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Mahlert, Ulrich

Was will ich für wen sein?

Zum beruflichen Selbstkonzept von MusikschulleiterInnen

Rubrik: Aufsatz
erschienen in: üben & musizieren 4/2018 , Seite 06

Mit welchen Personen haben es MusikschulleiterInnen zu tun? Welche Rollen nehmen sie ein? Und gibt es den idealen Musikschulleiter? Ulrich Mahlert ­diskutiert grund­legende Fragen, die für die persön­liche Erarbeitung eines beruflichen Selbstkonzepts als MusikschulleiterIn maßgeblich sind.

Über­all dort, wo wir etwas ver­än­dern und wei­ter­ent­wi­ckeln wol­len, kommt es dar­auf an, Ermu­ti­gung zu för­dern und Ent­mu­ti­gung zu ver­mei­den. Das gilt für den Umgang mit ande­ren Men­schen wie für den Umgang mit uns selbst. In der päd­ago­gi­schen Arbeit stellt jede Unter­richts­stun­de die Lehr­kraft vor die­se For­de­rung: Schü­le­rin­nen und Schü­ler wol­len dazu­ler­nen, sie wol­len im Musi­zie­ren ein per­sön­li­ches Aus­drucks­mit­tel fin­den, ihre indi­vi­du­el­len Poten­zia­le ent­fal­ten. Lehr­kräf­te wol­len ihnen dabei hel­fen. Gera­de dann aber, wenn sie sich beson­ders enga­gie­ren und ihre Arbeit auf hohe Maß­stä­ben aus­rich­ten, stellt sich bei man­chen Schü­le­rIn­nen leicht ein Gefühl von Über­for­de­rung ein. Und so wer­den Kräf­te eher gehemmt als ent­fal­tet.
Nicht viel anders ist es in Füh­rungs­po­si­tio­nen wie denen von Musik­schul­lei­te­rIn­nen. Hier geht es dar­um, Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen zu stär­ken und zu ermu­ti­gen. Viel­leicht noch mehr als im Unter­richt ist hier zusam­men mit der kon­struk­ti­ven Ein­wir­kung auf ande­re der posi­ti­ve Umgang mit mir selbst gefor­dert – die Ent­wick­lung eines zuträg­li­chen Ver­hält­nis­ses zu mir selbst, also: Selbst­füh­rung. Die Auf­ga­ben­be­rei­che und Anfor­de­run­gen sind so viel­fäl­tig, dass man oft nicht weiß, wie man ihnen gerecht wer­den soll. Und es gibt eben nicht immer nur Erfol­ge und posi­ti­ve Rück­mel­dun­gen. Jeder, der eine Musik­schu­le oder einen ihrer Berei­che lei­tet, kennt auch Gefüh­le von Zwei­fel und Unsi­cher­heit. Sie blei­ben nie­man­dem erspart, der enga­giert arbei­tet, mit ande­ren und für ande­re wirkt, für Zie­le ein­steht, ande­ren und sich selbst gegen­über anspruchs­voll ist und sich über die eige­ne Arbeit defi­niert.
Die unver­zicht­ba­re Auf­ga­be jedes glaub­wür­dig und über­zeu­gend han­deln­den Men­schen mit Füh­rungs­auf­ga­ben liegt nicht zuletzt dar­in, eine per­sön­lich stim­mi­ge Art des Agie­rens zu ent­wi­ckeln. Die grund­le­gen­de Vor­aus­set­zung dazu ist ein per­sön­li­ches beruf­li­ches Selbst­kon­zept. Damit mei­ne ich, ver­kürzt aus­gedrückt, ein selbst­be­stimm­tes, wohl erwoge­nes und den eige­nen Mög­lich­kei­ten gemä­ßes Pro­gramm für die eige­ne Berufs­aus­übung. Doch bevor wir zum beruf­li­chen Selbst­kon­zept kom­men, müs­sen wir über des­sen Grund­lagen nach­den­ken:
– Wel­che prin­zi­pi­el­len Auf­ga­ben gehö­ren zur Füh­rung einer Musik­schu­le?
– Mit wel­chen Per­so­nen­grup­pen habe ich es als Musik­schul­lei­ter vor allem zu tun? Wel­che Inter­es­sen und Erwar­tun­gen haben die­se Per­sonengruppen?
– Wel­che Rol­len erwach­sen aus mei­nen Aufga­ben und aus den Erwar­tun­gen der Personen­grup­pen, mit denen ich es beruf­lich zu tun ha­be? Wie ver­hal­ten sich die Rol­len zuein­an­der?
– Wie gehe ich mit der Rol­len­plu­ra­li­tät und mit Rol­len­kon­flik­ten um?
– Wel­che Leit­bil­der für die Lei­tung einer Musik­schu­le gibt es? Wel­che sagen mir zu, wel­che weni­ger?
– Gibt es den idea­len Musik­schul­lei­ter?
Und bei der Ent­wick­lung eines beruf­li­chen Selbst­kon­zepts stel­len sich fol­gen­de Fra­gen:
– Was ist ein per­sön­li­ches beruf­li­ches Selbst­konzept?
– Was beinhal­tet es für Musik­schul­lei­ter?

Wel­che prin­zi­pi­el­len Auf­ga­ben gehö­ren zur Füh­rung einer ­Musik­schu­le?

Musik­schu­len sind Bil­dungs­ein­rich­tun­gen und kom­mu­na­le Kul­tur­zen­tren. Musik­schul­lei­te­rIn­nen haben die Auf­ga­be, ihre Ein­rich­tun­gen so zu füh­ren, dass sie die Dop­pel­aus­rich­tung auf Bil­dung und Kul­tur wahr­neh­men und best­mög­lich erfül­len kön­nen. Wie ver­hal­ten sich Bil­dung und Kul­tur zuein­an­der? Bil­dung sei die sub­jek­ti­ve Sei­te von Kul­tur, hat Theo­dor W. Ador­no bün­dig for­mu­liert. Dem­nach gilt umge­kehrt: Kul­tur ist die gesell­schaft­li­che Sei­te von Bil­dung. Die­se Dop­pel­heit von indi­vi­dua­li­sie­ren­der Bil­dung und kul­tu­rel­ler Brei­ten­wirk­sam­keit erscheint mir als ein Leit­ide­al einer guten Musik­schul­füh­rung. Musik­schu­len sind dafür ver­ant­wort­lich, dem Ein­zel­nen musi­ka­li­sche Bil­dung zu ermög­li­chen. Jeder Mensch soll und darf sich nach sei­nen eige­nen musi­ka­li­schen Bedürf­nis­sen und Poten­zia­len ent­fal­ten. Eben­so sol­len Musik­schu­len aber auch reprä­sen­ta­tiv in die Öffent­lich­keit ihrer Gemein­den hin­ein­wir­ken, Men­schen zusam­men­füh­ren und ihnen Musik in viel­fäl­ti­gen Erschei­nungs­for­men ver­mitteln.
Was sind Bil­dungs­qua­li­tä­ten des Musi­zie­rens? Wann und wodurch sind ästhe­ti­sche Erfah­run­gen, die im Musi­zie­ren gemacht wer­den, wert­voll für das Leben unse­rer Schü­le­rin­nen und Schü­ler? Was ist bil­den­der Musik­un­ter­richt? Sol­che Fra­gen zu unse­ren Bil­dungs­auf­ga­ben müs­sen Dau­er­the­ma im Kol­le­gen­kreis blei­ben. Das Glei­che gilt für Fra­gen, die unse­re kul­tu­rel­len Auf­ga­ben betref­fen: Wie errei­chen wir mit unse­ren Akti­vi­tä­ten und „Pro­duk­ten“ mög­lichst wir­kungs­voll die kom­mu­na­le Öffent­lich­keit? Wie „bil­den“ wir Gemein­schaf­ten, wie ver­mit­teln wir Musik an unter­schied­li­che Ziel­grup­pen?
Oft hören wir das Wort „Bil­dung“ – gram­ma­ti­ka­lisch gespro­chen – vor allem intran­si­tiv, ohne Akku­sa­tiv: Der Zwei­wort­satz „Musik bil­det“ ist das ein­fachs­te Bei­spiel. Gera­de als Musik­schul­lei­ter tun wir gut dar­an, uns immer wie­der auch die tran­si­ti­ven Mög­lich­kei­ten unse­rer Bil­dungs- und Kul­tur­ar­beit zu ver­ge­gen­wär­ti­gen, also immer wie­der danach zu fra­gen, was durch sie „gebil­det“ wird. Musik und Musi­zie­ren bil­den die Per­sön­lich­keit unse­rer Schü­le­rin­nen und Schü­ler, ihre Sin­ne, ihr Selbst­be­wusst­sein, ihre Urteils- und Kri­tik­fä­hig­keit, ihre sozia­len Kom­pe­ten­zen, ihren Sinn für Zuhö­ren und Tole­ranz, ihre Erleb­nis- und Genuss­fä­hig­keit – und manch­mal gar ihren Lebens­sinn. Die­se Bil­dungs­funk­tio­nen wei­ten sich ins Kul­tu­rel­le: Musik und Musi­zie­ren bil­den Gemein­schaf­ten, bil­den Brü­cken zwi­schen Men­schen, Genera­tio­nen, zwi­schen Teil­kul­tu­ren und Kul­tu­ren, sum­ma sum­ma­rum: Sie bil­den einen unver­zicht­ba­ren Bei­trag zum gesell­schaft­li­chen Leben einer Gemein­de. Musik­schul­lei­te­rIn­nen ste­hen für die­ses Auf­ga­ben­spek­trum. Es muss ihnen ge­lingen, auch in der klein­tei­li­gen Alltags­arbeit immer wie­der das Bewusst­sein für die gro­ßen Wir­kungs­mög­lich­kei­ten von Musik­schul­ar­beit auf­le­ben zu las­sen.

Lesen Sie wei­ter in Aus­ga­be 4/2018.