Nohr, Karin

Stum­mer Wech­sel

Roman

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Größenwahn Verlag, Frankfurt am Main 2018
erschienen in: üben & musizieren 1/2019 , Seite 52

Pfar­rers Kin­der, Mül­lers Vieh, gedei­hen sel­ten oder nie.“ Das Sprich­wort und die Dis­kus­si­on über sei­ne Vari­an­ten – Leh­rers Kin­der und Pfar­rers Vieh? – zieht sich wie ein Leit­mo­tiv durch den Roman von Karin Nohr. Es bezieht sich nicht nur auf zwei der fünf Haupt­fi­gu­ren, die Pfar­rers­toch­ter (heu­te Schul­rek­to­rin) und den Leh­rer­sohn (heu­te Schul­rat), son­dern steht sinn­bild­lich für uns alle: Der Prä­gung durch die Fami­lie kann nie­mand ent­ge­hen. Und wie gut wir durchs Leben kom­men, hängt ent­schei­dend da­von ab, wel­chen Zuspruch, beson­ders aber wel­che Ver­let­zun­gen wir erfah­ren haben.
Beschä­digt und im Inne­ren ver­letzt sind alle fünf Haupt­fi­gu­ren: sei es durch den Ver­lust eines Kin­des, durch Miss­brauch, durch über­gro­ßen Leis­tungs­druck im Eltern­haus… Die Hand­lung wird immer abwech­selnd aus der Sicht je einer die­ser Figu­ren erzählt; eine Tech­nik, die nicht neu ist, aber bei Nohr her­vor­ra­gend funk­tio­niert. Denn ihr kommt es auf die per­sön­li­che Sicht­wei­se ihrer Figu­ren an, auf die Lebens­lü­gen, die wir uns auf­bau­en.
Trotz des Titels, der eine Griff­tech­nik beim Kla­vier­spiel bezeich­net, han­delt es sich nicht um einen Musi­ker­ro­man. Doch Musik und Unter­richt spie­len eine ent­schei­den­de Rol­le. Karin Nohr pro­mo­vier­te mit einer musik­psy­cho­lo­gi­schen Arbeit – für üben & musi­zie­ren hat sie Fach­bei­trä­ge zur Bezie­hung von Musi­ke­rIn­nen zu ihrem Instru­ment ver­fasst – und war lan­ge Zeit als Psy­cho­ana­ly­ti­ke­rin aktiv, bevor sie sich dem lite­ra­ri­schen Schrei­ben zuwand­te. Wie sie die Abhän­gig­kei­ten und Macht­ver­hält­nis­se inner­halb eines Chors zwi­schen (männ­li­chem) Chor­lei­ter und (haupt­säch­lich weib­li­chen) Chor­mit­glie­dern beschreibt, ist poin­tiert und amü­sant zu lesen.
Und in gegen­sei­ti­gen Abhän­gig­kei­ten gefan­gen sind alle Figu­ren in die­sem Roman. Gemein­sam ist ihnen die Sprach­lo­sig­keit: Nie­mand fragt nach, nie­mand hört rich­tig zu. So braucht es ein im wahrs­ten Sin­ne des Wor­tes ein­schnei­den­des Erleb­nis, um die­ses Netz aus Lügen und Ver­drän­gung zu zer­rei­ßen: Nach einem Mes­ser­an­griff auf die Rek­to­rin ist nichts mehr, wie es war. Zwar fehlt es der Kri­mi­hand­lung, die Karin Nohr in der Mit­te des Buchs als dra­ma­tur­gi­schen Höhe­punkt ein­baut, an inne­rer Logik, doch ist ihre Funk­tion eine ande­re. Hier geht es nicht um das „Who­d­u­nit?“: Sobald eine Per­son aus dem Gefü­ge her­aus­bricht, wer­den bei allen Betei­lig­ten Kräf­te zur inne­ren Ent­wick­lung frei­ge­setzt.
Auf Karin Nohrs psy­cho­lo­gi­schen Roman im Milieu von Musik und Schu­le muss man sich ein­las­sen. Man­ches wirkt über­kon­stru­iert, doch sprach­lich bewegt sich die Autorin auf hohem Niveau. Und gera­de für Leh­ren­de bie­tet das Buch vie­le Anknüp­fungs­punk­te, die eige­ne Rol­le als Lehr­kraft zu hin­ter­fra­gen. Denn es soll­te nicht erst zur Kata­stro­phe kom­men müs­sen, damit wir uns selbst fin­den kön­nen. Daher ist es not­wen­dig, die eige­nen Wün­sche, Bedürf­nis­se und Ängs­te zu arti­ku­lie­ren – und dem ande­ren gedul­dig zuzu­hö­ren.
Rüdi­ger Beh­schnitt