Basler, Susanne / Sibylle Stein

Spaß an Lagen­wech­seln

Für Cellisten, 1. und 4. Lage

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Simrock, Berlin 2009
erschienen in: üben & musizieren 2/2010 , Seite 59

Begin­nen wir mit einem Ori­gi­nal­zi­tat: „Muss ich da einen Lagen­wech­sel machen? Kann man das nicht ,nor­mal‘ spie­len?“ Gewiss kei­ne Ein­zel­mei­nung, son­dern vie­len Cel­lo­schü­le­rIn­nen aus der See­le gespro­chen. War­um wer­den gera­de dann, wenn ich armer Schü­ler anfan­ge, mich auf dem Cel­lo zuhau­se zu füh­len, von bösen Leh­rern der­ar­ti­ge Schi­ka­nen ein­ge­baut? Fin­det man nun als „böser Leh­rer“ viel­leicht noch des Schü­lers Gna­de mit dem Hin­weis auf Erwei­te­rung des Ton­raums („Man kann doch nicht ein Leben lang auf der A-Sai­te beim 4. Fin­ger in der 1. Lage ste­hen blei­ben“), so hört der Spaß end­gül­tig auf, wenn es dar­um geht, bekann­te Töne auf ein­mal in unbe­kann­ten Regio­nen spie­len zu müs­sen. Wozu soll das gut sein?
Hier setzt die vor­lie­gen­de Neu­ver­öf­fent­li­chung an. Schon ihr Titel stellt klar: Lagen­wech­sel kön­nen, ja, sie soll­ten Spaß machen. Was für ein luxu­riö­ses Instru­ment so ein Cel­lo doch ist: Es ermög­licht dem Spie­ler, ein und die­sel­be Ton­ver­bin­dung auf zig ver­schie­de­ne Arten aus­zu­füh­ren. Hier­für beim Schü­ler Neu­gier und For­scher­geist zu wecken, ist eine der schwie­rigs­ten Auf­ga­ben für Strei­cher­päd­ago­gIn­nen, und wenn das Werk gelingt, ist man im Hin­blick auf den betref­fen­den Schü­ler fast schon aus dem Gröbs­ten raus.
Ist Susan­ne Bas­ler und Sibyl­le Stein das Werk gelun­gen? Größ­ten­teils ja. Mit Akri­bie und Fan­ta­sie wer­den alle Vari­an­ten des Lagen­wech­sel-Bereichs 1.–4. Lage behan­delt, und zu Recht wird der Fra­ge des Bogen­strichs viel Raum gege­ben. Jede Kom­bi­na­ti­on muss geson­dert erlernt wer­den: Lagen­wech­sel im Abstrich, im Auf­strich, mit oder ohne Bin­de­bo­gen. Die­ses mit Sach­ver­stand erstell­te Werk (wei­te­re Bän­de zur Behand­lung der 2., 3. sowie 5.–7. Lage sol­len fol­gen) ent­hält viel wert­vol­les Mate­ri­al, das jedem Cel­lo­päd­ago­gen zur Ergän­zung sei­ner Mate­ria­li­en emp­foh­len wer­den kann.
Zwei Ein­wän­de sei­en ver­merkt: Dem Bedürf­nis nach Prä­zi­si­on der Spiel­an­wei­sun­gen ist man­che Wirr­nis des Noten­bil­des geschul­det. Zumal jün­ge­re Schü­le­rIn­nen dürf­ten vom ers­ten opti­schen Ein­druck man­cher Stü­cke, ins­be­son­de­re eini­ger Duet­te, erschla­gen wer­den: Vor­zei­chen, Fin­ger­sät­ze, dazu Lagen­wech­sel-Rich­tungs­pfei­le in bei­den Stim­men… ein wah­rer Schil­der­wald! Über­dies zeigt man­che Unter­richts­er­fah­rung, dass beim Erler­nen neu­er Schrit­te ein Rekurs auf bekann­te Melo­di­en als „Hal­te­grif­fe“ unschätz­ba­re Diens­te leis­ten kann. Hier­auf haben die Her­aus­ge­be­rin­nen lei­der ver­zich­tet: Alles ist neu kom­po­niert, ohne Zwei­fel mit Witz und Geschmack, auf den Ler­nen­den jedoch kommt eine geball­te Stoff­men­ge zu. Ein Stück wie „Takt­wech­sel“ (Nr. 34b, E-Dur) dürf­te für Schü­ler, die sich offi­zi­ell auf dem Level vor Erler­nen der 2. und 3. Lage befin­den, äußerst schwie­rig zu bewäl­ti­gen sein.
Ein Posi­ti­vum zum Schluss: Sehr instruk­tiv sind Stü­cke wie Nr. 32 und 33 (H-Dur/h-Moll). Ein und die­sel­be Melo­die soll auf drei­er­lei Art gespielt wer­den: in der Hal­ben Lage, zwi­schen Hal­ber und 1. Lage wech­selnd und schließ­lich unter Ein­be­zie­hung der 4. Lage. Emp­feh­lens­wert!
Ger­hard Anders