Riese, Astrid

Vie­le Wege füh­ren nach draußen…

Klavierunterricht hinter Gittern. Ein Tagebuch

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Staccato, Düsseldorf 2009
erschienen in: üben & musizieren 3/2010 , Seite 58

Durch einen Stif­ter wur­de ein be­sonderes Pro­jekt mög­lich: Eine Musik­schul­leh­re­rin wur­de ein­ge­la­den, in einer Jus­tiz­voll­zugs­an­stalt (JVA) für Frau­en Kla­vier zu unter­rich­ten. Die sehr detail­lier­ten Tage­buch­auf­zeich­nun­gen der enga­gier­ten Päd­ago­gin begin­nen im Febru­ar 2006 und enden im April 2007. Das Ende ist offen, man erfährt nicht, ob das Pro­jekt noch läuft oder wie­der ein­ge­stellt wurde.
Die Form des Tages­buchs lässt neben den aus­führ­li­chen Unter­richts­pro­to­kol­len auch außer­musikalische The­men zu. Da wird die gan­ze Logis­tik eines Gefäng­nis­ses geschil­dert. Es gibt nicht weni­ge Pro­ble­me bei der Auf- und Zuschlie­ße­rei: Die Schü­le­rinnen kom­men bis­wei­len nicht pünkt­lich zum Unter­richt, weil sie nie­mand aus ihrem Flur he­rausließ. Und auch die Leh­re­rin muss oft dar­um kämp­fen, her­ein- oder wie­der her­aus­ge­las­sen zu wer­den. Die Fra­ge der Qua­li­tät des Unter­richts­in­stru­ments und die Übe­mög­lich­kei­ten für die erwach­se­nen Schü­le­rin­nen aller Alters­stu­fen neh­men immer wie­der Raum ein.
Das Kli­en­tel ist nicht ein­fach struk­tu­riert, jede der Ein­sit­zen­den hat natür­lich eine Vor­ge­schich­te. Astrid Rie­se berich­tet sehr offen von den Gesprä­chen mit den Gefan­ge­nen und von den Schwie­rig­kei­ten, per­sön­li­che Bezie­hun­gen auf­zu­bau­en. Die musi­ka­li­schen Vor­kennt­nis­se bewe­gen sich zwi­schen Null und schon recht fort­ge­schrit­te­nem Können.
Nicht für jede der Frau­en ist Klas­sik der rich­ti­ge Weg, die ver­sier­te Leh­re­rin bie­tet hier aus­rei­chen­de Alter­na­ti­ven an. Die Aus­wahl der Anfän­ger­stü­cke unter­schei­det sich kaum von denen von Kin­dern: Die Titel sind im Buch genannt und man erkennt die päd­ago­gi­schen Zie­le. Es bie­ten sich bald ers­te Mög­lich­kei­ten für vier­hän­di­ges Musi­zie­ren an, klei­ne Vor­spie­le inner­halb der Mau­ern wer­den orga­ni­siert und durch­ge­führt. Astrid Rie­se spielt dabei auch selbst oder bringt Schü­le­rin­nen aus der Musik­schu­le mit. Kon­zer­te inner­halb der JVA mit aus­wär­ti­gen Künst­lern gibt es auch bis­wei­len, die Autorin berich­tet sogar von einer Auf­füh­rung der Zauberflöte.
Die Regel­mä­ßig­keit des wöchent­li­chen Unter­richts wird immer wie­der unter­bro­chen: Die Schü­le­rin­nen haben bis­wei­len stren­ge­re Haft­auf­la­gen, mal sind sie indis­po­niert, manch­mal über­raschenderweise bereits ent­las­sen. Die Fluk­tua­ti­on ist grö­ßer als an einer Musik­schu­le, die Nach­fra­ge aber immer wie­der erfreu­lich groß. Es gelingt da und dort, Key­boards in die Zel­len stel­len zu kön­nen, um ein regel­mä­ßi­ges Üben zu ermög­li­chen. Mit­wir­kun­gen in den inter­nen Got­tes­diens­ten kön­nen nach ent­spre­chen­den Fort­schrit­ten ein­ge­plant werden.
Das Tage­buch berich­tet immer wie­der von sehr erfreu­li­chen Momen­ten und Sze­nen, es gibt aber auch reich­lich Ent­täu­schun­gen: Wer an einem sol­chen Platz arbei­tet, muss eine gewis­se Gelas­sen­heit und inne­re Ausge­glichenheit mit­brin­gen. Ein Fazit zieht Astrid Rie­se nicht. Viel­leicht ist sie ja noch mittendrin.
Wolf­gang Teubner