Mayer, Emilie

Streich­quar­tett e-Moll

Partitur und Stimmen

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Furore, Kassel 2016
erschienen in: üben & musizieren 2/2017 , Seite 60

Nach den Streich­quar­tet­ten in G-, B- und A-Dur von Emi­lie May­er erschien nun jüngst ihr Streich­quar­tett e-Moll, für des­sen Erst­ver­öf­fent­li­chung im Kas­se­ler Furo­re-Ver­lag erneut Her­aus­ge­ber Heinz-Mathi­as Neu­wirth ver­ant­wort­lich zeich­net. Sicher­lich sind inzwi­schen noch wei­te­re Streich­quar­tet­te („im Nach­lass noch acht“) in Arbeit.
Emi­lie May­er, die ein recht umfang­rei­ches Œuvre hin­ter­las­sen hat, kom­po­nier­te das vier­sät­zi­ge und etwa 25 Minu­ten dau­ern­de e-Moll-Quar­tett in den 1850er Jah­ren. Die ers­ten Ent­wür­fe stam­men ver­mut­lich bereits von vor 1850. Stu­diert man das aus­führ­li­che Vor­wort mit Lebens- und Werk­be­schrei­bung, so wird deut­lich, dass es von die­sem Werk zwei Fas­sun­gen gibt, weil die Kom­po­nis­tin, so Neu­wirth, nicht davor zurück­schreck­te, „der­einst fer­tig gestell­te Arbei­ten nach­ma­li­gen Ver­bes­se­run­gen zu unter­zie­hen“.
Die „ästhe­ti­sche Neu­aus­rich­tung im Zuge einer zwei­ten Fas­sung lässt sich nur haar­scharf von einer Neu­kom­po­si­ti­on abgren­zen“. Doch lie­ße sich, so der Her­aus­ge­ber wei­ter, der Kom­po­si­ti­ons­pro­zess trotz feh­len­der Datie­rung anhand der Quellen­lage und hand­schrift­li­chen Merk­malen recht gut rekon­stru­ie­ren, wor­aus ersicht­lich wird, wie May­er mit der zwei­ten Fas­sung ein „ziem­lich neu­es Bild des Streich­quar­tetts e-Moll ent­warf“. Den gesam­ten Pro­zess zeich­net Neu­wirth anhand der Quel­len, die in der Staats­bi­blio­thek zu Ber­lin, Preu­ßi­scher Kul­tur­be­sitz, auf­be­wahrt wer­den, minu­ti­ös und lesens­wert nach. Dabei wird auch deut­lich, dass die Kom­po­nis­tin, die unter ande­rem bei Carl Loewe und Adolf Bern­hard Marx stu­dier­te, ihr Werk nie gehört hat.
Kom­po­si­to­risch hat sich May­er, wie vie­le ande­re Kom­po­nis­tIn­nen die­ser Zeit, am Streich­quar­tett­schaf­fen Beet­ho­vens ori­en­tiert, nicht ohne aber den Blick in die roman­ti­sche Ton­spra­che zu ver­lie­ren. Ihr Werk zeigt sich zum einen rück­wärts­ge­wandt mit klas­si­scher Motiv­ver­ar­bei­tung, durch­bro­che­ner Arbeit und orches­tra­len Uni­so­no-Pas­sa­gen, wobei May­er auf eine lang­sa­me Ein­lei­tung ver­zich­tet. Zum ande­ren durch­zieht das Werk auch ein roman­ti­scher Impe­tus à la Liszt.
Tech­nisch erscheint es indes nicht beson­ders schwie­rig, blickt man in die ein­zel­nen Stim­men, was jedoch nicht die Qua­li­tät des Werks schmä­lert. Alle vier Stim­men sind (wie in der Zeit auch üblich) rela­tiv gleich­wer­tig am musi­ka­li­schen Gesche­hen betei­ligt. Das Cel­lo beginnt im Alle­gro maes­to­so mit gro­ßer Ges­te: mit einem The­ma, das eine Okta­ve umspannt, um nach vier Tak­ten zum Grund­ton zurück­zu­sin­ken. Die The­men sind wesent­lich von Chro­ma­tik beherrscht, ande­re, wie im lang­samen Satz, erschei­nen recht eigen­wil­lig, manch­mal auch sprö­de und merk­wür­dig gewollt; das an zwei­ter Stel­le ste­hen­de Scher­zo dafür dicht gedrängt mit vie­len retar­die­ren­den Tempo­angaben. Das Fina­le rollt bis auf weni­ge Momen­te bei­na­he durch­ge­hend mit Trio­len dem Ende ent­ge­gen. Druck und Lay­out sind vor­züg­lich.
Wer­ner Boden­dorff