Niles, Laurie

Spür­ba­re kör­per­li­che Anwesenheit

„Wenn ich ehrlich bin, war ich ein wenig nervös“: die erste Präsenz-Geigenstunde nach einem Jahr mit Zoom

Rubrik: Bericht
erschienen in: üben & musizieren 4/2021 , Seite 40

Ist das tat­säch­lich ein Klop­fen an der Tür? Ja!
Mein sie­ben­jäh­ri­ger Schü­ler kam ver­gan­ge­nen Sams­tag mit sei­ner Mut­ter zum Gei­gen­un­ter­richt, und es war das ers­te Mal seit über einem Jahr, dass ich ihn per­sön­lich gese­hen habe. Wahn­sinn! Ich hat­te ihn jede Woche über Zoom gese­hen, aber das war anders.
Ich hat­te erwar­tet, dass ich bemer­ken wür­de, wie sehr er gewach­sen ist – und das ist er auch. Aber um ehr­lich zu sein, ist das nicht das, was mir auf­ge­fal­len ist. Was mir auf­fiel, war der Unter­schied in unse­rer gemein­sa­men Anwe­sen­heit. Wenn wir uns im Zoom-Uni­ver­sum unter­hiel­ten, waren wir „zusam­men“ im sel­ben Raum, wobei einer von uns real und einer auf einem Bild­schirm war. Den­noch waren wir bei­de an ver­schie­de­nen phy­si­schen Orten, wir waren also nicht buch­stäb­lich zusam­men im sel­ben Raum. Und die Ver­zö­ge­rungs­zeit von Zoom bedeu­te­te, dass wir nicht zusam­men spie­len, uns gegen­sei­tig unter­bre­chen (was erstaun­lich wich­tig ist) oder irgend­et­was tun konn­ten, das eine phy­si­sche Inter­ak­ti­on erforderte.
Mit Zoom habe ich gelernt, auf Kom­men­ta­re zu war­ten, abzu­wech­seln, anstatt Din­ge gemein­sam zu tun, bestimm­te Din­ge sein zu las­sen. Bei Zoom konn­te ich nicht die Hand aus­stre­cken, um sei­ne Gei­ge zu stim­men, das Metro­nom ein­zu­stel­len (oder das Metro­nom für ihn zu fin­den!), laut zu zäh­len oder zu sin­gen, wäh­rend er spiel­te, die Schul­ter­stüt­ze ein­zu­stel­len, die Schne­cke anzu­he­ben, wenn die Gei­ge nach unten hing, schnell einen Bogen­strich oder Fin­gersatz in die Musik zu schrei­ben usw.
Kör­per­li­che Prä­senz – das fühl­te sich anders an. Jetzt konn­te ich plötz­lich all die­se Mög­lich­kei­ten wie­der wahr­neh­men – sowohl die alten Ansät­ze als auch die neu­en Ideen, die mir ein­fie­len. Mir wur­de klar, dass eini­ge die­ser Bewäl­ti­gungs­me­cha­nis­men, die ich auf Zoom ent­wi­ckelt habe, blei­ben wer­den, aber nur, weil sie für bestimm­te Situa­tio­nen funk­tio­nie­ren, nicht weil sie die ein­zi­ge ver­füg­ba­re Opti­on sind.
Es fühl­te sich auch selt­sam an, Musik zu hören, die direkt aus sei­ner Gei­ge kam. Wenn Sie über Zoom zuhö­ren, kön­nen Sie sich zwar vor­stel­len, dass der Klang von der Gei­ge eines Schü­lers (oder eines Inter­pre­ten) kommt, aber das tut er nicht. Er kommt buch­stäb­lich aus dem Laut­spre­cher Ihres Com­pu­ters. Die­ser Klang kam direkt von einer klei­nen Gei­ge in mei­nem Wohn­zim­mer, die von einem klei­nen Paar mensch­li­cher Hän­de bedient wur­de. Wow!

Lesen Sie wei­ter in Aus­ga­be 4/2021.

Der Ori­gi­nal­bei­trag auf Eng­lisch ist erschie­nen unter https://www.violinist.com/blog/laurie/20216/28789/?fbclid=IwAR1VhN7cIl8C_58D_XQHRHTvrVBYxgHPV0iXCBV0VVt7htM_SjZnvpd5-UU. Wir dan­ken für die freund­li­che Nachdruckgenehmigung.