Weber, Carl Maria von

Varia­tio­nen über ein The­ma aus Samo­ri B‑Dur op. 6

für Klavier, Violine und Violoncello ad lib., Partitur und Stimmen

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Schott, Mainz 2014
erschienen in: üben & musizieren 4/2015 , Seite 55

Für ein drei­vier­tel Jahr war der erst 17 jäh­ri­ge Carl Maria von Weber zwi­schen Sep­tem­ber 1803 und Mai 1804 in Wien Schü­ler des arri­vier­ten Kom­po­nis­ten und Päd­ago­gen Abbé Vog­ler (1749–1814), der zwi­schen Ver­pflich­tun­gen in Prag und Darm­stadt für vier Jah­re in der öster­rei­chi­schen Haupt­stadt leb­te. Fast zeit­gleich mit Vog­lers Oper Samo­ri oder Der ver­dräng­te Prinz, im Mai 1804 in Wien urauf­ge­führt, ent­stan­den auch die B‑Dur-Varia­tio­nen sei­nes jun­gen Schü­lers Weber über die Arie der Naga „Woher mag dies wohl kom­men? Mir fehlt die Essenslust“.
Wie Andre­as Fuke­r­i­der, der Her­aus­ge­ber die­ser prak­ti­schen, dem Text der Weber-Gesamt­aus­ga­be fol­gen­den Edi­ti­on im Vor­wort aus­führt, gibt es zahl­rei­che Hin­wei­se dar­auf, dass der gestren­ge Vog­ler, der bereits 1776 in Mann­heim sein Theo­rie­werk Ton­wis­sen­schaft und Ton­setz­kunst ver­öf­fent­licht hat­te, die Kom­po­si­ti­on die­ser Varia­tio­nen nicht nur ange­regt, son­dern ihre Aus­füh­rung auch im Detail über­wacht hat.
Mög­li­cher­wei­se stam­men die ad libi­tum aus­führ­ba­ren Stim­men von Vio­li­ne und Cel­lo sogar von Vog­ler selbst, der fünf wei­te­re Varia­tio­nen­zy­klen über sei­ne Oper in der näm­li­chen, genre­typischen Kla­vier­trio­be­set­zung ver­fass­te und Webers Bei­trag in die­sen Zyklus ein­pas­sen woll­te. Da es sich bei den Strei­cher­stim­men wei­test­ge­hend um Dou­blie­run­gen aus dem Kla­vier­satz han­delt, ist das vor­lie­gen­de Werk aber auch ver­lust­arm für Kla­vier allein ausführbar.
Dem volks­lied­ar­ti­gen, nai­ven The­ma im Alla-bre­ve-Andan­te fol­gen ohne­hin zunächst zwei aus­schließ­lich dem Kla­vier zuge­dach­te Varia­tio­nen, eine in geläu­fi­gen Sech­zehn­tel-Umspie­lun­gen („con gra­zia“), die ande­re in chro­ma­ti­sier­ten Ach­tel-Va­­ri­an­ten des Lega­to-The­mas. Varia­ti­on 3, nun­mehr wie­der mit ­fakul­ta­ti­ver Strei­cher­as­sis­tenz, führt eine sprit­zi­ge Ach­tel­trio­len-Bewe­gung der lin­ken Hand ein, wäh­rend Varia­ti­on 4 „poco più Ada­gio“ die gefühl­vol­le Sei­te des The­mas hervorhebt.
Die bril­lan­ten Sech­zehn­tel der wie­der rein pia­nis­ti­schen 5. Varia­ti­on, „for­te e con brio“, ent­fal­ten bereits fina­le Aspek­te, doch schiebt Weber noch eine „Mar­cia funebre“ in b‑Moll als Varia­tion 6 ein; hier greift er eine ent­spre­chen­de tona­le Ver­än­de­rung der Vogler’schen Ori­gi­nalarie auf, die sich an die­ser Stel­le trau­ervoll arti­ku­liert: „Mein Aug schwimmt dann in Trä­nen“. Eine kur­ze Rück­lei­tung nach B‑Dur führt zu einer Alle­gro-Schlus­s­­va­ria­ti­on im 6/8‑Takt, „Coda“ überschrieben.
Im pia­nis­ti­schen Auf­wand hält sich die­ses frü­he Weber-Werk gegen­über spä­te­ren Stü­cken deut­lich zurück, bie­tet aber vor allem jun­gen Kla­vier­spie­lern ein spiel­freu­di­ges, in Ansät­zen vir­tuo­ses Betä­ti­gungs­feld in wohl­klin­gen­dem Satz. Mit Aus­nah­me eini­ger Dop­pel­grif­fe für die Vio­line in der Coda hal­ten sich die strei­che­ri­schen Auf­ga­ben in beschei­de­nen Gren­zen und ermög­li­chen so einen Ein­satz im Schülerbereich.
Rai­ner Klaas