Winterberg, Hans
Trio für Violine, Viola und Violoncello
Partitur und Stimmen
Warum musste Hans Winterbergs Streichtrio aus dem Jahr 1960 weit über ein halbes Jahrhundert auf seine Veröffentlichung im Druck warten? Die Gattung des Trios für Violine, Viola und Violoncello ist ja nicht gerade reich an Werken großer KomponistInnen, und Kompositionen aus den ersten zwei Jahrzehnten nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs haben es, abgesehen von den schillernden Vertretern der Avantgarde, eher schwer im heutigen Konzertbetrieb. Da müsste ein Hans Winterberg doch in der Lage sein, diese offensichtliche Lücke zu füllen – zumal mit einem Werk, das auf den ersten Blick nicht das ganz große Besteck der Streichervirtuosen erfordert.
Doch Vorsicht! Nähert man sich den drei Sätzen des Streichtrios von Hans Winterberg mit zu wenig Vorspannung, könnte deren Wirkung sehr schnell verpuffen. Winterberg komponiert keine Melodien; Klang ist für ihn möglicherweise nur von untergeordneter Bedeutung, wenngleich das keinesfalls bedeutet, dass seine Vortragsbezeichnungen nicht ernst zu nehmen wären. Hans Winterbergs Trio ist ein Paradestück über den Rhythmus in all seinen Facetten. Rhythmus als Motor, als Konturengeber und Strukturelement, ja Rhythmus sogar im Sinne einer Farbpalette, bei der die Überlagerungen eine besondere Rolle zu spielen vermögen.
Violine, Bratsche und Cello müssen in Winterbergs Streichtrio zu jeder Zeit in die Vollen gehen: in Hinblick auf präzises Zusammenspiel ebenso wie in Bezug auf eine robuste Tongebung. Und hier werden dann vielleicht doch die VirtuosInnen unter den InterpretInnen gebraucht; die sich nicht auf die Suche nach der schönen Melodielinie oder den fein abschattierten Klängen machen, sondern die direkt zupackend Winterbergs kräftiger, scharfkantiger und enorm impulsgeladener Musik zu ihrem Recht verhelfen. Schnelles muss hier wirklich schnell gespielt werden, und einen langsamen Satz sucht man vergeblich, steht doch ein „aber nicht schleppend“ über dem Mittelteil des knapp 30 Spielminuten füllenden Werkes.
Hans Winterberg hat die drei Sätze seines Streichtrios von 1960 mit einer so hohen Energiedichte versehen, dass jedes Zögern im Spiel ungewollt zum Zerfall der gesamten Interpretation führen muss. Auch die klare optische Botschaft des Notentexts in der Partitur lässt keinen Zweifel: Nur Präzision und Präsenz, Attacke und Feuer erlauben diesem Werk die beabsichtigte Wirkung. Weit weg von der hochartifiziellen Folklore eines Leoš Janáček, dem nahbaren Musikantentum eines Béla Bartók oder der schillernden Oberfläche der Minimal Music beschreitet Hans Winterberg in seinem Streichtrio ganz eigene Wege, auf die sich die Ausführenden mit höchster künstlerischer Ambition einlassen müssen. Ohne Netz und doppelten Boden.
Daniel Knödler


