Georgi, Oliver / Martin Benninghoff

Sound­track Deutschland

Wie Musik made in Germany unser Land prägt

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Edition Michael Fischer, Igling 2020
erschienen in: üben & musizieren 4/2021 , Seite 59

Bereits auf den ers­ten Blick über­zeugt Sound­track Deutsch­land durch opu­len­te Optik: hoch­wer­ti­ges Papier, anspre­chen­des Lay­out, aus­drucks­star­ke Hoch­glanz-Fotos der inter­view­ten Künst­le­rin­nen und Künst­ler (von Dani­el Pilar) und gut lek­to­rier­te, wei­test­ge­hend feh­ler­freie Tex­te. Dass im zwei­ten Schritt das Rezen­sen­ten-Hirn reflex­ar­tig in den Mäkel-Modus schal­tet, wür­den die Autoren und auch vie­le der Inter­view­ten womög­lich als „typisch deutsch“ bezeich­nen: Feh­len unter den 23 Inter­views nicht vie­le Namen, ohne die eine Betrach­tung der Musik „made in Ger­ma­ny“ undenk­bar scheint? Wo sind die Gesprä­che mit Udo Lin­den­berg, Her­bert Grö­ne­mey­er, Nena oder Nina Hagen?
Doch gemach: Beim Ein­le­sen in die Gesprä­che zeigt sich, welch wei­ter Hori­zont hier eröff­net wird. Vie­le der ange­spro­che­nen deut­schen Musik­grö­ßen, die die Musik „made in Ger­ma­ny“ maß­geb­lich beein­flusst haben, kom­men zwar nicht selbst zu Wort, sind aber durch Bezug­nah­men und Aus­sa­gen jün­ge­rer Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen immer prä­sent. Vol­ler Respekt zählt etwa Johan­nes Oer­ding die „Big Five“ auf – Her­bert Grö­ne­mey­er, Mari­us Mül­ler-Wes­tern­ha­gen, Wolf­gang Nie­de­cken, Peter Maf­fay und Udo Lin­den­berg –, die der jun­gen Genera­ti­on deut­scher Sin­ger-Son­g­­wri­ter den Weg berei­tet haben.
Ohne Scheu­klap­pen und Angst vor Gen­re­gren­zen haben Oli­ver Geor­gi und Mar­tin Ben­ning­hoff ihre Gesprächs­part­ne­rIn­nen aus­ge­wählt und bie­ten ein Spekt­rum, das von David Gar­rett als Grenz­gän­ger zwi­schen U und E über die noch immer umstrit­te­ne Schla­ger­le­gen­de Hei­no bis zu Rock­grö­ßen wie Klaus Mei­ne und aktu­el­len Tech­no-Stars wie Felix Jaehn oder Sven Väth reicht. Fast alle eint die Erfah­rung, wie schwie­rig es ist, sich als deut­scher Künst­ler mit deut­schen Tex­ten gegen die Über­macht anglo­ame­ri­ka­ni­scher Pop- und Rock­mu­sik zu behaup­ten. Und Frau­en – nur vier der 23 Gesprä­che wur­den mit Frau­en geführt – kön­nen berich­ten, wie viel schwe­rer sie es noch immer haben, sich im män­ner­do­mi­nier­ten Pop­busi­ness durch­zu­set­zen. So gin­gen etwa für Judith Holo­fer­nes, Sän­ge­rin und Front­frau von „Wir sind Hel­den“, nach der Geburt ihres Kin­des auf ein­mal „alle mög­li­chen Türen zu; ich war plötz­lich erwach­sen, nicht mehr Pop, kein Jugend­for­mat mehr.“
Die bei­den Autoren krat­zen nicht nur an der Ober­flä­che, son­dern füh­ren tief­ge­hen­de Gesprä­che. Die meist ange­neh­me Atmo­sphä­re, von der sie selbst immer wie­der berich­ten, ist auch beim Lesen zu spü­ren. Die Inter­view­ten öff­nen sich den Fra­ge­stel­lern und geben Ein­blick in ihr Den­ken und Füh­len jen­seits von Ober­fläch­lich­kei­ten und Banalitäten.
Zusätz­lich gibt es sechs reflek­tie­ren­de Bei­trä­ge der Autoren, in denen sie u. a. nach dem pro­vo­kan­ten Poten­zi­al von Pop und Rock fra­gen, dar­über nach­den­ken, wes­halb es Unter­hal­tung in Deutsch­land oft so schwer hat, oder der Fra­ge nach­ge­hen, wie Migra­ti­on die deut­sche Pop- und Rock­mu­sik ver­än­dert hat.
Rüdi­ger Behschnitt