Hiller, Ferdinand

Sona­ten für Klavier

Hg. von Oliver Drechsel, mit CD

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Dohr, Köln 2021
erschienen in: üben & musizieren 1/2022 , Seite 60

Seit 1951 gibt die Arbeits­ge­mein­schaft für rhei­ni­sche Musik­ge­schich­te die Rei­he „Denk­mä­ler rhei­ni­scher Musik“ her­aus, seit 2002 im Ver­lag Dohr. Band 35 ent­hält sechs Kla­vier­so­na­ten von Fer­di­nand Hil­ler. Zusätz­lich zu den drei zu Leb­zei­ten des Kom­po­nis­ten ver­öf­fent­lich­ten Sona­ten op. 47, 59 und 78 hat Her­aus­ge­ber Oli­ver Drech­sel drei bis­her unver­öf­fent­lich­te Sona­ten des zum Zeit­punkt der Kom­po­si­ti­on 15-jäh­ri­gen Schü­lers von Johann Nepo­muk Hum­mel ausgewählt.
Der 1811 in Frank­furt am Main gebo­re­ne Kom­po­nist, Pia­nist und Diri­gent Fer­di­nand Hil­ler war der Stadt Köln in beson­de­rer Wei­se ver­bun­den, da er dort, nach Stu­di­en­jah­ren in Wei­mar und Auf­ent­hal­ten in Paris, Rom und Leip­zig, 1849 als Städ­ti­scher Musik­di­rek­tor Lei­ter der Rhei­ni­schen Musik­schu­le und 1850 Diri­gent des Gür­ze­nich-Orches­ters wur­de. Bei­de Posi­tio­nen hat­te er bis 1884 inne.
Die drei Jugend­so­na­ten über­zeu­gen bei siche­rer Beherr­schung des Hand­werks durch ihren Ein­falls­reich­tum und eine pia­nis­tisch wir­kungs­vol­le Schreib­wei­se. Noch etwas kon­ven­tio­nell gibt sich die ers­te Sona­te, ein spiel­freu­di­ges drei­sät­zi­ges Werk in G‑Dur. Span­nen­der ist die zwei­te Sona­te in a‑Moll, die durch fan­ta­sie­vol­le, an Franz Schu­bert erin­nern­de Modu­la­tio­nen über­rascht. Beson­ders ori­gi­nell ist das Sei­ten­the­ma des ers­ten Sat­zes, das, von C‑Dur aus­ge­hend, über B‑Dur, b‑Moll und As-Dur nach Umdeu­tung des as in gis über a‑Moll nach C‑Dur zurück­kehrt. Auch im drit­ten Satz, einer Varia­tio­nen­rei­he in A‑Dur, macht sich Hil­lers Freu­de an einer far­bi­gen Har­mo­nik bemerk­bar. Der Schluss­satz ist ein vir­tuo­ses Ron­do in bei­na­he durch­ge­hen­der Sech­zehn­tel­be­we­gung. Die sti­lis­tisch ähn­li­che drit­te Sona­te in F‑Dur ent­hält als ein­zi­ge der drei Sona­ten einen ein­deu­tig lang­sa­men Satz (Mol­to adagio).
Schon in der for­ma­len Anla­ge unter­schei­den sich die drei mit Opus­zah­len ver­se­he­nen Sona­ten deut­lich von den am klas­si­schen Sona­ten­sche­ma ori­en­tier­ten Jugend­wer­ken. Sie tra­gen noch den Titel „Sona­te“, ten­die­ren aber stark zur frei­en Fan­ta­sie, etwa in der Art von Felix Men­dels­sohn Bar­thol­dys Phan­ta­sie op. 28. Im Aus­druck sind sie indi­vi­du­el­ler und roman­ti­scher als die frü­hen Wer­ke, in den pia­nis­ti­schen Anfor­de­run­gen vir­tuo­ser. Die Sona­ten­haupt­satz­form erscheint nur noch ein ein­zi­ges Mal: im Schluss­satz der Sona­te g‑Moll op. 78. Ansons­ten „bestimmt“, wie Oli­ver Drech­sel im Vor­wort tref­fend bemerkt, „der Inhalt die Form“.
Die edi­to­risch sehr sorg­fäl­tig erstell­te und reprä­sen­ta­tiv in Hard­co­ver gebun­de­ne Aus­ga­be ent­hält neben einem infor­ma­ti­ven Vor­wort des Her­aus­ge­bers die Titel­blät­ter der Erst­aus­ga­ben als Fak­si­mi­les. Beson­ders wert­voll ist die von Oli­ver Drech­sel her­vor­ra­gend auf einem Broad­wood-Ham­mer­flü­gel ein­ge­spiel­te CD mit allen Sona­ten außer der Jugend­so­na­te G‑Dur.
Sig­rid Naumann