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Sabrowski, Annika

So vom Blatt, das ist halt schwie­rig“

Legasthenie im Instrumentalunterricht: Wenn das Lesen und ­Lernen anders funktioniert

Rubrik: Forschung
erschienen in: üben & musizieren 1/2021 , Seite 50

Schülerinnen und Schüler, die sich mit dem Notenlesen schwer tun, kennt wohl jede Lehrkraft. Dass ­solche Prob­leme auch Folge einer Legasthenie sein können, ist hingegen kaum bekannt. Legasthenie ist eher ein Begriff, der mit alphabetischer Schrift assoziiert wird, doch ebenso wie andere Lernschwierigkeiten kann eine Lese- und Rechtschreib­schwäche das Musizieren auf ­vielfältige Weise beeinflussen.

Eini­ge Instru­men­ta­lis­tIn­nen mit Leg­asthe­nie kön­nen kaum Noten lesen, bei ande­ren zei­gen sich Aus­wir­kun­gen auf das Aus­wen­dig­ler­nen oder die Aus­füh­rung von Rhyth­men. Wie­der ande­re Schü­le­rIn­nen blei­ben völ­lig unauf­fäl­lig. Es ist sta­tis­tisch nach­ge­wie­sen, dass Kin­der mit Leg­asthe­nie im Durch­schnitt län­ger brau­chen, um das Noten­le­sen zu erler­nen, und mehr Feh­ler machen als nor­mal­le­sen­de Kinder.1 So kann es pas­sie­ren, dass Noten im Ter­z­ab­stand trans­po­niert wer­den, Rhyth­mus nicht alters­ent­spre­chend ver­ar­bei­tet wer­den kann, moto­ri­sche Schwie­rig­kei­ten auf­tre­ten und eine Ein­schrän­kung des Gedächt­nis­ses ver­hin­dert, dass Pat­terns oder Noten­bil­der wie­der­erkannt und abge­ru­fen wer­den können.2 Außer­dem kann das Behal­ten von Arbeits­auf­trä­gen erschwert sein.3 Als Ursa­che wer­den zum Bei­spiel Automatisierungsdefizite4 oder man­gel­haf­te Ver­ar­bei­tung bestimm­ter Sin­nes­wahr­neh­mun­gen im Arbeits­ge­dächt­nis angenommen.5 Die gute Nach­richt: Schü­le­rIn­nen mit Leg­asthe­nie haben bereits vie­le Erfah­run­gen damit gemacht, anders zu ler­nen, und zum Teil sehr gute Kom­pen­sa­ti­ons­stra­te­gien ent­wi­ckelt, die auch dem Instru­men­tal­un­ter­richt zugu­te kom­men können.6
Nicht nur Kin­der und Jugend­li­che, auch Berufs­mu­si­ke­rIn­nen kön­nen betrof­fen sein, wie eini­ge mir im Rah­men mei­ner Bache­lor-Arbeit berichteten:7
– „Ich habe ewig für das Noten­ler­nen gebraucht. Ich muss­te die­se immer wie­der neu ler­nen und flüs­sig lesen konn­te ich erst nach dem Stu­di­um. […] War sehr schlecht für den Teil der Prü­fung Blatt­spiel. Oder Gene­ral­bass spie­len. Ich habe dann lie­ber alle in Fra­ge kom­men­den Stü­cke aus­wen­dig gelernt.“
– „Als Stu­dent war es im Fach Gehör­bil­dung eine Erleich­te­rung, als mein Pro­fes­sor dies [die Leg­asthe­nie] akzep­tier­te und ich mei­ne Schei­ne durch eine münd­li­che Prü­fung able­gen konn­te.“
– „So Sachen, wie wenn man jetzt Aus­hil­fe macht oder Stü­cke bekommt und die run­ter spie­len muss, das ist im pro­fes­sio­nel­len Bereich für mich gar nicht mög­lich. Aber wenn ich ein biss­chen Zeit hat­te […] und konn­te das biss­chen üben, dann ist alles wun­der­bar, aber so vom Blatt, das ist halt schwie­rig.“

Kom­bi­na­ti­on von Teil­leis­tungs­schwä­chen

Leg­asthe­nie ist eine „bedeut­sa­me Beein­träch­ti­gung in der Ent­wick­lung der Lese­fer­tig­kei­ten, die nicht allein durch das Ent­wick­lungs­al­ter, Visus­pro­ble­me oder unan­ge­mes­se­ne Beschu­lung erklär­bar ist“ und zudem „nicht allein als Fol­ge einer Intel­li­genz­min­de­rung“ auf­zu­fas­sen ist.8 Wie Leg­asthe­nie ent­steht, ist umstrit­ten. Die­sem Arti­kel liegt daher eine Modell­vor­stel­lung zugrunde.9 Anzu­neh­men ist, dass die Schwä­che im Lesen und Schrei­ben aus einem Zusam­men­spiel ver­schie­de­ner Teil­leis­tungs­stö­run­gen ent­steht. Die­se kön­nen zum Bei­spiel eine visu­el­le Ver­ar­bei­tungs­stö­rung sein (Buch­sta­ben „tan­zen“ auf dem Papier), eine Raum-Lage-Pro­ble­ma­tik (b, p, d, q sind schwer zu unter­schei­den), eine audi­tive Pro­ble­ma­tik (d/t und g/k wer­den undeut­lich gehört) oder Schwä­chen in ande­ren Berei­chen. Je nach­dem, wie sich die­se Schwä­chen kom­bi­nie­ren, ent­ste­hen Leg­asthe­nie, Dys­kal­ku­lie oder wei­te­re Ein­schrän­kun­gen. Sind Wahr­neh­mungs­leis­tun­gen betrof­fen, die im Instru­men­tal­un­ter­richt benö­tigt wer­den, kann es auch dort zu Aus­wir­kun­gen kom­men.

1 Bir­git Jaarsma/Aloysius Ruijssenaars/Wim Van den Bro­eck: „Dys­le­xia and Lear­ning Musi­cal Nota­ti­on – A Pilot Stu­dy“, in: Annals of Dys­le­xia, 48/1998, S. 146; Nan­ke Flach/Anneke Timmermans/Hanke Kor­per­shoek: „Effects of the Design of Writ­ten Music on the Reada­bi­li­ty for Child­ren with Dys­le­xia“, in: Inter­na­tio­nal Jour­nal of Music Edu­ca­ti­on, 34(2)/2016, S. 234.
2 z. B. Flach/Timmermans/Korpershoek, S. 236.; And­reas C. Lehmann/Victoria McAr­thur: „Sight-Rea­ding“, in: Richard Parncutt/Gary McPh­er­son (Hg.): The Sci­ence and Psy­cho­lo­gy of Music Per­for­mance. Crea­ti­ve Stra­te­gies for Tea­ching and Lear­ning, Oxford 2002, S. 135.
3 vgl. Bri­tish Dys­le­xia Asso­cia­ti­on (Hg.): Music and inclu­si­ve tea­ching: infor­ma­ti­on from B. D. A. Music, ohne Ort und Jahr, S. 7 ff.; online unter https://cdn.bdadyslexia.org.uk/documents/Advice/Music/BDA_Music_information_booklet_REV_jan_2018.pdf?mtime=20190408173756 (Stand: 16.12.2020).
4 z. B. Rod Nicolson/Angela Faw­cett: „Dys­le­xia is more than a pho­no­lo­gi­cal disa­bi­li­ty“, in: Dys­le­xia, 1/1995, S. 5.
5 Shei­la Oglethor­pe: Instru­men­tal Music for Dys­le­xics. A Tea­ching Hand­book, Lon­don 1998, S. 87 ff.
6 vgl. ebd., außer­dem: Nicolson/Fawcett, S. 5.
7 Die aus­führ­li­chen Inter­views und Ergeb­nis­se einer Online-Umfra­ge unter 26 Musi­zie­ren­den mit Leg­asthe­nie sind nach­zu­le­sen in mei­ner Bache­lor-Arbeit. Anni­ka ­Sab­row­ski: Leg­asthe­nie im Instru­men­tal­un­ter­richt, Osna­brück 2019; online unter www.annikas-musikecke.de/musikecke/paedagogikmusikpaedagogik/legasthenie-im-instrumentalunterricht (Stand: 16.12.2020).
8 Deut­sches Insti­tut für medi­zi­ni­sche Doku­men­ta­ti­on und Infor­ma­ti­on (Hg.): ICD-10-GM Ver­si­on 2019 Ger­man Modi­fi­ca­ti­on – Sys­te­ma­ti­sches Ver­zeich­nis – Inter­na­tio­na­le sta­tis­ti­sche Klas­si­fi­ka­ti­on der Krank­hei­ten und ver­wand­ter Gesund­heits­pro­ble­me, Köln 2018, F.81.- und F.81.0.
9 Die­se und sehr ähn­li­che Vor­stel­lun­gen wer­den z. B. beschrie­ben von: Nicolson/Fawcett, S. 1; Oglethor­pe, S. xi, S. 3; Sima Anvari/Laurel Trainor/Jennifer Woodside/Betty Levy: „Rela­ti­ons Among Musi­cal Skills, Pho­no­lo­gi­cal Pro­ces­sing, and Ear­ly Rea­ding Abi­li­ty in Pre­school Child­ren“, in: Jour­nal of Expe­ri­men­tal Child Psy­cho­lo­gy, 83/2002, S. 114.

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