Klaus, A. Sophie
Übe nicht, variiere!
Zur spielerischen Vermittlung variationsreichen Übens und wie die Inspiration dafür nie ausgeht
Variiertes Üben ist ein Werkzeug, das nicht nur die Technik der Lernenden auf ein neues Niveau hebt, sondern auch ihre Kreativität fordert. Einige Ideen zur Vermittlung dieser Übetechnik – und wie man durch eine simple Systematik nie ans Ende des eigenen Ideenreichtums kommt.
Das häusliche Üben der SchülerInnen gleicht manchmal einem Mysterium. Wie lange, was und wie zuhause geübt wird, ist als Lehrkraft oft schwer einzuschätzen. In der Erforschung der Lernwelten1 von SchülerInnen beschreibt Natalia Ardila-Mantilla dieses Phänomen: „Der Lernwelt des Privaten wohnt […] eine gewisse Paradoxie inne: Sie stellt einerseits die Basis für andere Lernwelten dar, ist aber zugleich eine Art Blackbox, die von der Lehrkraft nur begrenzt beobachtet und beeinflusst werden kann.“2
Wie kann ich als Lehrkraft die scheinbar unantastbare Lernwelt des Privaten beeinflussen? Wie kann ich meine SchülerInnen zum Üben motivieren, sie dazu bringen, Spaß am Üben zu entwickeln und gleichzeitig nachhaltige Fortschritte beim Musizieren zu machen? Ich meine, dass diese drei Dinge – Motivation, Spaß und Fortschritt – engmaschig vernetzt sind: Motivation und Spaß am Üben entstehen nur, wenn Fortschritt erkennbar ist. Mit Gerhard Mantel lässt sich ergänzen: „Das Üben nach dem ,Prinzip Hoffnung‘ erzeugt […] auch gleich dessen Gegenteil, nämlich das ,Prinzip Enttäuschung‘.“3
Hier deutet sich an, dass die Anwendung einer Strategie eine Diagnosefähigkeit voraussetzt. Bevor ich weiß, wie ich das Legato üben kann, muss ich zunächst erkennen, dass das Legato überhaupt zu üben ist. Kurz: Wer „einfach drauf los übt“, wird kaum eine nachhaltige Übekontinuität erreichen. Was also benötigt wird, ist eine Übestrategie, die in den Unterrichtsstunden einfach vermittelt werden kann: Arbeitshaltungen und Arbeitsgewohnheiten werden in Lernprozessen erworben.4 Wir müssen das Üben gemeinsam mit unseren SchülerInnen im Unterricht üben.
Ein Blick hinter die Kulissen
Im vergangenen Jahr habe ich mit meinen SchülerInnen verschiedene Überstrategien gezielt ausprobiert. Die aus meiner Sicht erfolgreichste und zugleich eindrücklichste Methode beschreibe ich zunächst mit einem Blick in mein Unterrichtszimmer.
Anna (8 Jahre alt) spielt seit mehreren Monaten Cello. Mit dem Kinderlied Jetzt steigt Hampelmann kommt sie noch nicht zurecht. Das ist nicht verwunderlich, denn es ist ihr erstes Stück mit mehreren Passagen mit schnellen Achteln. „Welche Stellen in diesem Stück sind denn die schwierigsten?“, frage ich Anna. Sie deutet mit ihrem Bogen auf einen der Achtelläufe. Dabei wirkt sie etwas unglücklich. Zunächst separiere ich die von ihr genannte Stelle mit einem dünnen, blauen, aber sichtdurchlässigen Post-it. Das hilft ihr, sich auf diese eine Stelle zu konzentrieren. Doch schnell wendet sie ein: „Auch dieser Takt braucht einen Sticker, der ist auch sehr schwierig!“ Ich markiere auch diese Stelle mit einem Post-it, jetzt in grün. Ich bitte Anna, zunächst die blaue Stelle mehrmals im Loop zu wiederholen. Sie spielt die Stelle dreimal. Es holpert nach wie vor.
„Was könnten wir denn an der Stelle verändern, damit es ein bisschen leichter wird?“, frage ich. Anna überlegt kurz und sagt: „Ich kann alle Töne gleichlang spielen und ohne Bindung.“ „Fantastische Idee!“, entgegne ich. Nachdem Anna die Stelle ohne Rhythmisierung und Bindung geübt hat, fordere ich sie dazu auf, etwas anderes zu verändern. Sie spielt die blaue Stelle ein paar Mal im entgegengesetzten Strich. Danach lasse ich sie die Stelle noch vor- und rückwärts spielen. Zuletzt soll Anna zur ursprünglichen Version zurückkehren. Und siehe da: Sie spielt die blau markierte Passage einwandfrei. Als Hausaufgabe gebe ich ihr auf, dies zu wiederholen, die grüne Stelle ebenso zu verändern und mir in der nächsten Woche fünf Übe-Variationen pro Stelle vorzustellen.
In der folgenden Stunde spielt Anna das gesamte Lied fehlerfrei und zeigt mir mehrere neue Variationen, mit denen sie geübt hat. Darunter finden sich „zupfen“, „ganz leise oder laut“ und – als verrückteste Idee – „den Bogen falschherum nehmen“. Dass Anna Spaß hatte beim Erfinden ihrer Variationen, ist offensichtlich!
Download: Tabelle zum Eintragen individueller Übefelder
1 Die Idee der Lernwelt umfasst nach Ardila-Mantilla die Lernwelt des Unterrichts, der Ensembles, der Auftritte und des Privaten, vgl. Ardila-Mantilla, Natalia: Musiklernwelten erkennen und gestalten. Eine qualitative Studie über Musikschularbeit in Österreich, Wien 2016.
2 ebd., S. 301.
3 Mantel, Gerhard: Einfach üben. 185 unübliche Überezepte für Instrumentalisten, Mainz 2001/2010, S. 15.
4 vgl. Mantel, Gerhard: Cello üben. Eine Methodik des Übens nicht nur für Streicher, Mainz ²2013, S. 13.
Lesen Sie weiter in Ausgabe 4/2026.



