Hömberg, Tobias

Varia­ble ­Kon­tu­ren

„Identität“ in musikalisch-kulturellen Ausformungen

Rubrik: Aufsatz
erschienen in: üben & musizieren 5/2018 , Seite 20

Nicht selten werden die Beziehungen zwischen Menschen, Kulturen und Musiken heute unter das Vorzeichen „Identität“ gestellt. Wie unterschiedlich dieses Wechselspiel in musikpädagogischen Zusammenhängen arrangiert sein kann und was dies für Musikunterricht bedeuten mag, wird hier an einem Beispiel skizziert.

Im Jahr 2012 stell­te der Deut­sche Musik­rat sein Grund­satz­pa­pier Musi­ka­li­sche Bil­dung in Deutsch­land vor. Es wen­det sich an Akteu­re im Bil­dungs- und Kul­tur­be­reich eben­so wie an poli­ti­sche Ent­schei­dungs­trä­ge­rIn­nen und for­dert damit eine gesamt­ge­sell­schaft­li­che Ver­ant­wor­tung für musi­ka­li­sche Bil­dung ein. An ver­schie­de­nen Stel­len die­ses Papiers fin­det der Begriff „Iden­ti­tät“ Ver­wen­dung. So zunächst unter Bezug auf die UNESCO-Kon­ven­ti­on zur kul­tu­rel­len Viel­falt in der vor­an­ge­stell­ten Prä­am­bel: „Der Schutz und die För­de­rung des Kul­tu­rel­len Erbes, der zeit­ge­nös­si­schen künst­le­ri­schen Aus­drucks­for­men ein­schließ­lich der Popu­lä­ren Musik und der Kul­tu­ren ande­rer Län­der in Deutsch­land bil­den eine wesent­li­che Grund­la­ge für Iden­ti­tät, Zusam­men­halt und Zukunfts­fä­hig­keit unse­rer Gesellschaft.“1 Im wei­te­ren Ver­lauf wird, im beson­de­ren Bemü­hen um die kul­tu­rel­le Par­ti­zi­pa­ti­on von Men­schen mit unter­schied­li­chen Her­künf­ten und Res­sour­cen, unter ande­rem fest­ge­stellt: „Dass eine gesellschaft­liche Teil­ha­be des Men­schen ganz wesent­lich davon abhängt in wie weit [sic!] er mit sei­ner eige­nen Iden­ti­tät auch kul­tu­rell ein­ge­bun­den ist, gehört zur demo­kra­ti­schen Grundüberzeugung.“2

Iden­ti­tät als Flucht­punkt

Seit eini­gen Jahr­zehn­ten ist zu beob­ach­ten, dass der Begriff „Iden­ti­tät“ in musik­päd­ago­gi­schen Kon­tex­ten in Anspruch genom­men wird, um kul­tu­rel­le Zuge­hö­rig­kei­ten und Ver­or­tun­gen von Men­schen zu beschrei­ben, ihre Bezie­hun­gen zu Musik und Musi­ken zu cha­rak­te­ri­sie­ren oder aber, wie hier, Ziel­vor­stel­lun­gen musi­ka­li­scher Bil­dung zu for­mu­lie­ren bzw. zu legi­ti­mie­ren. Spre­che­rIn­nen aus Musik­päd­ago­gik und Bil­dungs­po­li­tik ver­si­chern sich damit nicht zuletzt eines all­ge­mei­nen Kon­sen­ses, dem­zu­fol­ge das Her­stel­len und Bewah­ren von Iden­ti­tät als eine der wich­tigs­ten Auf­ga­ben des Men­schen im (post-)modernen Zeit­al­ter gilt. Ange­sichts gesell­schaft­li­cher Umbrü­che, die durch den Ver­lust tra­di­tio­nel­ler Rol­len, ver­bind­li­cher Wer­te und sta­bi­ler Sozi­al­ge­fü­ge gekenn­zeich­net sind, ist „Iden­ti­täts­ar­beit“ heu­te in den Bereich per­sön­li­cher Zustän­dig­keit verwiesen.3 Neben dem Stre­ben nach Aner­ken­nung wächst zugleich das Bedürf­nis nach wie­der­zu­ge­win­nen­den Gemein­schaf­ten, sei­en sie selbst­ge­wählt oder vor­ge­ge­ben. „Iden­ti­tät“ mar­kiert so den Flucht­punkt aller Bemü­hun­gen, sich selbst – und ande­re – in Zei­ten varia­bler Lebens­ent­wür­fe und Zusam­men­schlüs­se zu loka­li­sie­ren.
Die zitier­ten Aus­schnit­te aus dem Grund­satz­pa­pier des Deut­schen Musik­rats fügen sich in die­se Ten­denz ein. Bei genaue­rer Betrach­tung erweist sich frei­lich, dass mit dem, was hier als „Iden­ti­tät“ bezeich­net wird, durch­aus unter­schied­li­che Bedeu­tun­gen und Bezü­ge auf­ge­ru­fen wer­den. Dies betrifft zuerst die Fra­ge, wem Iden­ti­tät zuge­spro­chen bzw. für wen sie bean­sprucht wird: Wäh­rend die Prä­am­bel eine Iden­ti­tät „unse­rer Gesell­schaft“ pos­tu­liert und zen­tra­le Bedin­gun­gen für deren Fort­be­stehen auf­stellt, bezieht sich der nach­fol­gend her­aus­ge­grif­fe­ne Pas­sus auf die „eige­ne Iden­ti­tät“ des ein­zel­nen Men­schen, mit der er an den ihn umge­ben­den kul­tu­rel­len Ange­bo­ten teil­ha­ben sol­le. Was unter „Iden­ti­tät“ zu ver­ste­hen ist, bleibt jeweils abs­trakt. Dass sie grund­sätz­lich posi­tiv besetzt ist, ergibt die Gleich­stel­lung, womög­lich Gleich­set­zung, mit wei­te­ren Zie­len wie „Zusam­men­halt und Zukunfts­fä­hig­keit“ der Gesell­schaft. Gilt eine solch kol­lek­ti­ve Form von Iden­ti­tät offen­bar nicht als selbst­ver­ständ­lich, son­dern abhän­gig von Erhalt und Stär­kung kul­tu­rel­ler Pra­xen und künst­le­ri­scher Arte­fak­te, wird die Iden­ti­tät von Indi­vi­du­en dage­gen als natür­li­cher Besitz dekla­riert. Doch erst durch kul­tu­rel­le Inte­gra­ti­on und Invol­viert­heit mag sie, so könn­te die zwei­te Aus­sa­ge inter­pre­tiert wer­den, „kul­ti­viert“, ihrer­seits gesell­schafts­fä­hig wer­den.
In bei­den Fäl­len wird „Kul­tur“ eine ent­schei­den­de Wir­kung für die Aus­bil­dung und Pfle­ge von Iden­ti­tä­ten zuge­schrie­ben. Auch die­ser Begriff ist wie­der­um auf­ge­la­den mit umfang­rei­chen Bedeu­tun­gen, die viel­fäl­ti­ge Asso­zia­tio­nen aus­strah­len. Je nach Ver­ständ­nis kann er rein eth­nisch fun­diert sein, die Pra­xen und Wer­ke künst­le­ri­scher Pro­duk­ti­on und Rezep­ti­on bün­deln oder gar auf alle Berei­che mensch­li­chen Lebens aus­grei­fen. Doch auch wenn man, wie es in Hin­blick auf die haus­ei­ge­ne Agen­da des Deut­schen Musik­rats nahe­lie­gend ist, das weit­läu­fi­ge kul­tu­rel­le Feld auf musi­ka­li­sches Ter­rain ein­grenzt, blei­ben Fra­gen: Wel­che Zusam­men­hän­ge zwi­schen Musi­ken, Musik­kul­tu­ren und Iden­ti­tä­ten bestehen tat­säch­lich? Und wel­che Auf­ga­ben musi­ka­li­scher Bil­dung kön­nen bzw. sol­len sie begrün­den?

Wech­sel­spie­le musi­ka­li­scher Iden­ti­tä­ten

Jen­seits rhe­to­risch-argu­men­ta­ti­ver Ver­knüp­fun­gen von Musik, Kul­tur und Iden­ti­tät haben sich natio­na­le und inter­na­tio­na­le Dis­kur­se eta­bliert, die ihr Wech­sel­spiel zum lei­ten­den Para­dig­ma erhe­ben, um die Bezie­hun­gen zwi­schen Men­schen und Musi­ken zu beschrei­ben. Sie wer­den vor­nehm­lich geprägt durch die anglo­ame­ri­ka­ni­sche For­schung. Das Hand­book of musi­cal iden­ti­ties, 2017 pro­mi­nent bei Oxford Uni­ver­si­ty Press erschie­nen, führt Per­spek­ti­ven aus Musik­psy­cho­lo­gie, Musik­so­zio­lo­gie, Musik­eth­no­lo­gie, Musik­päd­ago­gik und wei­te­ren Dis­zi­pli­nen zusammen.4 Weni­ger ein sys­te­ma­ti­sches Kom­pen­di­um als eine Samm­lung von Erträ­gen empi­ri­scher Stu­di­en der ver­schie­de­nen Fächer, offen­bart es viel­di­men­sio­na­le Zugrif­fe auf die­se Bezie­hun­gen und ihre Facet­ten. Das weit aus­kra­gen­de Dach des Iden­ti­täts­be­griffs beher­bergt ein brei­tes Spek­trum an The­men: von der Bedeu­tung des Umgangs mit Musik in wech­seln­den Lebens­pha­sen über die musi­ka­li­sche Aus­prä­gung regio­na­ler und sozio­kul­tu­rel­ler Ver­ge­mein­schaf­tun­gen bis hin zur gesund­heit­li­chen und the­ra­peu­ti­schen Wir­kung von Musik. Alle die­se Zugän­ge erschlie­ßen einen je spe­zi­fi­schen Stel­len­wert von Musik für Iden­ti­tä­ten indi­vi­du­el­len oder kol­lek­ti­ven Zuschnitts, in sol­cher Funk­ti­on auch zusam­men­fas­send bezeich­net als „music in iden­ti­ties“.
Dem­ge­gen­über zielt die Umkeh­rung der Begriffs­kom­po­si­ti­on, „iden­ti­ties in music“, auf die per­sön­li­che Aus­wahl musi­ka­li­scher An­gebote und Akti­vi­tä­ten sowie die musika­lischen Rol­len, die eine Per­son ein­nimmt. Beson­de­re Prä­ge­kraft scheint dabei den for­mel­len musik­be­zo­ge­nen Kon­tex­ten zuzu­kom­men, in denen Men­schen sich bewe­gen und an denen sie sich ori­en­tie­ren – spe­zi­ell Bil­dungs­in­sti­tu­tio­nen wie Schu­le, Musik­schu­le oder Musik­hoch­schu­le. Die Ent­fal­tung von musi­ka­li­schen Selbst­bil­dern und Selbst­kon­zep­ten wird den ange­führ­ten Stu­di­en zufol­ge hier ent­schei­dend beein­flusst – ein Hin­weis auf die Rele­vanz päd­ago­gi­scher Umge­bun­gen und musik­un­ter­richt­li­cher Set­tings für die eige­ne musi­ka­li­sche Lebens­ge­stal­tung von Schü­le­rIn­nen oder Stu­die­ren­den.
Die Fra­ge aber, was „musi­ka­li­sche Iden­ti­tä­ten“ denn aus­zeich­ne, wird nicht abschlie­ßend geklärt. Viel­mehr erläu­tern die Her­aus­ge­ber in der Ein­lei­tung, dass sich das Ver­ständ­nis des Begriffs in den ver­gan­ge­nen Jah­ren eher gewei­tet denn kon­kre­ti­siert habe.5 Musi­ka­li­sche Iden­ti­tä­ten gel­ten etwa als sozi­al aus­ge­han­delt, per­for­ma­tiv arti­ku­liert oder nar­ra­tiv kon­stru­iert. Die unterschied­lichen Ansät­ze zu ihrer Beschrei­bung – hier die psy­cho­lo­gi­sche Ver­mes­sung ihrer indi­vi­du­el­len For­men, die Betrach­tung all­ge­mei­ner Ent­wick­lungs­pro­zes­se oder Unter­su­chun­gen zur Bedeu­tung von Musik in eth­nisch-geo­gra­fi­schen Gemein­schaf­ten – bezeu­gen jedoch vor allem eines: wie das Iden­ti­täts­kon­zept von ver­schie­de­nen musik­be­zo­ge­nen Dis­zi­pli­nen, For­sche­rin­nen und For­schern für die je eige­nen Anlie­gen zuge­rich­tet wird. Ange­sichts der Varia­bi­li­tät sei­ner Kon­tu­ren aber ist es letzt­lich kaum mög­lich, zur Deckung zu brin­gen, was es jeweils umfasst.

Päd­ago­gi­sche Inten­tio­nen

Selbst wenn empi­risch bestimm­bar wäre, was Iden­ti­tät sei (zumal wenn sie als kul­tu­rel­le oder musi­ka­li­sche apo­stro­phiert ist), dürf­te dies allein nach didak­ti­schem Ver­ständ­nis noch kei­ne Aus­rich­tung von Musik­un­ter­richt begrün­den. Päd­ago­gi­sche Maß­gaben sind grund­sätz­lich prä­skrip­tiv. Nun scheint zwar die jewei­li­ge Auf­fas­sung dar­über, was Iden­ti­tä­ten in ihren musi­ka­lisch-kul­tu­rel­len Aus­for­mun­gen aus­ma­che, tat­säch­lich nor­ma­tiv grun­diert, jedoch häu­fig eher im Ver­bor­ge­nen. So gese­hen kenn­zeich­net eine spe­zi­fi­sche Begriffs­ver­wen­dung bestimm­te kul­tur­po­li­ti­sche oder päd­ago­gi­sche Inten­tio­nen, die sich womög­lich in der Anla­ge und Gestal­tung von Musik­un­ter­richt ver­wirk­li­chen. Wie ver­schie­de­ne Vor­stel­lun­gen von Iden­ti­tät einen Musik­un­ter­richt flan­kie­ren und legi­ti­mie­ren kön­nen, lässt sich im Rück­griff auf das Papier des Deut­schen Musik­rats bei­spiel­haft andeu­ten:
Ein Unter­richt, der sich pri­mär der „För­de­rung des Kul­tu­rel­len Erbes“ ver­pflich­tet sieht, mag vor allem musi­ka­li­sche Kul­tur­gü­ter in den Mit­tel­punkt stel­len, die aus ästhe­ti­schen oder his­to­ri­schen Erwä­gun­gen her­aus bewah­rens­wert schei­nen – sei­en es die geo­gra­fisch als eigen erach­te­ten oder auch die­je­ni­gen von „Kul­tu­ren ande­rer Län­der“. Er beruft sich auf Tra­di­tio­nen, die mög­li­cher­wei­se gemein­sa­me Iden­ti­tät stif­ten kön­nen. Auch wo er „zeit­ge­nös­si­sche“ und „popu­lä­re“ Musi­ken mit ein­be­zieht, möch­te er ins­besondere dazu bei­tra­gen, den kul­tu­rel­len Reich­tum der Gemein­schaft zu meh­ren und zu sichern.
Ein Musik­un­ter­richt dage­gen, der vor­ran­gig die „eige­nen Iden­ti­tä­ten“ sei­ner Teil­neh­me­rIn­nen im Blick hat, wird sich ver­stärkt an den indi­vi­du­el­len Bedürf­nis­sen von Schü­le­rin­nen und Schü­lern aus­rich­ten. Besteht sei­ne Auf­ga­be dar­in, sie an Musikkultur(en) teil­ha­ben zu las­sen, so unter­brei­tet er ver­schie­de­ne kul­tu­rel­le Ange­bo­te und befä­higt sie, sich selbst musi­ka­lisch aus­zu­drü­cken und ein­zu­brin­gen. Ein sol­cher Unter­richt in Musik ermög­licht, inner­halb der Viel­falt ihrer Erschei­nungs­for­men und Pra­xen die eige­ne musi­ka­li­sche Iden­ti­tät zu ent­wi­ckeln und zu gestal­ten.
Wel­chen Nut­zen der Iden­ti­täts­be­griff für die Beschrei­bung und Begrün­dung musi­ka­li­scher Lehr-Lern-Pro­zes­se hat, muss sich stets im Ein­zel­nen erwei­sen. Um Miss­ver­ständ­nis­sen vor­zu­beu­gen und impli­zi­te Vor­an­nah­men und Nor­men offen­zu­le­gen, scheint es in jedem Fall ange­ra­ten, den zugrun­de­lie­gen­den Begriffs­ge­brauch zu erläu­tern und zu reflek­tie­ren.

1 Deut­scher Musik­rat: Musi­ka­li­sche Bil­dung in ­Deutsch­land. Ein The­ma in 16 Varia­tio­nen, Ber­lin 2012, www.miz.org/dokumente/2012_DMR_Grundsatzpapier_Musikalische_Bildung.pdf, S. 5 (Stand: 25.7.2018).
2 ebd., S. 6.
3 vgl. etwa Hei­ner Keupp/Renate Höfer (Hg.): Iden­ti­täts­ar­beit heu­te. Klas­si­sche und aktu­el­le Per­spek­ti­ven der Iden­ti­täts­for­schung, Frank­furt am Main 1997.
4 Ray­mond A. R. MacDonald/David J. Hargreaves/Doro­thy Miell (Hg.): Hand­book of musi­cal iden­ti­ties, ­Oxford 2017.
5 vgl. David J. Hargreaves/Raymond A. R. MacDonald/ Doro­thy Miell: „The chan­ging iden­ti­ty of musi­cal iden­tities“, in: ebd., S. 3–23.

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