© Evelyn Rudolf

Bubeck, Regine

Schön über­sicht­lich

Lesehilfe mit farbigen Notenlinien für den Streicher-Anfangsunterricht

Rubrik: Praxis
erschienen in: üben & musizieren 5/2022 , Seite 32

Meinen Geigen-AnfängerInnen gebe ich eine Lesehilfe an die Hand, die das häufig praktizierte Notieren von Fingersätzen und Saitennamen über den Noten überflüssig macht: Durch drei farbige Linien wird die Orien­tierung im Fünf-Linien-System zum Kinderspiel. Mit geringfügigen Ver­änderungen lässt sich die Lesehilfe auch für Bratsche und Cello anpassen. Ebenso dürfte der Schlüsselwechsel beim Umstieg von der Geige auf die Bratsche und umgekehrt kein Problem mehr darstellen.

Noten­le­sen im Anfangs­un­ter­richt bremst oft den Fort­schritt auf dem Instru­ment, da selbst die ein­fachs­ten Lie­der vie­le unbe­kann­te Zei­chen ent­hal­ten, die nicht hin­rei­chend erklärt wer­den kön­nen. Auch fällt es Kin­dern oft sehr schwer, sich die Noten­po­si­tio­nen in den fünf Lini­en zu mer­ken. Viel zu vie­le ver­wir­ren­de Zei­chen tum­meln sich auf man­chem Notenblatt:

Wel­che Zei­chen schau­en Ler­nen­de hier wohl an? Und was genau ist eigent­lich „Noten­le­sen“? Wel­che Infor­ma­tio­nen sind in den Noten ent­hal­ten? Wel­che davon soll­ten Anfän­ge­rIn­nen ken­nen, und wel­che benö­ti­gen sie, um Lie­der zu spielen?
Im Ver­gleich zu ande­ren Län­dern sieht die Ins­trumentalausbildung in Deutsch­land kei­nen par­al­le­len oder sogar dem Instru­men­tal­un­ter­richt vor­an­ge­stell­ten Pflicht­kurs in Musik­theo­rie vor. Dar­aus ergibt sich die schwie­ri­ge Auf­ga­be, in der kur­zen wöchent­li­chen Unter­richts­zeit neben dem Erler­nen des Ins­truments auch das Noten­le­sen zu ver­mit­teln. Oft wer­den zur Hil­fe Fin­ger­sät­ze und Sai­ten­na­men über die Noten geschrieben.
Ich habe vie­le Jah­re für mei­ne Schü­le­rIn­nen im Anfangs­un­ter­richt eine eige­ne Tabu­la­tur-Schreib­wei­se ein­ge­setzt. Zah­len und Far­ben sind jedem Kind ver­ständ­lich, sodass die Schü­le­rIn­nen beim Üben zu Hau­se von Anfang an selbst­stän­dig waren. Alles lief bes­tens bis zu dem Punkt, an dem sie die beque­me Zah­len­schrift zu Guns­ten der rich­ti­gen Noten­schrift auf­ge­ben soll­ten: Dies war ein oft sehr beschwer­li­cher Über­gang. Inzwi­schen inte­grie­re ich das Noten­le­sen von der ers­ten Stun­de an. Spiel­fä­hig­keit und Lese­fähigkeit sol­len sich par­al­lel ent­wi­ckeln. Die Noten wer­den zunächst als Spiel­an­wei­sung gele­sen und erhal­ten erst spä­ter ihre voll­stän­di­ge musik­theo­re­ti­sche Bedeutung.

Beginn mit ein­fachs­ten Zeichen

Ich begin­ne mit den ein­fachs­ten Zei­chen und las­se alle über­flüs­si­gen Infor­ma­tio­nen weg. Jedes Zei­chen soll­te not­wen­dig, voll­stän­dig erklär­bar und ein Bau­stein auf dem Weg zur tra­di­tio­nel­len Noten­schrift sein.

Hohe und tie­fe Töne
Als ers­tes geht es dar­um, die Ton­hö­hen­dar­stel­lung zwi­schen oben und unten zu üben. Hell klin­gen­de Töne ste­hen oben, dun­kel klin­gen­de Töne ste­hen unten. Pepe, Evi­ta, Mat­hil­de, Leni und Ame­lie gehen in die zwei­te Klas­se und haben zusam­men Gei­gen­un­ter­richt. In einer der ers­ten Unter­richts­stun­den erfin­den sie Quin­ten-Lie­der mit zwei benach­bar­ten lee­ren Sai­ten, die sie im Heft auf­schrei­ben. Mit Papp­tel­lern als Noten legen sie klei­ne „Rät­sel-Lie­der“ auf den Boden und spie­len sie „vom Blatt“.

Takt­be­zeich­nung und Taktstriche
Die Glie­de­rung in Tak­te ler­nen die Kin­der am Bild der Zug­ab­tei­le ken­nen. Die Zahl zu Beginn des Stücks gibt an, wie vie­le „Sitz­plät­ze“ in jedem Abteil vor­han­den sind. Mit Hil­fe von Stüh­len bau­en wir einen Zug mit Abtei­len, sodass die Kin­der als „Schaff­ner“ das Zäh­len der „Sitz­plät­ze“ üben kön­nen. Ab jetzt notie­ren wir auch die Noten in „Abtei­len“, da die Schü­le­rIn­nen Takt­stri­che und eine ver­ein­fach­te Takt­be­zeich­nung ken­nen­ge­lernt haben:

Eine Linie, drei Notenpositionen
Sobald die Kin­der gegrif­fe­ne Töne spie­len kön­nen, ler­nen sie auch, die­se Töne zu lesen. Mit einer Linie und drei Posi­tio­nen für den Noten­kopf kön­nen wir Vom-Blatt-Spiel mit drei Tönen üben. Den drei Posi­tio­nen der Note (unter der Linie, auf der Linie und über der Linie) wer­den die Fin­ger­sät­ze lee­re Sai­te, ers­ter und zwei­ter Fin­ger (0–1‑2) zuge­ord­net. In der­sel­ben Stun­de, in der die Schü­le­rIn­nen ler­nen, den ers­ten Fin­ger auf­zu­set­zen, üben sie auch das Lesen und Unter­schei­den der bei­den Noten-Posi­tio­nen für die lee­re Sai­te und den ers­ten Fin­ger. Seil und Papp­tel­ler leis­ten hier­für wie­der gute Diens­te. Auch die Noten­po­si­ti­on für den zwei­ten Fin­ger kön­nen sich die Kin­der in der nächs­ten Stun­de sofort mer­ken, sodass sie nun Drei-Ton-Lie­der vom Blatt spie­len können:


In die­sem Drei-Ton-Sta­di­um kann der Umgang mit der Noten­schrift in gan­zer Brei­te geübt werden:
– Komponieren,
– Vom-Blatt-Spielen,
– Hörspiele.
Die Noten­schrift bremst nicht mehr den Fort­schritt auf der Gei­ge, son­dern sie ent­wi­ckelt sich im Gleich­schritt. Was gespielt wird, kann auch gele­sen wer­den und wird kom­plett ver­stan­den. Kein Zei­chen muss „weg­ge­dacht“ oder „über­le­sen“ werden.

Fünf Noten­li­ni­en mit drei far­bi­gen Linien

Drei-Ton-Lie­der, die mit einer ein­zi­gen Linie notiert sind, kön­nen auf jeder belie­bi­gen Sai­te gespielt wer­den. Töne im 5‑Li­ni­en-Sys­tem hin­ge­gen beschrei­ben eine abso­lu­te Ton­hö­he. Die­se Unter­richts­ein­heit nen­ne ich die „Schlüs­sel-Stun­de“ – nicht wegen des Noten­schlüs­sels, der ja auch neu hin­zu­kommt, son­dern weil in die­ser Stun­de das rich­ti­ge Noten­le­sen erschlos­sen wird. Ich bin immer wie­der erstaunt, wie leicht die Schü­le­rIn­nen den Schritt von der einen Linie zu den fünf ­Lini­en voll­zie­hen. Sie benö­ti­gen tat­säch­lich kei­nen ein­zi­gen Fin­gersatz, um nun pro­blem­los „rich­ti­ge“ Noten als Spiel­an­wei­sung lesen zu können.
Pepe, Evi­ta, Mat­hil­de, Leni und Ame­lie kom­po­nie­ren gemein­sam ein Drei-Ton-Lied mit Seil und Papp­tel­lern. Die­ses Lied schrei­ben sie in ihre Hef­te und über­tra­gen die Töne „drun­ter-drauf-drü­ber“ in die fünf Lini­en. Bei jeder der drei far­bi­gen Lini­en gilt der erlern­te Fin­gersatz, und zwar bei blau für die D‑Saite, bei rot für die A‑Saite und bei gelb für die E‑Saite:

Die Kin­der fin­den sich jetzt mit Leich­tig­keit in den fünf Noten­li­ni­en zurecht und kön­nen den Noten eine genaue Spiel­an­wei­sung ent­nehmen. Sie sind damit genau­so sicher und selbst­stän­dig beim Üben zu Hau­se, wie es mei­ne frü­he­ren Schü­le­rIn­nen mit den Zah­len der Tabu­la­tur-Schrift gewe­sen sind.

Lesen Sie wei­ter in Aus­ga­be 5/2022.