Ehrenforth, Karl Heinrich

Wel­chen Spiel­raum hat die Kunst?

Gedanken zur Rolle von Musik und musikalischer Bildung in Schule und Gesellschaft vor dem Hintergrund der Ideen Leo Kestenbergs

Rubrik: Aufsatz
erschienen in: üben & musizieren 1/2014 , Seite 42

Im Freiburger Rombach Verlag sind die "Gesammelten Schriften" Leo Kestenbergs erschienen: sechs Bände mit Aufsätzen, Doku­menten und Briefen. Eine editorische Großtat – doch was kann uns Kestenberg heute noch sagen?

Wer war Leo Kes­ten­berg wirklich?

War er der kla­vier­spie­len­de Minis­te­ri­al­be­am­te und Traum­so­zia­list der Wei­ma­rer Repub­lik, der den „Musik­stu­di­en­rat“ erfand und dar­an glaub­te, dass alle Men­schen klas­si­sche Musik via all­ge­mein bil­den­der Schu­le schät­zen ler­nen könn­ten? Oder war er ein gro­ßer und weit ver­netz­ter euro­päi­scher Künst­ler und Kul­tur­po­li­ti­ker, der zur zen­tral len­ken­den Gestalt der benei­dens­wert leben­di­gen Ber­li­ner Nach­kriegskultur gewor­den ist, dabei sei­ne Iden­ti­tät als Musik­päd­ago­ge nie ver­leug­ne­te, aber dann als Jude das Emi­gran­ten­schick­sal mit vie­len ande­ren deut­schen Wis­sen­schaft­lern und Künst­lern tei­len musste?
Die ers­te Per­spek­ti­ve war lan­ge ver­brei­tet bis hin­ein in die Zunft der Musi­ker. Das zwei­te, offe­ne­re Por­trät ist der hier anzu­zei­gen­den publi­zis­ti­schen Groß­tat von Her­aus­ge­ber­schaft und Ver­lag mit einer Doku­men­ta­ti­on von nahe­zu 2500 Sei­ten zu ver­dan­ken, die Kes­ten­bergs weit grö­ße­res geis­ti­ges For­mat als Gestal­ter einer neu­en demo­kra­tisch ori­en­tier­ten Musik­kul­tur am Bei­spiel Preu­ßens sicht­bar wer­den lässt. Vor allem die Brie­fe zei­gen eine Per­sön­lich­keit von Rang, deren geis­ti­ger Weit­blick zusam­men mit einem bei Künst­lern eher raren (fach-)politischen Durch­setzungsvermögen und einem begeis­ter­ten und begeis­tern­den Glau­ben an die „Mensch­lich­keit durch Musik“ Ein­druck hin­ter­lässt. Nicht umsonst ist die­ser Mann von so bedeu­ten­den Künst­lern wie Oskar Kokosch­ka und Ernst Bar­lach por­trä­tiert wor­den. Fas­zi­nie­rend ist dabei eine zart­sai­ti­ge Empa­thie ohne tak­ti­sche Hin­ter­grün­de. Kes­ten­berg ringt dar­um, den ihn beglei­ten­den Men­schen sei­ne Sym­pa­thie zu schen­ken. Arro­ganz und Aggres­si­on sind ihm fremd.
Die­se Publi­ka­ti­on ist eine her­aus­ra­gen­de edi­to­ri­sche Leis­tung, die der jun­gen aka­de­mi­schen Dis­zi­plin der Musik­päd­ago­gik gut zu Gesicht steht. Sowohl hin­sicht­lich der ­mühe­vol­len Recher­chen in Ber­lin, Eng­land und Isra­el als auch im Hin­blick auf die infor­ma­ti­ven Ein­füh­run­gen, edi­to­ri­schen Anmer­kun­gen und das rei­che Arse­nal der Fuß­no­ten ist nur Gutes zu sagen.
Das hier wis­sen­schaft­lich aus­ge­brei­te­te Wis­sen könn­te als Fun­dus für eine Kul­tur­ge­schich­te der Küns­te (mit Bevor­zu­gung der Musik) in der ers­ten Hälf­te des 20. Jahr­hun­derts gute Diens­te leis­ten. Dass man­che Hin­wei­se zu Per­so­nen öfter in den Ein­zel­bän-den wie­der­holt wer­den, ist offen­sicht­lich der Erwar­tung zu ver­dan­ken, dass Ein­zel­bän­de mehr gekauft wer­den als die Gesamtausgabe.

Lesen Sie wei­ter in Aus­ga­be 1/2014.