Vieuxtemps, Henri

Reper­toire

Die schönsten Stücke für Violine und Klavier, hg. von Wolfgang Birtel und Friedemann Eichhorn

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Schott, Mainz 2021
erschienen in: üben & musizieren 3/2022 , Seite 63

Fast genau zum 200. Geburts­tag von Hen­ri Vieux­temps erschien mit den „schöns­ten Stü­cken für Vio­li­ne und Kla­vier“ ein wei­te­rer Band der Rei­he „Reper­toire“ bei Schott, her­aus­ge­ge­ben von Wolf­gang Bir­tel und Frie­de­mann Eich­horn – einem ein­ge­spiel­ten Team, das ohne Zwei­fel für akri­bi­sche Genau­ig­keit steht.
Im mehr­spra­chig gehal­te­nen Vor­wort der Kla­vier­stim­me zeich­net Bir­tel zunächst das Leben und Wir­ken des begna­de­ten Gei­gers und erfolg­rei­chen Kom­po­nis­ten Vieux­temps nach. Dabei erfährt man auch Hin­ter­grund­in­for­ma­tio­nen zu den neun in die­sem Band abge­druck­ten Wer­ken. Das Her­aus­ge­ber­team beweist bei der Aus­wahl und Zusam­men­stel­lung der Stü­cke Gespür, wenn­gleich über den Super­la­tiv im Unter­ti­tel dis­ku­tiert wer­den kann.
Ent­hal­ten sind mit Sou­ve­nir d’Amérique op. 17 humor­voll-sprit­zi­ge Varia­tio­nen über den Yan­kee Dood­le, die drei klang­far­ben­rei­chen Roman­ces sans pa­roles op. 7, die lei­den­schaft­lich-feu­ri­ge Fan­ta­sia appa­sio­na­ta op. 35, die drei Mor­ceaux de salon op. 32 mit dem über­aus bekann­ten Ron­di­no-Satz und dem Final­satz „La Chas­se“, bei dem der Gei­ger die G‑Saite auf den Ton B umstim­men muss, sowie die hoch­vir­tuo­se Bal­la­de et Polo­nai­se op. 38.
Basie­rend auf dem Ver­gleich mit den Erst- und Früh­dru­cken der Wer­ke ver­weist Bir­tel bei Abwei­chun­gen in der Kla­vier- und Vio­lin­stim­me stets auf die Früh­dru­cke. Unter gei­gen­tech­ni­schen Aspek­ten betrach­tet ist die Arbeit von Frie­de­mann Eich­horn als Mit­her­aus­ge­ber ein beson­de­rer Glücks­fall, gera­de weil alle neun Wer­ke an die Vio­li­ne höchs­te Ansprü­che stel­len. Die durch­dach­ten Fin­ger­sät­ze und Strich­be­zeich­nun­gen von Eich­horn unter­stüt­zen die Aus­füh­ren­den in der musi­ka­li­schen Melo­die­füh­rung genau­so wie bei den zahl­rei­chen vir­tu­os-tech­ni­schen Her­aus­for­de­run­gen. Oktav­griff­pas­sa­gen, Dop­pel­grif­fe in Sech­zehn­tel­läu­fen gepaart mit Piz­z­i­ka­to in der lin­ken Hand sind nur eini­ge Bei­spie­le für die Momen­te, in denen man dem Her­aus­ge­ber für aus­ge­klü­gel­te und hilf­rei­che Fin­gersatz- und Strich­vor­schlä­ge dank­bar ist.
Eine über­zeu­gen­de Interpreta­tion und Auf­füh­rung ver­langt den Musi­ke­rIn­nen gera­de durch den hohen Schwie­rig­keits­grad in der Vio­lin- und Kla­vier­stim­me Kön­nen und Ver­siert­heit auf den Instru­men­ten ab.
Ins­ge­samt stellt die­ser Band eine reiz­vol­le, vir­tuo­se Her­aus­for­de­rung für pro­fes­sio­nel­le Musi­ke­rIn­nen dar. Bir­tel und Eich­horn berei­chern mit ihrer prä­zi­sen Edi­ti­on die Vio­lin­li­te­ra­tur um eine Aus­ga­be, für die eine kla­re Kauf­emp­feh­lung aus­ge­spro­chen wer­den kann.
Gabrie­le Hirte