Jarrett, Keith

The Melo­dy At Night, With You

Arrangements für Klavier

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Schott, Mainz 2019
erschienen in: üben & musizieren 2/2020 , Seite 61

Keith Jar­rett (*1945) wird den meis­ten seit den 1970er Jah­ren als Jazz­pia­nist mit sei­ner ein­zig­ar­ti­gen Impro­vi­sa­ti­ons­kunst ver­traut sein. Das vor­lie­gen­de Noten­heft ent­hält elf Arran­ge­ments – genau aus­no­tiert durch Fried­rich Gross­nick –, die auf­schluss­rei­che Ein­bli­cke in Jar­retts impro­vi­sa­to­ri­schen Stil geben.
Der Kla­vier­satz ist akkor­disch dicht und voll­grif­fig und von ver­sier­ten Pia­nis­tIn­nen gut zu bewäl­ti­gen. Man­ches erin­nert an Bar­mu­sik, ande­res an die Impro­vi­sa­tio­nen aus Jar­retts Glanz­zeit: den „Solo­con­certs Bremen/Lausanne“ (1973) und „The Köln Con­cert“ (1975): Ange­nehm klin­gen­de Jazz-Bal­la­den in einem mit eige­nen Emo­tio­nen ver­se­he­nen, künst­le­risch aus­ge­präg­ten, cha­rak­te­ris­ti­schen Per­so­nal­stil.
Bei der Samm­lung The melo­dy at night, with you sticht beson­ders das Arran­ge­ment I got it bad and that ain’t good (Webster/Ellington) her­vor. Aus dem chro­ma­tisch getränk­ten Akkord­satz löst sich die rech­te Hand in immer frei­er wer­den­den Rhyth­men zu per­len­den Läu­fen und kolo­riert in aus­schwei­fen­den Klang­gir­lan­den die sto­isch durch­ge­hal­te­nen Grund­har­mo­ni­en und Bewe­gungs­mus­ter der lin­ken Hand.
Some­thing to remem­ber you by (Arthur Schwartz) erklingt zunächst in einem schlich­ten fünf­stim­mi­gen Akkord­satz, der anschlie­ßend rhyth­misch ver­dich­tet wird und zu span­nen­den poly­rhyth­mi­schen Wen­dun­gen führt.
Sowohl rhyth­misch als auch har­mo­nisch sehr anspre­chend ist das Arran­ge­ment zu I’m through with love (Malnek/Livingston). Die zah­rei­chen chro­ma­ti­schen Durch­gän­ge geben dem Stück eine gewis­se Geschmei­dig­keit und Ele­ganz.
Wei­te­re Titel sind zwei Bear­bei­tun­gen zu Geor­ge Gershwin, dar­un­ter sein I loves you Por­gy mit den für Bar­mu­sik typi­schen Arpeg­gi­en und Tra­di­tio­nals wie My wild irish rose. An Oscar Levants Bla­me it on my youth schließt eine zwei­sei­ti­ge Medi­ta­ti­on Jar­retts an, die aller­dings in ihrer stu­pi­den har­mo­ni­schen Ein­tö­nig­keit wenig über­zeugt.
Der Noten­text über­zeugt durch einen gut les­ba­ren Noten­satz und ist durch­ge­hend mit den gen­re­ty­pi­schen Akkord­sym­bo­len ver­se­hen (nur auf Sei­te 44 beim Tra­di­tio­nal Shen­an­do­ah haben sich vier Vier­tel­pau­sen zwi­schen die Noten­sys­te­me ver­irrt). Für erfah­re­ne Kla­vier­spie­le­rIn­nen mit ent­spre­chend gro­ßen Hän­den ist alles gut spiel­bar. Irri­tie­rend hin­ge­gen sind die häu­fi­gen Ruba­to-Hin­wei­se. Eine kom­ple­xe Rhyth­mik, wie sie in die­sen Stü­cken zumeist vor­kommt, lässt das eigend­lich nicht zu. Die Inten­ti­on von Keith Jar­rett war dabei sicher­lich, beim Spie­len den Cha­rak­ter einer Impro­vi­sa­ti­on zu errei­chen. Wer dabei alles im Noten­text ernst nimmt, wird vor Pro­ble­me gestellt. Am bes­ten wäre es, selbst über die Titel zu impro­vi­sie­ren und die Arran­ge­ments von Jar­rett als durch­aus inspi­rie­ren­de Ide­en­ge­ber hin­zu­zu­neh­men.
Chris­toph J. Kel­ler