Figdor, Helmuth

„The situation is hopeless – we must take the next step“

Ein psychoanalytisch-pädagogischer Versuch zur Bedeutung von Geduld für musikalisches Lernen

Rubrik: Aufsatz
erschienen in: üben & musizieren 5/2026 , Seite 10

Der psychoanalytische Blick erweist sich als höchst hilfreich für die Unter­richtspraxis. Denn psychoanalytische Einsichten können Lehrkräften helfen, die Voraussetzungen und Funktionen von Geduld im Musizierunterricht deutlicher wahrzunehmen und zu verstehen.

Ich freue mich immer, wenn üben & musizieren mich einlädt, zu musikpädagogischen Fragen einen Beitrag aus psychoanalytisch- pädagogischer Perspektive zu verfassen. Aber diesmal, zum Thema Geduld? Lässt sich dazu überhaupt Neues sagen? Denn dass es Geduld erfordert, wenn es um Lernen, um die Verbesserung von Leistung geht, scheint sich von selbst zu verstehen. „Schnell werden wir ungeduldig, wenn beim Üben etwas nicht so schnell klappt, wie wir uns das vorstellen. […] Beim Erlernen eines Instruments müssen wir jedoch in langen Zeiträumen denken“, schreibt der Autor eines Online-Ratgebers.1 Weil ich schon einmal im Internet bin, suche ich unter „Geduld und Musik“ weiter:
– „Wer mit dem Musikmachen anfängt, braucht Zeit und Geduld.“2
– „Geduld ist die Grundlage des Übens.“3
– „Seien wir geduldig mit uns und unserem Lernprozess. Die Ungeduld ist kontraproduktiv.“4
Genau an dieser Stelle – bei dem Satz: „Die Ungeduld ist kontraproduktiv“ – fällt mir der Ausspruch von Pablo Casals ein, auf den ich vor einiger Zeit aufmerksam gemacht wurde: „The situation is hopeless. We must take the next step.“5 Und ein weiteres, recht bekannt gewordenes Zitat des großen Cellisten – als er gefragt wurde, warum er mit über achtzig noch täglich stundenlang übe, soll er geantwortet haben: „Because I think I am making progress.“6 Ist aber das, was Casals nicht aufgeben lässt, was ihn antreibt, trotz Unzufriedenheit den nächsten Schritt zu wagen und immer weitere Fortschritte anzustreben, Geduld? Geduld mit sich und seinem Instrument? Man soll isolierte Aussagen nicht überbewerten und ich kenne den großen Musiker und Menschen nicht persönlich. Aber was ich von ihm weiß, vermittelt mir eher das Bild eines ungeduldig Strebenden.
Ist die (musik-)pädagogische Rolle von Geduld möglicherweise doch nicht so klar, wie ich zunächst angenommen hatte? Ungeduldig, der Sache auf den Grund zu gehen, beschließe ich, geduldig – und das heißt hier: systematisch – vorzugehen:
– Erstens die Bedeutungen des Begriffs Geduld näher zu betrachten.
– Zweitens die Beziehung von Geduld und Motivation zu klären.
– Aus der Selbstbeobachtung weiß ich, dass es mitunter vom Zeitpunkt abhängt, ob ich geforderte Geduld aufbringe oder nicht. Also könnte es drittens sinnvoll sein, den Zusammenhang von Geduld und „Timing“ zu untersuchen.
– Schließlich wäre viertens die Frage zu stellen, ob bzw. inwieweit die Phänomene Geduld/Ungeduld (auch) Funktionen der Schüler-Lehrer-Beziehung sein könnten.

1. Geduld: Gabe, Haltung oder erlernbare Fähigkeit?

Im guten alten Brockhaus finde ich folgenden Eintrag: „Geduld [ahd. (gi)dult, zu dolen >tragen<, >dulden<], Langmut, Nachsicht; das auf der Haltung der Gelassenheit beruhende tapfere Standhalten, die Ausdauer in Mühen und Gefahren und das Wartenkönnen auf den rechten Augenblick des Handelns.“7 Das Konversationslexikon Das kluge Alphabet definiert Geduld „als Beharrungsvermögen, das durch Selbstzucht gefestigt werden kann“.8 Recht ausführlich beschäftigt sich auch Wikipedia mit dem Phänomen Geduld. Dort finden wir folgenden Eintrag: „Als geduldig erweist sich, wer bereit ist, mit ungestillten Sehnsüchten und unerfüllten Wünschen zu leben und diese zeitweilig bewusst zurückzustellen. Diese Fähigkeit ist eng mit der Fähigkeit zur Hoffnung verbunden. Geduldig ist auch, wer Schwierigkeiten, Leiden oder lästige Situationen mit Gelassenheit und Standhaftigkeit erträgt.“9
Auf den ersten Blick scheint diese Aufzählung von Bedeutungsvarianten das, was wir in der Praxis unter Geduld verstehen, gut zu umschreiben. Aber Aufzählungen sind tückisch: Sie verschleiern mitunter Widersprüche. In manchen der zitierten Definitionen erscheint Geduld als eine quasi genetische Fähigkeit; als Tugend wird sie zur sittlichen Norm, um die sich jeder zu bemühen hätte und sei es mittels „Selbstzucht“; Gelassenheit erscheint einmal als Haltung gegenüber den Herausforderungen des Lebens, ein andermal als Synonym für Frustrationstoleranz; und als soziale Haltungen lassen sich Standhaftigkeit und die Bereitschaft, Gegebenes zu erdulden, kaum gleichsetzen.
Eine der Definitionen fällt aber gänzlich aus dem Rahmen. Sie definiert das Vermögen, geduldig zu bleiben, als abhängig von einer weiteren Variable: hoffen zu können. Im Zusammenhang mit Hoffen erscheint aber Geduld nicht mehr als eine Art A-priori-Lebenshaltung, sondern untrennbar verbunden mit bedeutungsvollen Zielen, Bedürfnissen: Warum soll ich mit Langmut und Ausdauer warten oder mich gar in Selbstzucht üben, wenn es um nichts geht, das mir wichtig ist?

2. Geduld und Motivation

Motiviert sein heißt, in dem, das es zu tun gilt, ein Ziel vor Augen zu haben, das für mich emotionale Bedeutung hat. An diesem Ziel geduldig zu arbeiten, wird gelingen, solange ich diese Arbeit als Weg, mein Ziel zu erreichen, wahrnehme. Hingegen drohen Motivation und Geduld verloren zu gehen,
(a) wenn der Weg, den ich eingeschlagen habe (oder der mir nahegelegt wurde), das Ziel nicht mehr erkennen lässt;
(b) wenn ich die Hoffnung verliere, das Ziel je erreichen zu können.
Auf den ersten Blick mag es scheinen, dass es sich sowohl bei der emotionalen Bedeutung, die der musikalische Unterricht für den Schüler hat und ihn mit Geduld die Lern- und Übeanstrengungen ertragen lässt (a), als auch beim Ausmaß des Selbstvertrauens, das ihn hoffen lässt, seine Ziele zu erreichen (b), um subjektive Voraussetzungen des Unterrichts handelt. Motivationsprobleme im Zuge des Unterrichts – einschließlich Geduld/Ungeduld – werden oft als mentale Ausstattung angesehen, die der Schüler, vom Unterricht unabhängig, von vornherein mitbringt. Eine solche Sichtweise setzt freilich voraus,
– dass die Entstehung der Lust, ein Instrument, Singen zu lernen oder sich musikalisch weiterzubilden, nicht Sache professioneller Musikpädagogik sei;
– dass angesichts der Lern- und Übeanstrengungen das „Überleben“ anfänglicher Motivation nicht in der Macht des Lehrers liege;
– und schließlich, dass für emotionale Faktoren wie Selbstvertrauen, Zuversicht oder eben Geduld Eltern oder PsychotherapeutInnen, nicht aber MusikpädagogInnen zuständig seien.

Resonanzraum innerer Vorgänge
Soweit ich das beurteilen kann, entspricht keine dieser Annahmen dem Selbstverständnis von MusikpädagogInnen. In ihrem Buch Musikschule gibt es nur im Plural betonen Natalia Ardila-Mantilla, Peter Röbke und Hanns Stekel, dass die „Gestaltung musikalischer Lern- und Lebenswelten“, die zur Lust am Musizieren führen, eine zentrale Aufgabe musikalischer Ausbildung darstelle.10 Diese Lust, ein Instrument zu lernen, zu singen oder auch nur Musik passiv zu genießen, stellt sich ein, wenn Kinder erleben, dass Musik sie emotional bewegt. Das passiert, wenn das Kind zwischen der Musik, die es hört oder probiert, und seinen akuten wie latenten inneren Erregungen, die ihm gar nicht bewusst sein mögen, eine unmittelbare Entsprechung spürt, als würde es in der Musik genau um das gehen, was es in sich fühlt, als wäre sie eine Art Resonanzraum innerer Vorgänge im Außen.11 Es versteht sich fast von selbst, dass die Bereitschaft, bei der Sache zu bleiben, sich anzustrengen, auch wenn es schwerfällt (geduldig zu bleiben), umso größer sein wird, je mehr solche Resonanzerlebnisse nicht nur im Vorfeld stattgefunden haben, sondern den Unterricht selbst prägen. Und dass sich PädagogInnen um die Gefühle, die an Lernprozessen und ihrem Scheitern beteiligt sind, nicht zu kümmern hätten, würde heute wohl kaum eine Lehrperson behaupten.
Dementsprechend hat sich das Lernklima an den Musikschulen in den vergangenen zwanzig Jahren eindrücklich verändert. Von den musikalischen „Lern- und Lebenswelten“ war schon die Rede; an die Seite des ausschließlichen Einzelunterrichts sind Ensemblespiel und Orchestermusizieren getreten; an die Stelle einseitigen Unterrichtens, in dem der Lehrer sich darauf beschränkt zu lehren, Geübtes abzuprüfen und zu bewerten, tritt immer selbstverständlicher gemeinsames Musizieren. Dennoch erlebt jede Lehrkraft im Hinblick auf Ausdauer, Konzentration und der Bereitschaft, sich neuen Aufgaben zu stellen, Unterschiede zwischen den SchülerInnen. Und recht schnell ist man dann in der Praxis doch wieder bei der Vermutung angelangt, dass manche Kinder mehr und manche weniger Geduld aufbringen, wenn die Herausforderungen groß sind.

 

1 Schindlegger, Norbert, http://werde-dein-lehrer.at/ueben-und-musizieren-geduld-haben (Stand: 26.8.2026).
2 Diakonische Stiftung Wittekindshof, https://www.wittekindshof.de/suche/?tx_solr%5Bq%5D=Musikmachen, Meldung nicht mehr verfügbar (Stand: 26.8.2026).
3 Pawlitzki, Jessica, https://jp-popgesang.de/singen-ueben/geduld-ist-die-grundlage-des-uebens.html (Stand: 26.8.2026).
4 Schindlegger, a. a. O.
5 Auf diesen Ausspruch Casals wurde ich freundlicherweise von Silvia Janicek aufmerksam gemacht.
6 A Day in the Life of Pablo Casals. Kurzfilm, Regie Robert Snyder, 1957.
7 Brockhaus Enzyklopädie, Bd. 8, Mannheim 1989, S. 200.
8 Das kluge Alphabet, Bd. 1, Berlin 1957, S. 797.
9 https://de.wikipedia.org/wiki/Geduld (Stand: 26.8.2026).
10 Ardila-Mantilla, Natalie/Röbke, Peter/Stekel, Hanns (Hg.): Musikschule gibt es nur im Plural. Drei Zugänge, Innsbruck 2015, S. 14.
11 siehe dazu: Figdor, Helmuth: „Warum habe ich Lampenfieber? Ein psychoanalytischer Beitrag zum besseren Verständnis der ­eigenen Gefühle – Teil 2“, in: üben & musizieren 4/2025, S. 50-53.

Lesen Sie weiter in Ausgabe 5/2026.

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