Moll, Sept­ak­kor­de und Nebend­rei­klän­ge hin­zu. Maß­ge­schnei­der­te Auf­ga­ben des Autors mit Mus­terlö­sun­gen und ein Kanon fes­ter Regeln beglei­ten die Ler­nen­den.
Die Reduk­ti­on der Mit­tel und der Regel­ka­non bie­ten Vor­tei­le für das Selbst­stu­di­um: Schü­le­rIn­nen wer­den an die Hand genom­men, stets wird zwi­schen rich­tig und falsch ein­deu­tig unter­schie­den. Hier liegt gleich­zei­tig die Schwä­che der Metho­de: Der Regel­ka­non mit „feh­ler­haft“, „nicht rat­sam“, „grund­sätz­lich ver­bo­ten“, „nie“, „prak­tisch unver­wert­bar“, „völ­lig aus­ge­schlos­sen“ kommt als Leh­rer­mei­nung daher; Satz­re­geln mit Kate­go­ri­en wie rich­tig oder falsch wer­den unab­hän­gig von ihrem sti­lis­ti­schen Zusam­men­hang auf­ge­stellt, und es fehlt oft die Erdung durch authen­ti­sches Mate­ri­al, das die apo­dik­tisch auf­ge­stell­ten Regeln rela­ti­viert.
Der vier­stim­mi­ge Satz nimmt einen brei­ten Raum ein, wobei der Stil­be­reich vom Kan­tio­nal­satz des 16. Jahr­hun­derts über roman­ti­sche Chor­kom­po­si­tio­nen bis zum Gos­pel reicht. Die auf­ge­stell­ten Regeln füh­ren aber oft zur Kon­struk­ti­on stilfrei­er vier­stim­mi­ger Sät­ze, etwa wenn für die Har­mo­nik von Hass­ler-Sät­zen Funk­ti­ons­chif­fren benutzt wer­den, ohne Ein­be­zug von Klau­seln und mit­tel­tö­ni­gem Akkord­ma­te­ri­al. Auch für Folk oder Gos­pel wirkt ein vier­stim­mi­ger Cho­ral­satz mit Kadenz­har­mo­ni­en stilf­remd; dafür gibt es heu­te gan­ze Samm­lun­gen stil­ech­ter Sät­ze.
Wer dem didak­ti­schen Ansatz des Buchs fol­gen will, bekommt ein klein­schrit­ti­ges, regel­ge­lei­te­tes Kom­pen­di­um für das Selbst­stu­di­um an die Hand, im Unter­richt soll­te aber der Umgang mit stil­ty­pi­schen Har­mo­nie- und Satz­tech­ni­ken ver­mit­telnd hin­zu­tre­ten.
Chris­toph Hem­pel