Wagner, Hedda

Sona­ti­ne op. 102 / Zwei Tän­ze op. 92 (Harlekinade/Das Echo)

für Klavier, Erstdruck

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Certosa, Körborn 2021
erschienen in: üben & musizieren 3/2022 , Seite 61

Hed­da Wag­ner (1876–1950) wuchs als behü­te­tes Ein­zel­kind im öster­rei­chi­schen Linz auf. Der Vater war Arzt, Frei­den­ker und hat­te engen Kon­takt zur Lin­zer Arbei­ter­be­we­gung. Dies war prä­gend für das Mäd­chen. Da Hed­da sehr wiss­be­gie­rig war und es in Linz noch kein Mäd­chen­gym­na­si­um gab, bekam sie Pri­vat­un­ter­richt. Zusätz­lich eig­ne­te sie sich auto­di­dak­tisch Kennt­nis­se in Phi­lo­so­phie, Psy­cho­lo­gie, Lite­ra­tur- und Musik­wis­sen­schaft an. Sie konn­te in meh­re­ren Spra­chen kor­re­spon­die­ren und die anti­ken Schrift­stel­ler im Ori­gi­nal lesen. Außer­dem erhielt sie pri­va­ten Kla­vier­un­ter­richt in Linz, mög­li­cher­wei­se auch Gesangs‑, Theo­rie- und Kom­po­si­ti­ons­un­ter­richt. Mit 20 absol­vier­te sie die Staats­prü­fung für Kla­vier mit Aus­zeich­nung in Wien. 1902 ist ihre ers­te Kom­po­si­ti­on belegt, ein Klavierlied.
1911 schloss Hed­da Wag­ner sich der Frau­en­be­we­gung an und trat der Sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Arbei­ter­par­tei bei. Ein Jahr spä­ter wur­de sie freie Mit­ar­bei­te­rin beim sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Lin­zer Tag­blatt, spä­ter fest­an­ge­stell­te Redak­teu­rin. Als enga­gier­te Frau­en­recht­le­rin schrieb sie regel­mä­ßig über Frau­en­the­men. Ins­ge­samt sind etwa 1600 jour­na­lis­ti­sche Ver­öf­fent­li­chun­gen belegt. Außer­dem schrieb sie zahl­rei­che Erzäh­lun­gen, Gedich­te und 15 Romane.
1938 erhielt Wag­ner Schreib­ver­bot, unter ande­rem wegen ihrer „juden­freund­li­chen Ein­stel­lung“. Um Geld zu ver­die­nen, gab sie Nach­hil­fe- und Kla­vier­un­ter­richt und begann wie­der zu kom­po­nie­ren. Ihr musi­ka­li­sches Werk ist umfang­reich und viel­ge­stal­tig. Es gibt zahl­rei­che Kla­vier­lie­der, Kam­mer­mu­sik­wer­ke, Chor­wer­ke, drei Opern und fünf Kla­vier­stü­cke. Zu Wag­ners Leb­zei­ten wur­de nichts davon gedruckt und kaum etwas aufgeführt.
Jetzt hat der Cer­to­sa-Ver­lag erst­ma­lig zwei Kla­vier­wer­ke her­aus­ge­ge­ben, mit aus­führ­li­chem Vor­wort zu Leben und Werk der Kom­po­nis­tin sowie einer Ein­füh­rung in die Kla­vier­stü­cke. Die drei­sät­zi­ge Sona­ti­ne (unte­re Mit­tel­stu­fe, eini­ge wei­te Grif­fe müs­sen bewäl­tigt wer­den) im klas­sisch-roman­ti­schen Stil war wohl für den Freun­des­kreis gedacht. Die bei­den Tän­ze op. 92 (obe­re Mit­tel­stu­fe) sind der Tän­ze­rin Edith Wilen­sky gewid­met. Die Har­le­ki­na­de ist ein fre­ches, schnel­les Stück, Das Echo punk­tet mit Humor.
Für den Unter­richt sind sie nur zum Teil geeig­net. Im Rah­men eines Kom­po­nis­tin­nen­kon­zerts wären sie – ver­bun­den mit der Bio­gra­fie Hed­da Wag­ners – aber eine Berei­che­rung, vor allem die zwei Tän­ze op. 92. Beim Noten­text fällt auf, dass – bis auf die Tem­po­an­ga­ben am Anfang eines Stücks – kei­ner­lei Vor­trags­be­zeich­nun­gen vor­han­den sind. Laut­stär­ke (bis auf ein ein­zi­ges pp) und Arti­ku­la­ti­on feh­len ganz, Fin­ger­sät­ze und Pedal­be­zeich­nung ebenfalls.
Hed­da Wag­ner hat Mut und Durch­hal­te­ver­mö­gen in schwie­ri­gen Zei­ten bewie­sen. Sie wur­de 1947 in Linz für ihr Lebens­werk geehrt. Es wäre inter­es­sant, wei­te­re Wer­ke die­ser bemer­kens­wer­ten Frau kennenzulernen.
Frau­ke Uerlichs