Bradler, Katharina (Hg.)

Viel­falt im ­Musi­zier­un­ter­richt

Theoretische Zugänge und praktische Anregungen

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Schott, Mainz 2016
erschienen in: üben & musizieren 4/2017 , Seite 48

Zu Beginn stellt die Her­aus­ge­be­rin fest: „Dass Viel­falt gesell­schaft­li­che Rea­li­tät ist, steht wohl außer Fra­ge.“ Sie ver­weist auf die lan­ge Forschungstradi­tion in ande­ren Fächern und den ein­schlä­gi­gen all­ge­mein­päd­ago­gi­schen Fach­dis­kurs, um dann zu kon­sta­tie­ren: „Ant­wor­ten bzw. Stel­lung­nah­men sei­tens instru­men­tal- und gesangs­päd­ago­gi­scher For­schung hin­ge­gen ste­hen in den genann­ten Berei­chen noch aus. Auch fehlt es an prak­ti­schen Hand­rei­chun­gen…“ Vor die­sem Hin­ter­grund hat man es hier ­sozu­sa­gen mit dem „Buch der Stun­de“ zu tun.
Viel­falt zeich­net auch den Band selbst mit sei­nen 18 Bei­trä­gen aus. Aus vie­ler­lei Per­spek­ti­ven wird das The­ma beleuch­tet: Meh­re­re Autorin­nen wid­men sich der Klä­rung zen­tra­ler Begrif­fe, so Katha­ri­na Brad­ler in ihrer Ein­lei­tung, außer­dem Ma­rion Gerards und Clau­dia Mey­er sowie Irm­gard Merkt, die auch einen klei­nen his­to­ri­schen Abriss der Begriffs­ver­wen­dun­gen lie­fert. Des Wei­te­ren fin­den sich Dar­stel­lun­gen von Ansät­zen zum Ver­ständ­nis der Begrif­fe Inklu­sion (Julia­ne Ger­land) und Hete­ro­ge­ni­tät (Clau­dia Mey­er nach Anne­do­re Pren­gel) sowie Emp­feh­lun­gen für Leh­ren­de, die in ei­nem sprach­lich-kul­tu­rell vielfäl­tigen Kon­text unter­rich­ten (And­rea Wel­te).
Ver­brei­te­te und gewohn­te Sicht­wei­sen wer­den in Fra­ge gestellt, so der All­ge­mein­platz von Musik als Welt­spra­che (Mar­ti­na Krau­se-Benz), das Ziel einer För­de­rung von Men­schen mit bestimm­ten Dif­fe­renz­merk­ma­len, das Gefahr läuft, die grund­sätz­li­che Hete­ro­ge­ni­tät unter Indi­vi­du­en zu ver­ken­nen (Johann Hon­nens), sowie das Feed­back­ver­hal­ten von Lehr­per­so­nen im Grup­pen­un­ter­richt, das durch­aus zur Ver­fes­ti­gung der Zuschrei­bung von Leis­tungs­dif­fe­ren­zen bei­tra­gen kann (Kers­tin Heber­le). Franz Kas­per Krö­nig wirft einen kri­tisch-pro­vo­zie­ren­den Blick auf die Rol­le der Musik­päd­ago­gik in der „ver­wal­te­ten Welt“ der „Mach­bar­kei­ten“ und des „Umset­zens“; ihm zufol­ge droht die Musik­päd­ago­gik „damit jedes kri­ti­sche und gesell­schafts­ver­än­dern­de Poten­zial der Inklu­si­ons­päd­ago­gik zu ver­spie­len“.
Etwa die Hälf­te des Buchs ent­fällt auf prak­ti­sche Anre­gun­gen. Auch hier zeigt sich eine gro­ße Viel­falt: Einer­seits geht es um Inklu­si­on oder Teil­ha­be in Bezug auf unter­schied­li­che Bedürf­nis­se, um Alter und Leis­tungs­he­te­ro­ge­ni­tät (Jana Hel­lem und Hel­mar Lei­pold, Bea­te Hen­nen­berg, Clau­dia Mey­er, San­dra Spal­lek und Corin­na Vogel, Robert Wag­ner, Mei­ke Wie­czo­rek) sowie um kul­tu­rel­le Kon­tex­te (Emin Türk­arslan, Andrea Wel­te), ande­rer­seits eben­so um insti­tu­tio­nel­le Bedin­gun­gen (Julia­ne Ger­land, Robert Wag­ner) wie um Aspek­te des Unter­richts (San­dra Spal­lek und Corin­na Vogel, Andrea Wel­te) bis hin zu Bei­spie­len für Arran­ge­ments (Emin Tür­kars­lan, Mei­ke Wie­czo­rek). Nicht jedes Detail scheint hier glei­cher­ma­ßen erhel­lend, etwa wenn die Gene­se eines Ensem­bles oder Gege­ben­hei­ten vor Ort dar­ge­stellt wer­den. Zwei­fel­los loh­nend sind aller­dings Ein­bli­cke in die Inhal­te und Metho­den der künst­le­risch-päd­ago­gi­schen Arbeit selbst.
Es han­delt sich hier um ein wich­ti­ges Buch, das einen Gewinn für die Fach­welt dar­stellt und Lese­rin­nen und Leser viel­fäl­tig berei­chern kann.
Micha­el Dartsch