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Adrians, Frauke

Unterrichten als Plan B

„MiKADO-Musik“-Studie sagt massiven Mangel an Musikschullehrkräften voraus

Rubrik: Bericht
erschienen in: üben & musizieren 1/2026 , Seite 52

Der Deutsche Musikrat und seine Partner schlagen Alarm: „500000 Schüler:innen verlieren ihren Musikschulunterricht!“, betitelten sie eine Pressemitteilung, die zur Novemberstimmung passte.

Anlass war die Veröffentlichung der Studie „MiKADO-Musik“, wobei „MiKADO“ eine sehr gewollte Abkürzung für „Mangel an Nachwuchs im Künstlerisch-Pädagogischen Bereich an Ausbildungsinstituten in Deutschland und Oesterreich“ darstellt. „Alarmierend und erschreckend“ nannte die neue Musikrats-Präsidentin Lydia Grün die Ergebnisse der Studie, die sie gemeinsam mit Vertretern und Vertreterinnen der Musikhochschulen und des Verbands deutscher Musikschulen (VdM) präsentierte. „Wenn wir jetzt nicht handeln, werden 2035 über 10000 Lehrkräfte an den Musikschulen fehlen.“ Das bedeute, Flötenunterricht, Schlagzeugstunden, ja selbst die musikalische Früherziehung in der Kita werde „exklusiv wie ein Studienplatz“, so Grün.
Bei der „MiKADO-Musik“-Studie handelt es sich um ein „Crowd-Forschungsprojekt“, an dem mehr als 50 Forschergruppen, u. a. an deutschen und österreichischen Musikhochschulen, mitgewirkt haben. Der unerfreulichen Prognose zum Verlust an Musikschulunterricht liegt eine einfache Zahlenaufstellung zugrunde. Bis 2035, errechnen VdM und Deutscher Musikrat anhand eigener Daten, gehen rund 14700 Musikschullehrkräfte in den Ruhestand. Doch im gleichen Zeitraum werden nur rund 4000 Studierende einen Abschluss in den Fächern Instrumental- und Vokalpädagogik sowie der Elementaren Musikpädagogik erzielen, davon 3500 Bachelor- und 500 Masterstudiengang-Absolventinnen und -Absolventen. Nur rund 27 Prozent der bis Mitte der 2030er Jahre ausscheidenden Musikschullehrkräfte könnten ersetzt werden. Stark betroffen von der sich auftuenden Versorgungslücke seien beliebte Instrumente und Unterrichtsfächer wie Flöte, Geige, Gitarre, Cello, Schlagzeug, Klavier und Früherziehung.
Genau andersherum sieht es im gleichen Zeitraum beim Zahlenverhältnis von Studierenden in Instrumentalfächern und Orchesterstellen aus. Bis 2035, rechneten die Studien-Autorinnen und -Autoren vor, würden in den Orchestern rund 3000 Musikerstellen frei. Das bedeute, dass nur für 14 Prozent der Absolventinnen und Absolventen in den entsprechenden Fächern die begehrten Orchester-Jobs in Deutschland zur Verfügung stünden.
Der Engpass an gut ausgebildetem, quali­fiziertem Musikschullehrer-Nachwuchs ist nach Darstellung der MiKADO-Autorinnen und -Autoren seit Langem absehbar. Seit etwa 2010 sei die Anzahl der Studierenden in den künstlerisch-pädagogischen Fächern um rund 45 Prozent zurückgegangen. Gründe für den teilweise auch jetzt schon spürbaren Mangel an Musikschullehrkräften – bundesweit steht eine sechsstellige Zahl von Kindern und Jugendlichen auf einer Musikschul-Warteliste – machen die Autorinnen und Autoren auf mehreren Ebenen aus. Zum einen tragen weder die Arbeitszeiten noch die Vergütung dazu bei, den Musikschullehrer-Beruf besonders attraktiv erscheinen zu lassen. Hinzu komme „eine teilweise negative öffentliche Wahrnehmung, die durch tradierte Abwertungen des Berufsbilds begünstigt wird“, heißt es in der Mitteilung zur Veröffentlichung der Studie.
Mitautorin Carmen Heß von der Hochschule für Musik und Tanz Köln konstatierte, der Beruf erscheine zahlreichen Musikstudierenden lediglich als „Plan B“ für den Fall, dass es mit dem Musikerberuf nicht klappe. „Viele wissen gar nicht, dass das ein Studiengang ist“, so Heß bei der Präsentation der MiKADO-Studie. Manch ein Studierender realisiere nicht einmal, dass er auch an der Hochschule von Lehrkräften lerne – und nicht ausschließlich von Vollzeit- und Vollblutmusikern, die zufällig auch eine pädagogische Befähigung besitzen. Die Verwirklichung als Künstlerin oder Künstler habe einen hohen Stellenwert, demgegenüber werde das Musik-Lehren als „Dienstleistung“ abgetan. Dabei, betonte Christian Fischer, Vorsitzender der Rektorenkonferenz der Musikhochschulen, „gibt es kaum einen Musiker, der nicht irgendwann im Leben auch unterrichtet“. Ein „Change im Mindset“ sei dringend nötig.
Musikrat, Musikhochschulen und VdM leiten aus den Studienergebnissen mehrere musikpolitische Forderungen ab. Christian Fischer nannte Handlungsempfehlungen sowohl für das Studium als auch für die Phasen davor und danach: Studienvorbereitung und Berufspraxis. „Es braucht eine bessere Berufsberatung, Studierende müssen vielseitiger beraten werden“, schon damit die musikpädagogische Richtung als gute Studienentscheidung per se wahrgenommen wird und nicht als Notnagel für „weniger begabte Musiker“.
Ganz vorn im Forderungskatalog der „MiKADO-Musik“-Studie steht die Schaffung besserer Rahmenbedingungen für den Beruf der Musikschullehrkraft. Es brauche aber nicht nur eine bessere Bezahlung und attraktive Arbeitsverträge, sondern schon im Vorfeld mehr praxisorientierte Studienplätze in den musikpädagogischen Studiengängen sowie Praktikums- und Mentoring-Programme an den Musikschulen selbst, um potenzielle Studierende für den Beruf zu gewinnen. An den Musikschulen müsse der Kanon der Instrumente und Ensembles erweitert werden – denn Zuwanderer haben neue Instrumente mit- und teilweise auch schon in den Wettbewerb „Jugend musiziert“ eingebracht, Hackbrett und Bağlama sind nur zwei davon.
Zwischen Hochschulen und öffentlichen Musikschulen brauche es mehr Kooperation auch auf regionaler Ebene. Und damit Musikschullehrkräfte sich weiterqualifizieren können, sind aus Sicht der Studienmacher eigene Förderprogramme nötig.
Die Kultusminister der Länder, die kommunalen Arbeitgeber und Spitzenverbände, der VdM und die Rektorenkonferenz der Musikhochschulen sollen sich in einer Bund-Länder-Arbeitsgruppe zur Sicherung der außerschulischen musikalischen Bildung zusammentun, empfehlen die Verfasser. Ob diese Maßnahmen reichen, um dem Musikschullehrer-Schwund entgegenzuwirken, und ob sie überhaupt noch rechtzeitig kommen können: Dazu kann „MiKADO-Musik“ keine Zahlen liefern.

Lesen Sie weitere Beiträge in Ausgabe 1/2026.

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