Vitalis, Andreas
Stimmungsbilder
20 Charaktervariationen für Klarinette und Violoncello, Partitur und Stimmen, Heft 1 / Heft 2
Die Stimmungsbilder basieren auf einem einfachen tonalen Thema im Dreivierteltakt (Tonumfang bis zum b’), das sich an klassischen Maßstäben orientiert und vom Violoncello präsentiert wird. Der Klarinette fällt die zurückhaltende, zumeist kantabel geführte Begleitung zu, die bis zum d”’ führend ein Gegengewicht zu den hohen Tönen des Violoncellos bildet.
Die erste Variation wechselt sogleich die Taktart und belebt mit scharf punktiertem Rhythmus und gesteigerter Dynamik das musikalische Geschehen, das schon weit weg vom Thema führt, das in der 2. Variation wieder im Dreiertakt und in leichter Abwandlung erscheint. Ein marschartiges Allegro fordert das perfekte Zusammenspiel von Zungen- und Bogentechnik. Anschließend wird dem augmentierten Thema im Violoncello in der Klarinette eine Art Staccato-Etüde in E-Dur gegenübergestellt. Im Verlauf übernimmt die Klarinette, von Doppelgriffen begleitet, einmal das Thema, muss sich dann mit Alberti-Bässen dem jetzt fröhlich leichtfüßigen Violoncello unterordnen: „Die Schulsachen werden weggepackt“ steht über dieser Variation.
Musikalisch spannender geht es in „Das Abenteuer“ zu, sowohl rhythmisch als auch harmonisch und in den technischen Anforderungen. Eine Moll-Variation darf nicht fehlen: „Leidend“ intoniert das Cello f-Moll, zu dem die Klarinette eine Vielzahl von kleinen Terzen beisteuert. Sehr passend der Titel der neunten Variation: „Heimatlos“. Die Tonalität wird durch die Chromatik aufgelöst. Mit „Hin und Her“ klingt das erste Heft mit gerecht auf die Duo-PartnerInnen verteiltem thematischen Anteil versöhnlich aus.
Andreas Vitalis, Jahrgang 1978, fügt weitere, zum Teil spieltechnisch etwas anspruchsvollere Variationen in einem zweiten Band hinzu, die auch motivische Anspielungen an Bekanntes enthalten: erste Töne von Kinderliedern, ein Zitat aus Haydns Sinfonie mit dem Paukenschlag und selbstironisch in „Größenwahnsinn“ Beethovens Kopfmotiv der 5. Sinfonie – hier als triolischer Auftakt – verknüpft mit der „Ode an die Freude“.
Danach kann es nur noch „Hoch die Tassen!“ heißen. Schade, dass die durch die Nacht streifende Katze in Nr. 17 nicht mit einem jaulenden Klarinettenglissando zu hören ist. Ein Griff in das obligatorisch erscheinende Jazzgenre mit „Groovy“ fördert eine wenig inspirierte Variation zutage.
Vitalis ist musikalischer Amateur und hat die Stimmungsbilder „für den Hausgebrauch“ geschrieben. Er bedient sich mit recht viel Geschick aus dem Baukasten der Variationstechnik. Der Titel ist allerdings etwas irreführend, denn Stimmungen werden in den spielfreudigen Variationen nur selten zum Ausdruck gebracht. In einer Auswahl können sie im Unterricht zur Förderung des kammermusikalischen Spiels ab der Mittelstufe beitragen.
Heribert Haase


