Steffen-Wittek, Marianne / Dorothea Weise / Dierk Zaiser (Hg.)

Rhyth­mik – Musik und Bewe­gung

Transdisziplinäre Perspektiven

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: transcript, Bielefeld 2019
erschienen in: üben & musizieren 2/2020 , Seite 59

Die the­ma­ti­sche und quan­ti­ta­ti­ve Fül­le die­ses Ban­des stellt den Rezen­sen­ten vor die Her­aus­for­de­rung, einen geraff­ten Über­blick mit nur weni­gen genaue­ren Aus­füh­run­gen zu ver­bin­den. Der Inhalt ent­fal­tet sich in vier Tei­len. In „Geschich­te und Gegen­wart“ (Teil 1) wer­den his­to­ri­sche Aspek­te der Rhyth­mik reflek­tiert. Den Rei­gen eröff­nen Dani­el Zwie­ner mit einer sehr gut kom­pri­mier­ten Dar­stel­lung der Anfän­ge in Hel­lerau und Gun­hild Ober­zau­cher-Schül­ler mit dem fan­ta­sie­vol­len Dia­log „Rethin­king Jaques-Dal­cro­ze“. Bri­git­te Stein­mann berich­tet über die „Gene­se der Rhyth­mik als Hoch­schul­fach“ und Doro­thea Wei­se resü­miert unter dem Titel „Rhyth­mik in Bewe­gung“ die wei­te­re Ent­wick­lung der Rhyth­mik nach Hel­lerau. Dabei kommt aller­dings die inter­na­tio­na­le Ver­brei­tung und For­schung zu kurz.
Eini­ge Ver­su­che über „Fach­theo­re­ti­sche Ansät­ze“ (Teil 2) zei­gen Defi­zi­te, wie sie die deut­sche Rhyth­mik seit Elfrie­de Feu­del ver­fol­gen. Das betrifft die Fra­ge, was eine Fach­theo­rie leis­ten kann, sowie eine prä­zi­se Ter­mi­no­lo­gie. Dage­gen posi­tio­niert sich posi­tiv der fach­wis­sen­schaft­lich fun­dier­te Auf­satz „Real Time Subt­le­ties. Jazz, Groo­ve und Drum­set im Kon­text der Rhyth­mik“ von Mari­an­ne Stef­fen-Wit­tek. Sie zeigt, dass Musik im afro­ame­ri­ka­ni­schen Kon­text motio­nal ver­stan­den wird, was mei­nes Erach­tens Rhyth­mik als Fach eigent­lich über­flüs­sig machen wür­de. Außer­dem erin­nert Stef­fen-Wit­tek die Rhyth­mi­ke­rIn­nen an das pein­li­che Defi­zit ihres Fachs im Hin­blick auf die in der Hör­welt domi­nie­ren­den popu­lä­ren Musik­ar­ten. Zahl­rei­che Fak­ten­be­zü­ge bringt auch der Blick von Cheng Xie auf die Rhyth­mik in Chi­na. Es ist der ein­zi­ge Bei­trag, der Sub­stan­zi­el­les zum Aspekt der Inter­kul­tu­ra­li­tät der Rhyth­mik bringt.
„Trans­dis­zi­pli­nä­re Bezü­ge“ (Teil 3) bil­den den reich­hal­tigs­ten Teil des Ban­des und über­zeu­gen durch eini­ge Auf­sät­ze, die aus wis­sen­schaft­li­cher Sicht for­mu­liert sind oder ein kla­res Theo­rie­kon­zept erken­nen las­sen. Das betrifft die neu­ro­bio­lo­gi­sche Per­spek­ti­ve von Franz Mechs­ner und vor allem die lern­theo­re­ti­sche Per­spek­ti­ve im her­vor­ra­gen­den Bei­trag von Maria Spychi­ger. Eli­sa­beth Thei­son greift mit ihrem Bei­trag „Kör­per und Bewe­gung als Kon­sti­tu­en­ten musik­theo­re­ti­schen Den­kens“ erneut das Haupt­an­lie­gen von Dal­cro­ze (in sei­ner Zeit als Kon­ser­va­to­ri­ums­leh­rer in Genf) auf und behan­delt Mög­lich­kei­ten einer Rück­bin­dung der kör­per­lo­sen Musik­theo­rie an die Bewe­gung. Auch das äußerst dif­fe­ren­zier­te didak­ti­sche Modell zu Ravels Pava­ne pour une infan­te déf­un­te von Mari­an­ne Stef­fen-Wit­tek und Christ­hard Zim­pel dient die­sem Ziel. Die „Rhyth­mik-Pra­xeo­lo­gie“ (Teil 4) dürf­te all denen Anre­gun­gen bie­ten, die in Pra­xis und Leh­re behei­ma­tet sind.
Resü­mee: Die Publi­ka­ti­on ist es wert, gründ­lich stu­diert und dis­ku­tiert zu wer­den. Dabei könn­te man fra­gen, ob in die­sem Band die Musik nicht zu sehr hin­ter die Bewe­gung zurück­tritt.
Micha­el Kug­ler