Pichlbauer, Florian

Valse No. 1

für Klavier solo

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Universal Edition, Wien 2025
erschienen in: üben & musizieren 4/2026 , Seite 62

Der geschichtsphilosophische Ansatz, relevante neu-komponierte Musik könne nur im Zeichen des Fortschritts musikalischen Materials entstehen, ist spätestens seit den 1970er Jahren obsolet. Die Rückkehr zum Einfachen und der unverhohlene Blick zurück in die Tradition gelangten auf die Tagesordnung, etwa in der Minimal Music oder bei Arvo Pärts religiös konnotiertem Tintinnabuli-Stil. Meist waren mit diesen den Fortschrittsgedanken negierenden Entwicklungen immerhin neue Akzente verbunden, sodass keine bloßen Kopien entstanden, sondern eine eigene Handschrift zu entdecken war.
Darf man aber unbefangen heute so komponieren, als befände man sich als Zeitgenosse Schumanns oder Mendelssohns in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts? Der 1998 in Graz geborene Pianist und Komponist Florian Pichlbauer hat mit dieser Frage offenbar kein Problem und würde wohl mit einem klaren „Ja“ antworten. Und das selbstbewusst, denn Pichlbauers Karriere hat bereits früh Fahrt aufgenommen: Mit 16 Jahren begann er ein Studium an der Universität für Musik und darstellende Kunst in Graz, wurde mehrfach Preisträger des österreichischen Wettbewerbs Prima la Musica und gewann 2017 den ersten Preis beim internationalen Béla-Bartók-Wettbewerb.
Neben seiner Tätigkeit als Pianist und Liedbegleiter ist Pichl­bauer auch als Komponist für Film und Theater tätig, und was die Schöpfungen für sein Ins­trument, das Klavier betrifft, ist es geradezu ein Ritterschlag, dass seine entsprechenden Stücke, die gerne mit „Romance“ oder „Elégie“ betitelt sind, beim renommierten Wiener Verlag Universal Edition erscheinen.
Bei Valse No. 1 weist schon der Titel darauf hin, dass Pichlbauer nicht an die Walzer-Tradition Wiens anknüpfen will. Liest oder spielt man den Anfang dieser „Valse“ in a-Moll, so meint man, eine verschollene Komposition Frédéric Chopins vor sich zu haben und fühlt sich in diesem Eindruck bestätigt, wenn man bei Recherchen erfährt, dass sie während eines Paris-Aufenthalts entstand. Vom Théâtre national de la Colline, wo Pichlbauer arbeitete, ist es nur eine kurze Strecke zum Friedhof Père Lachaise, wo Chopin seine letzte Ruhestätte fand. „Erfahrungsgemäß entstehen meine liebsten Motive auf Reisen“, so bekennt Pichlbauer und lässt sich dabei gerne, wie in diesem Fall, vom „Genius loci“ inspirieren.
Die etwa vier Minuten Spielzeit umfassende Valse No. 1 mit ihren typischen Begleitmustern in der Linken und einer über weite Strecken hinweg einstimmig geführten Rechten dürfte ein einigermaßen versierter Pianist vom Blatt spielen können. Originell ist an dieser Stil-Kopie (oder Musik-„Vintage“) immerhin der mehrfache Wechsel vom Dreiviertel- in den Zweivierteltakt, sodass Walzer- und Polka-Tonfall ineinander übergehen. Übrigens: Man kann sich dieses Stück und Pichlbauers weitere Romantik-Repliken bei YouTube anhören.
Gerhard Dietel

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