© privat

Busch, Barbara

Vibes und Hooks

Gespräch mit Lucas Ramos über Underground-Rap und Beats aus dem Netz

Rubrik: Gespräch
erschienen in: üben & musizieren 4/2020 , Seite 48

Getrieben von einer unbändigen, sich zunehmend ausdifferenzierenden Klangvorstellung sucht der 19-jährige Lucas Ramos nach Wegen, seinen Klangvisionen Form zu geben und ihnen Gehör zu verschaffen. Digital produziert er Musik und verwendet mit dem Rückgriff auf „Vorgefertigtes“ eine Technik, die Assoziationen an die Pasticcio-Oper des 18. Jahrhunderts weckt.

Hi Lucas, unter dei­nem Künst­ler­na­men Vibo sind seit 2019 über alle bekann­ten Musik­netz­wer­ke Songs von dir zu hören. Was für Musik machst du?
Mei­ne Musik bedient sich bei ver­schie­de­nen Gen­res und ist des­halb schwer zu kate­go­ri­sie­ren. Da ich noch kein fes­tes Sound­bild habe und mich nicht limi­tie­ren will, wür­de ich mei­ne Musik wie folgt beschrei­ben: Einen gro­ßen Teil machen die bass­las­ti­gen Beats aus, die soge­nann­ten 808s, die typisch für Trap-Rap sind. Dazu kom­men ver­schie­den­s­-te Melo­di­en, die pas­send zum Trap-Rap gestal­tet sein kön­nen, aber auch oft aus Rich­tun­gen wie RnB, Cloud-Rap, Pop etc. kom­men. Wenn es um Musik geht, gibt es für mich kei­ne Limits. Oft pro­bie­re ich Neu­es aus und sin­ge bal­la­den­ähn­li­che Songs, nahe­zu ohne Ver­wen­dung der bass­las­ti­gen Beats oder ande­rer Rap-Ele­men­te. Die Bezeich­nung „Under­ground-Rap“ wür­de wohl gut pas­sen.
Wenn es um die Krea­ti­on eines Songs geht, dann ist der Vibe für mich am wich­tigs­ten. Der Begriff „Vibe“ kommt aus dem Eng­li­schen und beschreibt jene Gefüh­le, die eine Per­son ver­spürt, wäh­rend sie z. B. Musik hört. Ein Syn­onym für Vibe ist Atmo­sphä­re. Und zum rich­ti­gen Vibe gehö­ren meis­tens melo­disch ein­präg­sa­me Hooks, die dem Hörer nicht aus dem Kopf gehen und Emo­tio­nen ver­stär­ken sol­len. Die­se Emo­tio­nen vari­ie­ren natür­lich von Song zu Song, mal ist es Fröh­lich­keit, Trau­er, mal eine Ein­la­dung zum Ent­span­nen oder zum Tan­zen. Mei­ne Musik reflek­tiert die Emo­tio­nen, die ich selbst füh­le und in Songs ver­pa­cke.

Im Rap sind die Tex­te beson­ders wich­tig – dach­te ich. Wenn ich heu­te so man­chen Song höre, fra­ge ich mich aller­dings, ob die­se Maxi­me noch gül­tig ist.
Frü­her spiel­ten die Song­tex­te eine gro­ße Rol­le und es gab ein fes­tes Bild vom Rap. Erst um 2012 gab es immer mehr Künst­ler (vor allem die jun­gen), die sich vom alten Rap distan­zier­ten und sich kom­plett vom ame­ri­ka­ni­schen Trap-Rap inspi­rie­ren lie­ßen. Ich glau­be, vie­len Men­schen ist die­ser Umbruch im Rap nicht bewusst und sie haben noch das alte Bild vom aggres­si­ven Rap­per im Kopf, der auf der Büh­ne steht und rebel­li­sche Tex­te per­formt. Davon distan­zie­ren sich vie­le jun­ge Künst­ler – ich auch!
Wenn es um Tex­te geht, ist der Vibe das Ent­schei­den­de: Oft pas­sen tief­grün­di­ge, gut über­leg­te Tex­te nicht ins Sound­bild, dafür pas­sen weni­ger über­leg­te Wor­te eher zum Gesamt­werk. Oft gibt es Key­wör­ter, um die Wort­fel­der gebil­det wer­den. Der Sinn des Tex­tes erschließt sich dann eher asso­zia­tiv. Anders for­mu­liert: Es gibt Songs, bei denen das kleins­te Wort im Hin­ter­grund eine gro­ße Rol­le spielt. Im Gegen­zug gibt es auch Songs, bei denen es über­haupt nicht um den Text, son­dern aus­schließ­lich um den Vibe geht.

Wie bist du zum Musik­ma­chen gekom­men? Spielst du ein Instru­ment?
Musik hat mich immer inter­es­siert, egal ob es die bra­si­lia­ni­sche Musik war, die mei­ne Mut­ter im Wohn­zim­mer abspiel­te, oder Musik, die ich aus Fil­men und dem TV kann­te. Mei­ne ers­te Hip-Hop-CD kauf­te mir mei­ne Mut­ter am Haupt­bahn­hof in Würz­burg, da war ich unge­fähr zehn Jah­re alt: Ich war von der Musik eini­ger Stra­ßen­mu­si­ker ange­tan, die live Rap-Songs per­form­ten und die eine jun­ge Frau mit Gesang beglei­te­te.
Nach­dem ich die­se CD rauf und run­ter gehört hat­te, bat ich mei­ne Mut­ter, mir das neue Emi­nem-Album zu kau­fen, da ich sei­ne Musik­vi­de­os auf MTV gese­hen hat­te. Das war mein Ein­stieg in die ame­ri­ka­ni­sche Rap-­Sze­ne, von der ich bis heu­te noch viel mehr Inspi­ra­ti­on neh­me als aus der deut­schen Sze­ne.
Auch Instru­men­te haben mich fas­zi­niert; ich kam aber zunächst nicht dazu, eines selbst zu spie­len, bis ich mich mit unge­fähr zwölf Jah­ren dazu ent­schied, unbe­dingt eines erler­nen zu wol­len. Da ein Schlag­zeug viel zu laut und teu­er war, kauf­te mir mei­ne Mut­ter eine Gitar­re und mel­de­te mich im Gitar­ren­kurs im Neben­haus an. Zwei Jah­re spiel­te ich Gitar­re, bis ich irgend­wann die Lust dar­an ver­lor…

Wer hat dir all die Din­ge bei­gebracht, die es braucht, um selbst Musik zu machen? Es klingt so, als seist du Auto­di­dakt…
Mei­nen musi­ka­li­schen Lern­pro­zess wür­de ich als „pro­gres­siv-fort­lau­fend“ beschrei­ben. Mit zwölf fing ich an, mir Gedan­ken zu machen, was hin­ter der Musik steckt, die ich täg­lich hör­te, und begann You­Tube-Vide­os zu schau­en, in denen genau das beschrie­ben wird. Mei­ne Fas­zi­na­ti­on für die Musik und ihre „Macher“ wuchs immer wei­ter. Um 2015 fand ich die ers­ten Vide­os von soge­nann­ten Pro­du­cern, die auf You­Tube erklär­ten, wie sie Musik pro­du­zie­ren und was sie dafür benö­ti­gen. Ich pro­bier­te etli­che Din­ge aus und fing im sel­ben Jahr an, Musik mit mei­nem Han­dy­m­i­kro­fon auf­zu­neh­men. Ich brauch­te zwei Jah­re, um mich zu über­win­den, mehr als 150 Euro für ein Musik­pro­gramm, eine DAW [Digi­tal Audio Work­sta­tion] aus­zu­ge­ben, näm­lich für FL Stu­dio. Die­se und ähn­li­che Pro­gram­me wer­den heut­zu­ta­ge von gro­ßen, welt­weit aner­kann­ten Pro­du­cern benutzt, um Hits zu pro­du­zie­ren; sie sind sehr kom­plex und ich ler­ne seit Jah­ren damit umzu­ge­hen, indem ich das Pro­gramm nut­ze… Eigent­lich arbei­te ich nur mit FL Stu­dio, das jeg­li­che Fea­tures beinhal­tet. Es ist eines der ange­se­hens­ten DAW-Pro­gam­me, wenn es um Musik geht. Das heißt aber auch, dass man ein paar Jah­re Zeit braucht, bis man sich kom­plett im Pro­gramm aus­kennt und mit der per­fek­ten Effi­zi­enz arbei­ten kann.

Du stehst kurz vor dem Abitur. Den­noch fin­dest du Zeit, um neue Songs zu schrei­ben. Wie ent­ste­hen dei­ne Songs? Woher nimmst du Inspi­ra­ti­on?
Inspi­ra­ti­on neh­me ich aus allen erdenk­li­chen Din­gen des All­tags: aus Sachen, die ich sehe (z. B. Kla­mot­ten), aus Musik, die ich höre, und natür­lich aus mei­nen eige­nen Emo­tio­nen. Oft inspi­rie­ren mich auch Beats, die ich anhö­re, so sehr, dass ich damit direkt ein Gefühl und einen dazu pas­sen­den Text ent­wi­ckeln kann. Ich wür­de mir ger­ne viel mehr Zeit für die Musik neh­men, was mir aber momen­tan durch den Lern­auf­wand fürs Abitur und durch sons­ti­ge Din­ge des täg­li­chen Lebens erschwert wird. Des­we­gen freue ich mich schon auf die Zeit nach dem Abitur, da ich mir dann eini­ge Mona­te Zeit neh­me wer­de, um mich voll auf mei­ne Musik kon­zen­trie­ren zu kön­nen.

Wie sieht der Weg von der ers­ten Idee bis zur Ver­öf­fent­li­chung des Songs aus? Wie kann ich mir eine Stu­dio-Ses­si­on vor­stel­len?
Da ich erst jetzt anfan­ge, Tei­le der Arbeit auf ver­schie­de­ne Per­so­nen zu ver­tei­len, besteht eine Stu­dio-Ses­si­on im Moment noch aus ext­rem vie­len klei­nen Arbeits­schrit­ten, die sich die meis­ten grö­ße­ren Künst­ler erspa­ren. Alles fängt mit einem Beat an, auf dem der Song auf­bau­en soll. Anfangs kann­te ich nie­man­den und surf­te stun­den- bzw. wochen­lang durch You­Tube, um die rich­ti­gen Beats zu fin­den. Dazu gibt es soge­nann­te Type Beats – Beats, die sich ähn­lich anhö­ren wie die eines bekann­ten Künst­lers, z. B. Dra­ke Type Beats, Beats, die sei­nem Sound­bild ent­spre­chen. Heu­te habe ich eini­ge Pro­du­cer online sowie im ech­ten Leben ken­nen­ge­lernt, die mir regel­mä­ßig Beats schi­cken.
Den­noch ver­brin­ge ich noch immer sehr viel Zeit mit der Suche nach dem rich­ti­gen Beat. Da der eige­ne Musik­ge­schmack fort­schrei­tend wächst bzw. sich ver­än­dert, gefal­len mir oft Beats nach einer gewis­sen Zeit nicht mehr, sodass die­se ein­fach abge­spei­chert in irgend­ei­ner Lis­te ver­schwin­den. Die­se Lis­te besteht mitt­ler­wei­le aus über 700 Beats…
Nach­dem ich einen Beat gefun­den habe, schrei­be ich Tex­te, die dem Sound­bild ent­spre­chen. Oft mache ich einen Beat an und ver­su­che, mit Melo­di­en und Stro­phen ein Grund­ge­rüst für den Song zu kon­stru­ie­ren, wel­ches ich im Nach­hin­ein genau doku­men­tie­re. Frü­her habe ich anschlie­ßend selbst ver­sucht, die Musik abzu­mi­schen und eine mög­lichst hoch­wer­ti­ge Sound­qua­li­tät zu errei­chen. Danach habe ich mich an Pho­to­shop gesetzt und pro­biert, ein pas­sen­des Bild zu erstel­len, um es als Cover zu ver­wen­den. Der gesam­te Pro­zess streck­te sich über meh­re­re Tage, manch­mal sogar Wochen. Des­halb habe ich nun damit ange­fan­gen, gewis­se Arbeits­pro­zes­se wie z. B. das Abmi­schen oder die Erstel­lung eines Covers auf ver­schie­de­ne Dienst­leis­ter zu ver­tei­len.

Inwie­fern bist du mit ande­ren Musi­kern ver­netzt? Arbei­tet ihr zusam­men?
Da heut­zu­ta­ge fast alles über Soci­al Media wie etwa Insta­gram läuft, sind Kon­tak­te, neben Geld, das Wich­tigs­te, wenn man sei­ne Musik erfolg­reich ver­mark­ten möch­te. Im letz­ten Jahr habe ich eini­ge weni­ge Per­so­nen ken­nen­ge­lernt, mit denen ich mehr oder weni­ger aktiv in Kon­takt ste­he. Bis jetzt habe ich selbst nur einen Künst­ler gefea­tured, da mir vie­les ein­fach nicht zusagt. Per­so­nen, die mich musi­ka­lisch inspi­rie­ren und sich von allen ande­ren unter­schei­den, sind meis­tens schon rela­tiv groß, des­halb kommt man nicht an sie her­an. Den­noch bin ich Teil von eini­gen gro­ßen Whats­App-Grup­pen mit jeweils 50 oder mehr Teil­neh­mern, wo man sich über aktu­el­le Gescheh­nis­se und neue, eige­ne Musik aus­tauscht bzw. Feed­back bekommt. Ich hof­fe, eines Tages ande­re Künst­ler zu fin­den, mit denen man sich gut ver­steht und erfolg­reich zusam­men­ar­bei­ten kann.

Wie sehen dei­ne nächs­ten musi­ka­li­schen Plä­ne aus? Was ist wich­tig, um erfolg­reich zu wer­den?
Das gro­ße Ziel ist, die für mich best­mög­li­che Musik zu machen und eines Tages end­lich alle Ide­en tech­nisch und künst­le­risch genau so umset­zen zu kön­nen, wie ich sie im Kopf habe. Ein wei­te­res Ziel ist natür­lich, ste­tig qua­li­ta­tiv zu wach­sen und ande­re mit mei­ner Musik zu errei­chen, sich mit ande­ren krea­ti­ven Men­schen zu ver­bün­den, viel­leicht sogar ein Team zu bil­den und zu rei­sen.
Um erfolg­reich zu sein, müs­sen grö­ße­re Pro­jek­te ent­ste­hen: Vor allem auf­wän­di­ge Musik­vi­de­os erlau­ben es dem Zuhö­rer, sowohl akus­tisch wie auch visu­ell eine Ver­bin­dung zum Künst­ler auf­zu­bau­en. Man darf nicht ver­ges­sen, dass sich ein Künst­ler heut­zu­ta­ge, anders als frü­her, von Zehn­tau­sen­den ande­ren klei­nen Künst­lern abhe­ben muss, um her­aus­zu­ste­chen und zu wach­sen. Des­halb ver­su­che ich, mög­lichst krea­tiv zu sein und aus­ge­fal­le­ne Musik bzw. Musik­vi­de­os zu kre­ieren. Ich hof­fe, dass sich dadurch eines Tages ein talen­tier­ter Pro­du­cer fin­det, mit dem man zusam­men Musik kre­ieren kann, sodass man den auf­wän­di­gen Pro­zess der Suche nach einem Beat ver­kürzt und direkt sei­nen eige­nen Sound kre­ieren kann.

Was hat der Musik­un­ter­richt in der Schu­le mit dir und dei­ner Musik zu tun? Was wür­dest du gern im schu­li­schen Musik­un­ter­richt ler­nen?
Um ehr­lich zu sein: Ich habe den Musik­un­ter­richt nie son­der­lich ernst genom­men. Schon in der 5. Klas­se habe ich den Bezug zur aktu­el­len Musik nie wirk­lich gese­hen, was mich (zusätz­lich zu den Noten, die ich zuvor nie gese­hen hat­te) dazu brach­te, im Musik­un­ter­richt nicht auf­zu­pas­sen. Dadurch ent­stan­den immer mehr Lücken, die ich nie gefüllt habe. Als der Stoff anfing, immer mathe­ma­ti­scher zu wer­den, schal­te­te ich kom­plett ab. Ich hat­te genug von der Theo­rie und woll­te mehr Pra­xis, wes­halb mir Musik­ge­schich­te schon weit bes­ser gefiel. Doch im Unter­richt haben wir nie die aktu­el­le Musik mit all ihren Facet­ten durch­ge­nom­men; ledig­lich die Pop-Kul­tur wur­de ange­schnit­ten…
Jetzt bemer­ke ich, dass Noten­kennt­nis­se nicht essen­zi­ell not­wen­dig sind, um gute Musik zu machen, aber extrem hilf­reich sein kön­nen, vor allem, wenn es um ver­schie­de­ne Instru­men­te geht, die mit ein­ge­baut wer­den müs­sen, oder wenn man den Leit­ton einer Melo­die her­aus­fin­den muss. Den­noch konn­te ich bis heu­te jeg­li­ches Pro­blem, wel­ches die feh­len­den Noten­kennt­nis­se betrifft, durch das Inter­net behe­ben.
Im Musik­un­ter­richt wün­sche ich mir, beson­ders zu Beginn, ein­stei­ger­freund­li­che­re The­men, die All­tags­be­zug haben und auch Schü­ler, die sich anfangs nicht dafür inter­es­sie­ren und die kei­ne Kennt­nis­se von zuhau­se mit in den Unter­richt brin­gen, ein­be­zie­hen. Außer­dem wäre es wich­tig, den Stoff auf den heu­ti­gen Stand aus­zu­wei­ten und aktu­el­le Musik aller Rich­tun­gen mit ihren jewei­li­gen Facet­ten zu behan­deln.

Lesen Sie wei­te­re Bei­trä­ge in Aus­ga­be 4/2020.