Smole, Ernst

Pro­jekt „Vio­l­in­vio­la in F“

Wie kann man das Prob­lem lösen, dass oft zu wenig Viola-SpielerInnen im (Musik-)Schulorchester sind?

Rubrik: Bericht
erschienen in: üben & musizieren 3/2010 , Seite 40

In vie­len Welt­ge­gen­den man­gelt es an Vio­laspie­le­rIn­nen – und zwar sowohl in qualita­tiver als auch in quan­ti­ta­ti­ver Hin­sicht. Dies betrifft sowohl den pro­fes­sio­nel­len Orches­terbereich (dort gibt es bei Vio­la­pro­be­spie­len meist deut­lich weni­ger Bewer­be­rIn­nen als bei Vio­li­ne und Vio­lon­cel­lo) als auch alle Arten von Jugend- und Schulorchestern.
Eine Aus­nah­me schei­nen High­schools in den USA zu sein: die „fresh­men“ (5. Schul­stu­fe, 10- bis 11-Jäh­ri­ge) begin­nen den Unter­richt auf allen Streich­in­stru­men­ten gemein­sam in Orches­ter­form und von Beginn an sind die Vio­len besetzt – die Kin­der begin­nen also mit Vio­la, was in unse­ren Brei­ten sel­ten ist. Ob die­ser Weg aller­dings hin­sicht­lich der Instru­men­ten­hal­tung ide­al ist, müss­te näher betrach­tet werden.
Es ist erfah­rungs­ge­mäß sehr schwie­rig, erfolg­rei­che jun­ge Gei­ge­rIn­nen zu Vio­laspie­le­rIn­nen „umzu­funk­tio­nie­ren“: Die Men­sur auf der Vio­la ist (meist) grö­ßer als bei der Gei­ge, daher schmer­zen die Fin­ger, die Into­na­ti­on ist ein Pro­blem. Ein neu­er Schlüs­sel ist zu ler­nen. Die Vio­la hat ein gerin­ges Sozialpres­tige und es gibt kei­ne attrak­ti­ve Wett­be­werbs­sze­ne für Vio­la. Vio­li­ne und Vio­la par­al­lell zu spie­len ist – zumin­dest bei Kin­dern und Jugend­li­chen – kaum üblich: zwei Instru­men­ten­käs­ten in der Hand, zwei Schlüs­sel im Gedächt­nis. Außer­dem haben vie­le Lehr­kräf­te eine Scheu davor, Gei­ge­rIn­nen zur Brat­sche zu brin­gen – man fürch­tet, die Schü­le­rIn­nen zu verlieren.
Der übli­che Weg, im Jugend- oder Schul­or­ches­ter die Vio­la durch 3. Gei­gen in Ori­gi­nal-Gei­gen­stim­mung zu erset­zen (g, d', a', e''), ermög­licht zwar die Wie­der­ga­be des mitt­le­ren und höhe­ren Vio­la­re­gis­ters, nicht aber die Töne der Unter­quint c‑g.
Die Johan­nes Brahms Musik­schu­le in Mürz­zu­schlag (Öster­reich) ent­wi­ckel­te vor eini­gen Jah­ren mit der „Vio­l­in­vio­la in F“ einen Weg, um genü­gend Vio­laspie­le­rIn­nen in die Schul- und Jugend­or­ches­ter zu brin­gen. Wir neh­men eine nor­ma­le 1/1‑Violine und zie­hen ori­gi­na­le Vio­la­sai­ten (bzw. sol­che für klei­ne­re Vio­len) auf. Sie wer­den wie bei der Vio­la üblich gestimmt (c, g, d', a'). So kön­nen alle Noten einer ori­gi­na­len Vio­lastim­me gespielt werden.
Hand­schrift­lich, mit Scan­ner oder Noten­schreib­pro­gramm des PC trans­po­nie­ren wir die ori­gi­na­le Vio­lastim­me um eine Quint nach oben und notie­ren sie im Vio­lin­schlüs­sel, eine Nota­ti­on ana­log dem Wald­horn in F oder dem Eng­lisch­horn in F. Nun ist es jedem Vio­lin­spie­ler mög­lich, ohne jede Vor­be­rei­tung die „Vio­l­in­vio­la in F“ zur Hand zu neh­men und von den im Vio­lin­schlüs­sel geschrie­be­nen Noten die ori­gi­na­le Vio­lastim­me zu spie­len. Der Klang ist zwar nicht so voll wie bei einer ori­gi­na­len Vio­la, aber durch­aus brauchbar.
Es ist nicht nötig, dass die Schü­le­rIn­nen die „Vio­l­in­vio­la in F“ mit nach Hau­se neh­men. Vio­lastim­men sind tech­nisch meist ein­fa­cher als die Gei­gen­stim­men. Oft sind Vio­lastim­men aller­dings denen der 2. Gei­gen ähn­lich (Begleit­fi­gu­ren), sodass es nahe lie­gend ist, 2. Gei­ge­rIn­nen mit dem Spie­len der „Vio­l­in­vio­la in F“ zu betrauen.
Am prak­ti­ka­bels­ten wäre es, im Pro­ben­saal stän­dig eini­ge „Vio­l­in­vio­las in F“ bereit­zu­hal­ten. So kann der Leh­rer bit­ten: „Maria, Klaus, Johan­na, Leo­pold, heu­te sind zu weni­ge Vio­laspie­ler da. Bit­te seid so gut und helft uns auf der ,Vio­l­in­vio­la in F‘ – dan­ke!“ Die­se Kin­der sind nun plötz­lich „wich­tig“: Dies ist auch ein wich­ti­ger ers­ter Schritt zur „Repa­ra­tur“ des Sozi­al­pres­ti­ges der (künf­ti­gen) ViolaspielerInnen.
Die Erfah­run­gen an der Johan­nes Brahms Musik­schu­le zei­gen, dass auf die­se Wei­se die bes­ten Vio­laspie­ler zu ihrem Instru­ment fan­den: Eini­ge Schü­le­rIn­nen hat­ten Freu­de dar­an, fall­wei­se (oder stän­dig) die „Vio­l­in­vio­la in F“ zu spie­len, und wech­sel­ten in der Fol­ge gänz­lich zur ori­gi­na­len Vio­la und genos­sen sicht­lich deren sono­ren Klang. Auch gab es kein Pro­blem mehr mit dem angeb­lich pro­ble­ma­ti­schen Sozi­al­pres­ti­ge der Vio­la – die jun­gen Musi­ke­rIn­nen mutier­ten zu stol­zen und erfolg­rei­chen Original-Violaspielern.

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