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Ardila-Mantilla, Natalia

Soy yo“ – „Das bin ich“

Wie können Musikschullehrende die Identitätsarbeit ihrer ­SchülerInnen sinnvoll begleiten?

Rubrik: Aufsatz
erschienen in: üben & musizieren 5/2018 , Seite 06

Im Musikvideo zum Song „Soy yo“ der kolumbianischen Band Bomba Estéreo1 geht ein Mädchen tänzelnden Schrittes durch die Stadt. Es trifft auf spielende Kinder, auf zwei weitere Mädchen, die seine auffällige Frisur belächeln, auf drei ältere Jungs, die es bei seinen unbeholfenen Versuchen beim Basketball skeptisch beäugen, auf Breaker, die virtuos auf der Straße tanzen, und am Ende des Videos auch auf seinen Vater, der seine Hand hält und seinen Rucksack trägt. Bisweilen bleibt es stehen und singt, spielt Blockflöte oder tanzt ­selbstbewusst für die Betrachtenden zu dem Song mit der Hookline „soy yo“ („Das bin ich“).

In die­sem Beitrag2 will ich fol­gen­den Fra­gen nach­ge­hen:
– War­um ist es in unse­rer Zeit beson­ders wich­tig gewor­den, „soy yo“ sagen zu kön­nen?
– Was heißt über­haupt, „soy yo“ sagen zu kön­nen?
– Haben Musik­schul­leh­ren­de spe­zi­fi­sche Mög­lichkeiten, Iden­ti­täts­ar­beit – also die Arbeit an eben die­sem „soy yo“ – zu beglei­ten?
– Wel­che Risi­ken und Neben­wir­kun­gen bringt die­ser Impuls des Beglei­tens mit sich?

Her­aus­for­de­run­gen der Patch­work-Iden­ti­tät

Mei­ne Aus­füh­run­gen zum The­ma Iden­ti­tät bezie­hen sich auf die Arbeit des Sozi­al­psy­cho­lo­gen Hei­ner Keupp, der das Kon­zept der Patch­work-Iden­ti­tät ent­wi­ckel­te und Iden­ti­täts­kon­struk­ti­ons­pro­zes­se – ins­be­son­de­re von jun­gen Erwach­se­nen – jah­re­lang unter­such­te. Aus­gangs­punkt von Keupps Arbeit ist die Ein­sicht, dass die heu­ti­gen kapi­ta­lis­tisch gepräg­ten Indus­trie­ge­sell­schaf­ten inten­si­ven Wand­lungs­dy­na­mi­ken unter­wor­fen sind, die zur Fol­ge haben, dass die gro­ßen reli­giö­sen, phi­lo­so­phi­schen, kul­tu­rel­len und poli­ti­schen Deu­tungs­mus­ter ihre Kraft verlieren.3 Die ehe­mals soli­den Iden­ti­täts­ent­wür­fe bre­chen zusam­men und die Sub­jek­te dür­fen und müs­sen die lie­gen­blei­ben­den Bestand­tei­le in die Hand neh­men und über­le­gen: Passt das zu mir?
Wenn es das Mus­ter „Mut­ter“ mit sei­nen ­fixen Bestand­tei­len Ehe, Ver­ant­wor­tung für den Haus­halt, finan­zi­el­le Abhän­gig­keit, Weih­nachtskekse backen etc. nicht mehr gibt: Soll ich als Frau hei­ra­ten, Kin­der bekom­men, arbei­ten, Kek­se backen? Und wer bin ich dann, wenn ich das (nicht) tue? Post­mo­der­ne Men­schen haben Mög­lich­kei­ten, die in der Moder­ne undenk­bar waren; dafür ist ihnen die Ori­en­tie­rung abhan­den gekom­men, die die frü­he­ren fixen Iden­ti­täts­ent­wür­fe boten.4 Die Fra­ge „Wer bin ich?“ ist also zu unse­rer stän­di­gen Beglei­te­rin gewor­den. Wie schaf­fen wir es täg­lich, dar­auf „soy yo“ ant­wor­ten zu kön­nen?
Keupp geht bei der Beant­wor­tung die­ser Fra­ge von fol­gen­der Prä­mis­se aus: Wenn sich unse­re Welt­erfah­rung ver­än­dert, muss Iden­ti­tät neu defi­niert wer­den. Er ver­ab­schie­det sich von der Vor­stel­lung der Iden­ti­tät als sta­bi­les, homo­ge­nes, in jun­gen Jah­ren auf­ge­bau­tes Kon­strukt: Eine Iden­ti­tät hat man nicht; an einer Iden­ti­tät arbei­tet man stän­dig und lebens­lang. Wozu? Um in kon­kre­ten Lebens­si­tua­tio­nen pas­sen­de Plät­ze für sich fin­den zu können.5 Iden­ti­tät kann also nicht als ein indi­vi­du­ell-auto­no­mer, son­dern als ein dia­lo­gi­scher Pro­zess zwi­schen Ich und Welt begrif­fen wer­den. Iden­ti­tät ist wider­sprüch­lich, dop­pel­deu­tig, unbe­stän­dig, brüchig.6 Iden­ti­täts­ar­beit ist wie das stän­di­ge Nähen eines Patch­works: die per­ma­nen­te Suche nach anspre­chen­den, mit­ein­an­der pas­sen­den Frag­menten, ihre kunst­vol­le Ver­knüp­fung und die – mal mehr, mal weni­ger gelun­ge­ne – Umset­zung von Gestaltungswünschen.7
Was heißt aber denn gelun­gen? Wenn die ver­bind­li­chen Ori­en­tie­rungs­rah­men ihre Gül­tig­keit ver­lo­ren haben, wie soll man behaup­ten, ein bestimm­tes Patch­work wäre bes­ser als ein ande­res? Keupp betont an die­ser Stel­le, dass nach der Gesund­heits­for­schung der Mensch ein Grund­be­dürf­nis nach Kohä­renz hat: Iden­ti­tät mag grund­sätz­lich brü­chig sein; Men­schen müs­sen aber das Gefühl haben, dass es ihnen gelin­gen wird, aus den Frag­men­ten etwas zu bil­den, das ihnen kohä­rent erscheint. Men­schen brau­chen für ihre psy­chi­sche Gesund­heit ein Iden­ti­täts­ge­fühl, das heißt das „sub­jek­ti­ve Ver­trau­en in die eige­ne Kom­pe­tenz zur Wah­rung von Kon­ti­nui­tät und Kohärenz“.8 Und da Iden­ti­täts­ar­beit das Iden­ti­täts­ge­fühl stär­ken, aber auch schwä­chen kann, ist es wohl legi­tim, über gelin­gen­de bzw. miss­lin­gen­de Iden­ti­täts­ar­beit zu sprechen.9
Wel­che Vor­aus­set­zun­gen hat gelin­gen­de Iden­ti­täts­ar­beit?

1 www.youtube.com/watch?v=bxWxXncl53U (Stand: 23.7.2018).
2 Der vor­lie­gen­de Bei­trag ist die über­ar­bei­te­te Fas­sung eines Vor­trags, den ich am 23. Novem­ber 2017 im Rah­men des Sym­po­si­ums „Nur ein Vor­zei­chen­wech­sel?“ an der Wie­ner Musik­uni­ver­si­tät gehal­ten habe. Eine aus­führ­li­che Ver­si­on davon erscheint in Kür­ze in der gleich­na­mi­gen Publi­ka­ti­on von Ivo Berg, Han­nah Lind­mai­er und Peter Röb­ke (Hg.). Über das Sym­po­si­um wur­de berich­tet in Rüdi­ger Beh­schnitt: „Nur ein Vor­zei­chen­wech­sel? Auf der Suche nach musik­päd­ago­gi­schen (Neu-) Ori­en­tie­run­gen im Span­nungs­feld aktu­el­ler gesell­schaft­li­cher Ver­än­de­run­gen“, in: üben & musi­zie­ren 1/18, S. 34 f.
3 vgl. Hei­ner Keupp: Frag­men­te oder Ein­heit? Wie heu­te Iden­ti­tät geschaf­fen wird, 2004, www.ipp-muenchen.de/ texte/fragmente_oder_einheit.pdf (Stand: 19.3.2018), S. 1 ff. und Hei­ner Keupp: „Iden­ti­täts­ar­beit heu­te: Befreit von Iden­ti­täts­zwän­gen, aber ein lebens­lan­ges Pro­jekt“, in: Mari­ka Hammerer/Erika Kanelut­ti-Chil­as/In­ge­borg Mel­ter (Hg.): Zukunfts­feld Bil­dungs- und Berufs­beratung II. Das Gemein­sa­me in der Dif­fe­renz fin­den, Bie­le­feld 2013, S. 54 f.
4 vgl. Keupp 2004, S. 9.
5 vgl. Keupp 2013, S. 52 ff.
6 vgl. Flo­ri­an Straus/Renate Höfer: „Ent­wick­lungs­li­ni­en all­täg­li­cher Iden­ti­täts­ar­beit“, in: Hei­ner Keupp/Renate Höfer (Hg.): Iden­ti­täts­ar­beit heu­te. Klas­si­sche und aktu­el­le Per­spek­ti­ven der Iden­ti­täts­for­schung, Frank­furt am Main 1997, S. 271.
7 vgl. Keupp 2013, S. 60.
8 ebd., S. 53.
9 vgl. Keupp 2004, S. 10 ff. und Keupp 2013, S. 58 ff.

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