Engelhardt, Sandra

Und täg­lich grüßt das Mur­mel­tier…

Über das Zusammenspiel von Üben, Selbstwirksamkeitserleben und ­Motivation

Rubrik: Praxis
erschienen in: üben & musizieren 3/2020 , Seite 22

Interessant, wenn ein Filmtitel in den allgemeinen Sprachgebrauch übergeht… Sicher haben auch Sie bei dieser Überschrift vermutet, dass es in diesem Beitrag um sich wiederholende Abläufe gehen wird. Um das Gefühl, in einer Endlosschleife aus alltäglichen Routinen gefangen zu sein. Denn mal ganz ­ehrlich, kennen Sie nicht auch diese Déjà-vu-Momente, wenn Sie im Unterricht plötzlich denken: Habe ich nicht genau diese Frage schon einmal beantwortet? Ist das tatsächlich schon wieder eine Woche her?

Ver­ste­hen Sie mich nicht falsch – ich möch­te kei­nes­falls den All­tag mit sei­nen Rou­ti­nen in ein schlech­tes Licht rücken! Regel­mä­ßi­ge Abläu­fe, wie­der­keh­ren­de Situa­tio­nen oder Zusam­men­hän­ge und schon ein­mal (so ähn­lich) erleb­te Momen­te geben uns Hand­lungs­si­cher­heit. Sie sind ent­las­tend, weil wir uns nicht stän­dig auf neu­es und unbe­kann­tes Ter­rain bege­ben, nicht unun­ter­bro­chen Ent­schei­dun­gen tref­fen, nach unse­rer Rol­le suchen oder mit uner­war­te­ten Reak­tio­nen zurecht­kom­men müs­sen.
Pro­ble­ma­tisch wird es, wenn genau die­se posi­ti­ven Punk­te im Zusam­men­hang mit den all­täg­li­chen Abläu­fen als Belas­tung erlebt wer­den. Wenn ich mich nur schwer auf­raf­fen kann, zum Unter­richt oder zur Pro­be zu fah­ren, weil „es doch irgend­wie immer das Glei­che ist“. Wenn ich schon beim Gedan­ken an „eine Stun­de üben – min­des­tens!“ von einer blei­er­nen Müdig­keit erfasst wer­de und gleich­zei­tig das Gefühl habe, dass dies eigent­lich nicht sein dürf­te…
Und unse­ren Schü­le­rin­nen und Schü­lern geht es bestimmt nicht anders. Die­ses gro­ße „Eigent­lich“, das zusätz­lich zu den Alltags­erle­digungen, Schul­auf­ga­ben und Sport­ak­ti­vi­tä­ten die Beschäf­ti­gung mit dem Instru­ment zu einer unlieb­sa­men wer­den lässt. Obwohl es doch eigent­lich Spaß macht. Obwohl unse­re Schü­le­rin­nen und Schü­ler doch eigent­lich nach der Unter­richts­stun­de immer „voll Lust haben“. Obwohl doch die Ensemb­lestunden und die Auf­trit­te mit der Grup­pe zu den High­lights des Jah­res gehö­ren – eigent­lich.

Zum Üben moti­vie­ren

Wie also kann es gelin­gen, dass die Übe­zeit für unse­re Schü­le­rin­nen und Schü­ler nicht zu einem nega­tiv besetz­ten Mur­mel­tier­tag-Erleb­nis wird? „Wenn ich kei­ne Gum­mi­bär­chen ver­tei­len wür­de, dann wür­den die wahr­schein­lich gar nicht mehr üben.“ Die­se Bemer­kung warf eine Teil­neh­me­rin eines mei­ner Work­shops neu­lich in die Run­de. Wir tausch­ten uns gera­de dar­über aus, wie wir unse­re Schü­le­rin­nen und Schü­ler zum Üben „ermun­tern“. Und es mach­te sich all­ge­mein ein mul­mi­ges Gefühl breit, da anschei­nend alle davon aus­ge­hen, dass ohne die Aus­sicht auf eine Beloh­nung kei­ner der Schü­ler wirk­lich üben wür­de.
Aber wäre es nicht wun­der­bar, wenn sie das Musi­zie­ren als so erfül­lend erle­ben könn­ten, dass sie allein schon die Beschäf­ti­gung mit dem Instru­ment, mit dem zu ler­nen­den Stück als glück- und freu­de­brin­gend ken­nen­ler­nen? Dass sie sich beschenkt füh­len? „Aber Üben macht halt kei­nen Spaß, da muss man erst­mal durch. Und wenn man dann sein Ins­trument beherrscht, dann kann man auch die Musik genie­ßen. Doch so weit kom­men die meis­ten ja gar nicht.“ Nach die­sem Ein­wurf einer ande­ren Teil­neh­me­rin war die Stim­mung am Tief­punkt. Resi­gna­ti­on pur, Erin­ne­rung an den eige­nen Lern­weg (der auch hart und stei­nig war), all­ge­mei­ne Gesell­schafts­kri­tik (heu­te kann ja kei­ner mehr Durst­stre­cken aus­hal­ten), Hilf­lo­sig­keit. Und dann die Fra­ge an mich, vor der ich mich als Work­shop­lei­te­rin immer ein biss­chen fürch­te: „Und wie machen Sie das?“
Nun, auch ich habe noch kein Zau­ber­pul­ver erfun­den, das ich am Ende der Stun­de über mei­ne Schü­le­rin­nen und Schü­ler streue und das die Freu­de und das Inter­es­se am Flö­te­spie­len über die Woche bis zur nächs­ten Unter­richts­stun­de wach­hält. Und wir kön­nen als Instru­men­tal­päd­ago­gin­nen und -päd­ago­gen in der kur­zen Zeit, die wir jeweils mit den Kin­dern zu tun haben, auch schwer­lich all­ge­mein erlern­te Moti­va­tions- oder auch Beloh­nungs­mus­ter grund­le­gend umge­stal­ten. Was ich ver­su­che, ist, eine Insel zu schaf­fen. Ihnen neben dem Erler­nen des Instru­ments die Idee zu ver­mit­teln, dass sie sich an ihren eige­nen Leis­tun­gen erfreu­en kön­nen. Dass Ler­nen nicht gleich­be­deu­tend ist mit: kei­ne Feh­ler machen. Statt „das kann ich nicht“ ein „das kann ich noch nicht“ zu den­ken. Dass sie ler­nen, sich selbst Zie­le zu ste­cken, sich selbst zu beob­ach­ten – und das, ohne zu beur­tei­len.

Lesen Sie wei­ter in Aus­ga­be 3/2020.