Kapustin, Nikolai

Sona­ta No. 1

für Violoncello und Klavier op. 63

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Schott, Mainz 2016
erschienen in: üben & musizieren 4/2017 , Seite 57

Niko­lai Kapus­tins Kom­po­si­tio­nen las­sen sich in kei­ne Schub­la­de ein­ord­nen: Sei­ne Wer­ke ver­bin­den klas­si­sche Musik und Jazz­elemente zu einer ganz eige­nen Ton­spra­che. So erhal­ten sie Schwung, poin­tier­te Rhyth­mik und musi­ka­li­schen Dri­ve. For­mal ori­en­tiert sich der 1937 in der Ukrai­ne gebo­re­ne Pia­nist und Kom­po­nist an klas­si­schen Struk­tu­ren. Har­mo­nisch, rhyth­misch und melo­disch zeu­gen die Stü­cke unver­kenn­bar von Ein­flüs­sen des Jazz. Obwohl die Kom­po­si­tio­nen aus­no­tiert sind, bekommt man beim Hören bis­wei­len das Gefühl, in einer Bar zu sit­zen und Jazz­improvisationen zu lau­schen.
In den Wer­ken spie­gelt sich Kapus­tins eige­ner beruf­li­cher Wer­de­gang wider, der von einer klas­sischen Instru­men­tal­aus­bil­dung am Kla­vier eben­so wie der Tätig­keit als Jazz­pia­nist geprägt ist. Im Alter von 14 Jah­ren zog er nach Mos­kau, um am dor­ti­gen Kon­ser­va­to­ri­um Unter­richt bei Awre­li­an Rubach und Alex­an­der Gol­den­wei­ser zu neh­men. Auch sei­ne ers­ten Kom­po­si­ti­ons­ent­wür­fe stam­men aus die­ser Zeit. Nach sei­nem Stu­di­en­ab­schluss war Niko­lai Kapus­tin Mit­glied ver­schie­de­ner Big­bands, ehe er sich in den 1980er Jah­ren haupt­säch­lich dem Kom­po­nie­ren zuwand­te. Durch eini­ge CD-Pro­duk­tio­nen und Auf­füh­run­gen sei­ner Wer­ke durch pro­mi­nen­te Musi­ker konn­te Kapus­tin in den jüngs­ten Jah­ren an Popu­la­ri­tät gewin­nen.
Bei den meis­ten sei­ner Kom­po­si­tio­nen ist das Kla­vier betei­ligt. So auch bei der 1991 ent­stan­de­nen Sona­ta No. 1 op. 63; hier tref­fen Kla­vier und Vio­lon­cel­lo als gleich­be­rech­tig­te Part­ner auf­ein­an­der. Dabei zeigt sich der Kom­po­nist nicht nur mit dem eige­nen Instru­ment, son­dern auch mit den Mög­lich­kei­ten des Vio­lon­cel­los wohl ver­traut. Sowohl der Cel­lo- als auch der Kla­vier­part sind tech­nisch und rhyth­misch sehr anspruchs­voll notiert. Der Cel­lo­part reizt zudem den Ton­um­fang des Instru­ments voll aus und ver­langt Fer­tig­kei­ten im Spiel von Dop­pel­grif­fen und Piz­zi­ca­ti.
Bei­de Instru­men­te kom­men solis­tisch und im Duo zur Gel­tung. Das the­ma­ti­sche Mate­ri­al wird in den Ein­gangs­ak­kor­den vom Vio­lon­cel­lo vor­ge­stellt. Es erin­nert in sei­nem Ges­tus an Bachs Cel­lo-Sui­ten. Auch in der Wahl der Satz­be­zeich­nun­gen (II Sara­ban­da, III Scher­zo und IV Intro­du­zio­ne e ron­do) und im for­ma­len Auf­bau der Sona­te sind tra­di­tio­nel­le Bezü­ge zu erken­nen. Unge­wöhn­lich ist dabei, dass allei­ne der ers­te Satz kei­ne Bezeich­nung trägt.
Über alle vier Sät­ze der Sona­te hin­weg wird das the­ma­ti­sche Mate­ri­al sowohl har­mo­nisch, rhyth­misch als auch melo­disch immer wei­ter vari­iert und erscheint so stets in neu­em Licht und Cha­rak­ter. Hier zeigt sich das Impro­vi­sa­ti­ons­ta­lent des Kom­po­nis­ten. Durch die fort­lau­fen­de Ent­wick­lung ent­steht eine dra­ma­tur­gi­sche Stei­ge­rung bis hin zum furio­sen Fina­le.
Es lohnt sich, Niko­lai Kapus­tins Wer­ke zu ent­de­cken!
Anna Catha­ri­na Nimc­zik